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Erlangens Bissel: "Wir könnten am Ende Gewinner sein"

Wie geht es sportlich und wirtschaftlich beim HCE weiter? - 11.05.2020 16:40 Uhr

Der vorerst letzte Handballabend in der Arena: Nico Büdel (Mitte) gegen den Bergischen HC. © Sportfoto Zink / Daniel Marr


Herr Bissel, am Donnerstag wäre das letzte Saisonspiel Ihres HC Erlangen bei Aufsteiger HSG Nordhorn. Mit welchen Gefühlen werden Sie den Tag erleben?

Carsten Bissel: Ich habe alle Spiele auch in meinem Kalender eingespeichert und erst heute gesehen: Am Sonntag wäre das letzte Heimspiel gegen Hannover gewesen. Ich vermisse den Handball sehr, im Speziellen natürlich die volle Arena, die wir gehabt hätten. Und so auch den Saisonabschluss in Nordhorn.

Sie sind jemand, der immer auch den Blick auf die Zahlen haben muss...

Bissel: Bauchschmerzen habe ich gar keine, wenn Sie das meinen. Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht in Form von Gehaltsverzicht der Spieler, der Beantragung von Kurzarbeitergeld. Und auch die Dauerkarteninhaber und Sponsoren haben signalisiert, uns in der Krise zu unterstützen. Somit werden wir diese Saison gemeinsam gut zu Ende bringen.

Drei mögliche Szenarien

Und die nächste?

Bissel: Da wiederum habe ich natürlich leichtes Bauchgrimmen, weil die Unsicherheit, was die Zukunft bringen wird, alle Bereiche, nicht nur den Sport, umtreiben. So auch uns.

Worauf bereitet sich der HCE vor, welche Szenarien können eintreffen?

Carsten Bissel, 55 Jahre alt, ist seit 2010 Vorsitzender des Aufsichtsrats des Handball-Bundesligisten HC Erlangen. Hauptberuflich führt er als Rechtsanwalt die Kanzlei Bissel+ Partner. Selbst spielte Carsten Bissel lange Jahre höherklassig Amateurfußball.


Bissel: Ich sehe drei Varianten. Die Saison beginnt ganz normal im September. Wir beginnen mit Auflagen und mit Zuschauern oder aber Handball wird erst später im Jahr wieder erlaubt werden. Alle drei Varianten haben wir durchgeplant und würden wir hinbekommen.

Also auch eine ohne Zuschauer?

Bissel: Das wäre das Schlechteste für alle Vereine der Handball-Bundesliga, weil dann Zuschauereinnahmen und Kurzarbeitergeld fehlen, alle Kosten wie Hallenmiete, Reisen und Gehälter aber anfallen würden. Zudem könnten wir uns ohne Publikum nicht wie gewohnt präsentieren. Die Fernsehgelder betragen, anders als im Fußball, weniger als fünf Prozent der Einnahmen. Ich bin mir aber persönlich auch aufgrund der Signale, die wir von der Liga und aus einigen Bundesländern empfangen haben, sehr sicher, dass wir im September, vielleicht zunächst begrenzt auf 4000 oder 5000 Zuschauer und natürlich mit Hygieneauflagen, wieder Bundesligahandball in Nürnberg sehen werden.

"Keine Sorgen um uns machen"

Also muss man sich keine Sorgen machen, dass die Coronakrise das Ende des Erlanger Handballs bedeuten kann?

Bissel: Wir haben von unseren Sponsoren eine wirklich überragende Unterstützung erfahren. Wir haben nicht wie andere Vereine den einen großen Sponsor, sondern eine über Jahre gewachsene Struktur einer echten Gemeinschaft, in der jeder zusammenhält. Zusammenhalt ist auch im Profisport der Schlüssel in so einer Krise. Man muss sich wahrlich keine Sorgen um uns machen.

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Im Handballsport haben sich aufgrund der wirtschaftlichen Unterschiede der Klubs untereinander starre Kräfteverhältnisse entwickelt. Könnte sich hier durch die Krise nun dauerhaft etwas ändern – zugunsten des HC Erlangen?

Bissel: Diesen Gedanken habe ich mir auch schon gemacht und ich halte es absolut für möglich, dass wir auch Gewinner sein können. Ich denke, wir sind in einer guten Ausgangsposition, weil uns wirtschaftlich vergleichsweise wenig Unterstützung wegfallen wird. Sportlich haben wir vor Corona die nominell stärkste Mannschaft zusammengestellt, die wir je hatten.

Sie sprechen es an: Das neue Team wurde unter anderen Voraussetzungen gebastelt. Die beste Mannschaft kostet vermutlich auch deutlich mehr Geld. Können diese Verträge noch zu einem Risiko werden?

Bissel: Das können wir ohnehin nicht mehr ändern. Wir wurden von einer Pandemie überrascht, die niemand vorhersehen konnte. Dadurch weiß auch jeder Spieler, dass nächstes Jahr die Gürtel nicht nur im Handball enger geschnallt werden müssen. Nicht alles, was in den Verträgen steht, wird dann ohne jede Einbuße ausgezahlt werden können. Das gilt für alle Vereine. Da werden auch wir voraussichtlich nicht umhin kommen.

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Wird die Liga sportlich umso spannender, weil man keine Prognosen mehr abgeben kann?

Bissel: Wir haben schon ein unruhiges Jahr hinter uns, das ist kein Geheimnis. Wir haben uns viele Gedanken gemacht, woher diese Unruhe plötzlich nach neun relativ ruhigen Jahren kam, die wollen und werden wir nächstes Jahr nicht mehr so haben. Und wenn wir es zudem schaffen, Spieler, die zuletzt mental etwas Schwierigkeiten hatten, aufzurichten und ihr Potential herauszukitzeln, können wir alle überraschen.

Was war in Ihren Augen der Unruheherd?

Bissel: Das müssen wir noch abschließend analysieren, mehr kann ich dazu nicht sagen.

Der HC Erlangen hatte unter anderem drei Trainer in 27 Saisonspielen. Sind Sie froh, dass diese Runde vorzeitig endete?

Bissel: Das kommt auf die Sichtweise an, aber in einigen der vergangenen Jahre wäre ein Abbruch für uns sicher brutaler gewesen. Wenngleich wir gern den Aufwind, den wir alle unter Michael Haaß gespürt haben, weiter fortgesetzt hätten. Daher schlagen zwei Herzen in meiner Brust.

Herr Bissel, was lernt der HC Erlangen aus dieser Saison?

Bissel: Wir haben gelernt, dass wir nur funktionieren, wenn wir eine eingeschworene Gemeinschaft sind: Vom Spieler über den Co-Trainer, die Physiotherapeuten bis zu den Trainern, Funktionären, den Sponsoren – nicht nur als Geldgeber, sondern auch als emotionale Unterstützer – bis hin zu den Fans. Das war im Umfeld der Mannschaft heuer nicht immer so. Da ist es von unschätzbarem Wert, dass die Ereignisse vor der Zwangspause, der Auftritt in Magdeburg, der emotionale Heimsieg über den BHC und das gelungene Trainingslager mit Michael Haaß Zeichen in die richtige Richtung waren.

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