Donnerstag, 17.10.2019

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Erlangens Schwimmsport blickt auf Olympia 2016

Nach zwei Jahren des Kampfes ums finanzielle Überleben hat die SSG neue Perspektiven — und schöne Ziele - 01.09.2010

Blick nach vorn: Roland Böller will Erlangens Schwimmer Richtung Olympia 2016 führen. © Fengler


„Das waren zwei nicht einfache Jahre“, sagt SSG-Cheftrainer Roland Böller. Er hat wunderbare Zeiten bei der SSG Erlangen erlebt. Welt- und Europameisterschaften, Olympische Spiele. Das Schwimmen bescherte Erlangen internationale Aufmerksamkeit; Millionen TV-Zuschauer sahen Hannah Stockbauer, die in den USA zur Weltschwimmerin des Jahres gekürt wurde, zu fünf WM-Titeln kraulen.

Zuletzt ging es aber darum, nicht unterzugehen: Als Siemens die Sportförderung einstellte und die Stadt Erlangen sparen musste, fehlte die finanzielle Grundlage. An Engagement fehlte es nicht, die Kommune ist stolz auf ihre mit Abstand erfolgreichste Sportart, deren Aktive einen Großteil der Rechnungen über Mitgliedsbeiträge ohnehin selbst finanzieren. Ein 2008 von Sportbürgermeister Gerd Lohwasser mitinitiierter Sponsorenpool fängt weitere Kosten auf, aber die hohen Hallenmieten drohten die SSG zu erdrücken. Trainer Böller hielt – heftig umworben – der SSG ein bisschen wider Vernunft die Treue, denn die Fragen drehten sich nicht mehr um Perspektiven auf Weltniveau. Die wichtigste lautete: Wie lange gibt es noch Spitzenschwimmsport in Erlangen?

Die Zeit des Bangens ist vorbei: Der Bayerische Schwimmverband führt Erlangen ab 1.September als Landesstützpunkt. Roland Böller ist jetzt auch BSV-Landestrainer und damit für Schwimmtalente aus der gesamten Metropolregion zuständig – ohne, dass diese zur SSG Erlangen wechseln müssten.

Offenes System

Dafür trägt der Verband einen Teil seines Gehalts; im Gegenzug überlässt die Kommune Trainingsbahnen – finanziert aus dem Leistungssport-Fördertopf der Stadt und von den Stadtwerken; für eine dritte Bahn wird gerade mit weiteren Sponsoren verhandelt. „Wir haben unsere Hausaufgaben zu einem Großteil erledigt“, sagt Roland Böller.

Rund zwanzig Aktive werden am Stützpunkt im Training sein, viele, aber nicht alle, von der SSG. „Das ist für die Sportler optimal, es entsteht eine sehr starke Trainingsgruppe“, sagt der Trainer, und: „Es ist ein offenes System. Im Spitzensport kommt man mit Vereinsmeierei nicht weiter.“

Jetzt ist jedenfalls die Stabilität bis 31. September 2012 gesichert, so lange geht vorerst die Vereinbarung mit dem Verband. „Das ist wichtig für die Attraktivität des Schwimmstandorts Erlangen“, so Böller. „Seit 2008 konnte man mit reinem Gewissen keinem Schwimmer mehr raten, hierher zu kommen.“

Im Gegenteil: Nadja Müller, Gina Rosenzweig oder Hannah Brinkmann bringen schon seit Jahren Spitzenleistungen – „aber der große Schritt konnte nicht kommen“, sagt Böller: „Man hätte ihnen irgendwann raten müssen, den Verein zu wechseln. Gottseidank musste ich dieses Gespräch nicht führen.“ Um diese jungen Frauen sowie um Talente wie Nils Wich-Glasen, Robin Blaicean und Vincent Liebig will Böller wieder ein Top-Team wie in den Jahren 2002 und 2004 formen. „2016 wollen wir wieder eine Rolle in Sachen Olympia spielen“ – die entspanntere finanzielle Situation wird sich günstig auswirken; schon im Oktober geht es zur Vorbereitung auf die deutschen Kurzbahnmeisterschaften auf 2100 Meter Höhe nach Flagstaff/Arizona, im Frühjahr 2011 ist ein weiteres Höhentrainingslager in der Sierra Nevada geplant – nach Jahren ohne solche Grundlagen.

Neuer Sog im Wasser

Die Aktiven und ihre Eltern wären sogar bereit, die Kosten dafür selbst zu tragen. „Aber das ist nicht der Zustand, den ich haben will“, sagt Roland Böller. Deshalb sei die weitere Sponsorensuche sehr wichtig. In die hat sich neben Sportbürgermeister Lohwasser auch Oberbürgermeister Siegfried Balleis mit einem offiziellen Referenzschreiben eingeschaltet.

Dank zahlreicher Sponsoren – alter und neu gewonnener – könne man den Schwimmerinnen und Schwimmern in Erlangern wieder etwas bieten. „Wir haben ein Bad, einen Trainer und gute Sportler als Grundlage. Außerdem ist die Gefahr des totalen Scheitern gebannt. Aber jetzt müssen wir etwas daraus machen“, so Böller. „Das wird kein Automatismus, aber der Rahmen ist jetzt vorhanden – man merkt, dass wieder ein Sog da ist.“

Zwei Jahre Kampf ums finanzielle Überleben, sagt Böller, hätten sich gelohnt: „Man hat dabei ja auch gesehen, welche Wertschätzung und Anerkennung unser Sport genießt“, sagt er, und: „Ich bin froh, dass ich da geblieben bin.“

VON NICOLE FORSTNER

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