Fußball-EM

Europas Maskenball: Die Fußball-EM im Schatten von Corona

10.6.2021, 05:46 Uhr
Auch in der Münchner Allianz Arena wird der Ball rollen. Deutschland tritt hier zu seinen drei Gruppenspielen an.

Auch in der Münchner Allianz Arena wird der Ball rollen. Deutschland tritt hier zu seinen drei Gruppenspielen an. © Sven Hoppe, dpa

"Die größte Party aller Zeiten" wollten sie feiern, "überall in Europa". Zumindest hatte das der heutige Fifa-Präsident und damalige Uefa-Generalsekretär Giovanni Infantino 2012 mit Blick auf die acht Jahre später terminierte Fußball-EM euphorisch angekündigt. Dann kam Corona und pulverisierte die Premiere eines paneuropäischen Turniers. Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Im zweiten Anlauf soll das Event nun durchgezogen werden, in elf statt zwölf Ländern. Von rauschender Partystimmung ist ein Tag vor dem Anpfiff in Rom allerdings kaum etwas zu spüren. Nirgends in Europa.

Man musste die revolutionäre Idee eines dezentral ausgetragenen Wettbewerbs, unter dem Deckmäntelchen des völkerverbindenden Charakters geboren aus dem Streben nach Gewinnmaximierung und verbandspolitischem Kalkül des damaligen Uefa-Chefs Michel Platini, schon vor der Pandemie nicht unbedingt gut finden. Ein künstlich aufgeblähtes Teilnehmerfeld, wenig klimaneutraler Reiseverkehr, fan-unfreundliches Länderhopping, ein Gastgeberland wie Aserbaidschan, in dem eben nicht nur Bälle, sondern auch Menschenrechte mit Füßen getreten werden – Kritikpunkte am multinationalen Mammutprojekt gab es genug.

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Fußballprofis in der "Blase"

Und nun auch noch: Kicken im Schatten von Corona. Natürlich ist es nötig, angesichts fallender Inzidenzwerte mit Bedacht zu einer gewissen gesellschaftlichen Normalität zurückzufinden. Und natürlich hat der Profifußball – nicht zuletzt dank seiner Strukturen, seiner Finanzkraft und seiner Lobbyarbeit - bereits bewiesen, dass er mit ausgeklügelten Hygienekonzepten und Teststrategien den Betrieb schon irgendwie am Laufen halten kann. Komplett geschützt vom Virus war aber auch die künstliche "Blase" nie.

Auf welch fragilem Fundament diese EM steht, lassen bereits die aktuell bekanntgewordenen Infektionen in den spanischen und schwedischen Auswahlteams erahnen. Während im Ligabetrieb Ausfälle organisatorisch gerade noch so kompensiert werden konnten, bietet das durchgetaktete EM-Programm kaum Spielraum. Sollten abgesagte Partien tatsächlich mit 3:0 für den Gegner gewertet werden, geriete der sportliche Wert des Turniers zur Farce.

"Überschaubares Risiko"

Für die Menschen, die nun in je nach staatlichem Belieben viertel-, halb- oder ganz vollen Stadien sitzen dürfen, sieht Daniel Koch, Corona-Berater der Uefa, ein "überschaubares Risiko". Wohl zu Recht. Bevölkern werden den sterilen Maskenball eh nur Angehörige der 3G-Fraktion (geimpft, genesen oder getestet). Mehr Gefahr dürfte da schon bei Zusammenkünften im privaten Bereich, auf Straßen und Plätzen lauern, wenn im kollektiven Freudentaumel alle Hemmungen und AHA-Regeln fallen. Möge die große Party von Sevilla über München bis St. Petersburg (mit Virusvariantengebiet London als finalem Sehnsuchtsort) also beginnen. Und hoffentlich ohne Corona-Kater enden.

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