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FCN-Mitglieder verzichten auf Generalabrechnung

Kontroverse Diskussionen bei der außerordentlichen Mitgliederversammlung - 24.06.2014 05:58 Uhr

Bleibt der starke Mann beim FCN: Martin Bader erhielt am Montag viel Zuspruch. © Sportfoto Zink / DaMa


Zum Trainingsauftakt waren am Sonntag 2200 Fans an den Valznerweiher gekommen, die Stimmung war: gut bis sehr gut, erstaunlicherweise. Es ging beim sportlichen Aufgalopp auch darum, wie man aus (überwiegend neu zum Verein gekommenen) Fußballern ein möglichst erfolgreiches Team formt; der Trainer, auch neu zum Verein gekommen, soll diese Aufgabe möglichst schnell bewältigen. Jede Trainingseinheit, sagte Trainer Valerien Ismael, werde dabei helfen, besondere Maßnahmen brauche es dafür nicht. Hart und konzentriert arbeiten, darum werde es gehen, dann werde es funktionieren – wenn auch nicht von heute auf morgen, es wird natürlich einen langen Atem brauchen.

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Der Debattier-Club: Mitgliederversammlung beim FCN

Brisanter Montag beim 1. FC Nürnberg: In der Meistersingerhalle stieg die außerordentliche Mitgliederversammlung, bei der sich die Club-Führung kritische Fragen ihrer Mitglieder gefallen lassen musste.


Am Montag, zur außerordentlichen Mitgliederversammlung des 1.FC Nürnberg, richtete sich der Blick allerdings für einen langen Abend noch einmal zurück – auf den achten Abstieg aus der Fußball-Bundesliga. In die Meistersingerhalle gekommen waren immerhin auch rund 1200 Mitglieder, trotz WM und Biergartenwetter. Weil ein Fußballverein ohne seine Mitglieder ein recht seelenloser Betrieb (wie zum Beispiel RB Leipzig, ein künftiger Nürnberger Gegner) wäre, sollte es zum einen darum gehen, Abbitte zu leisten, aber auch darum, die Basis mitzunehmen auf die Mission Wiederaufstieg, sozusagen auch da ein Team zu formen – vorerst natürlich tatsächlich von heute auf morgen, denn die Veranstaltung dauerte zwar bis in die Nacht hinein, aber über mehrere Wochen lassen sich derartige Zusammenkünfte nicht abhalten.

Die Stimmung war weder gut noch schlecht – darum ging es nicht -, sondern vom Bemühen um Konstruktivität getragen. Das erschloss sich schon früh am Abend, als die von einigen wenigen Mitgliedern angestoßene Umwidmung des Abends zur satzungsverändernden Versammlung auf wenig Gegenliebe stieß. Über entsprechende Anträge, die der Mitgliederversammlung künftig Eingriffe ins operative Geschäft gestatten sollte – was im deutschen Fußball einmalig gewesen wäre -, wurde deshalb gar nicht erst abgestimmt. Ein Plenum, das über Sportvorstände oder Trainer entscheidet, wünschen sich die Mitglieder offenbar nicht; die Sorge, der Verein könnte handlungsunfähig werden, ist zunächst einmal gegenstandslos: Eine riesige Mehrheit (1062 gegen 66 Stimmen) votierte dafür, die Anträge von der Tagesordnung zu nehmen.

Dass sie eingereicht worden seien, „um meinen Kollegen abzusägen“, bemerkte Finanzvorstand Ralf Woy im Blick auf Sportvorstand Martin Bader – und erhielt dafür ebenso lauten Beifall wie Bader selbst zu Beginn seiner „Rechenschaft“ (wie er es selbst formulierte) über einen „sang- und klanglosen Abstieg“, nach dem es gelte, „verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen“. Nach da schon über zweistündiger Sitzung durfte Bader seinen Vortrag unter auffällig lautem Applaus abschließen. Durchgängig Beifall durfte der Sportvorstand in der Rolle des Frontmanns eines Absteigers für den Rest des Abends nicht erwarten, für verschiedenste kritische (oder manchmal launische) Bemerkungen in Richtung Vorstand – bezüglich strategischen Entscheidungen und der Außendarstellung - erhielten dann viele Redner ebenso Zustimmung. Aber die weit verbreitete Vermutung, der Abend würde zu einer Generalabrechnung mit Martin Bader geraten, erwies sich als ganz beträchtlicher Irrtum – den lautesten Applaus bekam Bader für die geäußerte „Hoffnung, dass Sie mir zutrauen, mehr richtige als falsche Entscheidungen zu treffen".

Der Sportvorstand, seit über zehn Jahren im Amt, darf einen am Ende beinahe überraschend deutlichen Vertrauensbeweis mit in die Spielzeit nehmen; die via der Internet-Anonymität zuletzt verbreitete Stimmung deckt sich eben doch selten mit dem wirklichen Leben, und dass man kontrovers diskutieren und dabei auf Häme und persönliche Beleidigungen verzichten kann, zeigten die Stunden in der Meistersingerhalle auch. Schon deshalb war der Abend durchaus lehrreich.

Seriös, manchmal lustig

Die „Bitte, gemeinsam mit uns zu versuchen, unsere Ziele zu erreichen“, wie es Klaus Schramm, der Vorsitzende des Aufsichtsrates, formuliert hatte, wurde erfüllt, der Versuch, „ein einheitliches Bild von unserem Verein“ zu gewinnen (Schramm), gelang immerhin ansatzweise – ganz wird das im Fußball kaum je möglich sein, dafür gibt das Spiel zu viele Möglichkeiten zur Meinungsbildung her. Warum genau nun zum Beispiel der Club abgestiegen ist, ließ sich vollumfänglich auch nicht mehr klären.

Aber das Bemühen darum verlief fast durchgängig seriös, manchmal auch lustig – zum Beispiel, als ein ehemaliger Fürther Stadtrat fränkisch-charmant von den Schwierigkeiten berichtete, den Club in der Nachbarstadt zu lieben. Und die freundliche Bitte einer Dame, demnächst nicht noch das dritte Heimspiel hintereinander gegen das Fürther Kleeblatt zu verlieren, stieß natürlich auf restlos ungeteilten Beifall.

Zuhören durften alle; der Antrag, dabei die Medien auszuschließen – um, wie es hieß, eine freiere, offenere Diskussion zu ermöglichen -, wurde eingangs mit der deutlichen Mehrheit von 824 Nein-Stimmen abgelehnt. Die Ansicht, man habe nichts zu verbergen, stieß auf Konsens. Das bestätigte sich. Und verheimlichen lässt sich im Fußball heutzutage sowieso nichts mehr. Erst recht nicht ein Abstieg.

Die gesamte Mitgliederversammlung gibt es hier im Ticker.

Hans Böller

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