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FCN-Retter Schleusener: Helden sind auch nur Menschen

Von Schalke und einem rosaroten Elefanten: der Versuch einer Analyse - 14.04.2021 16:25 Uhr

Fabian Nürnberger erzielte im Trikot des 1. FC Nürnberg erst zwei Pflichtspieltreffer.

11.04.2021 © Sportfoto Zink / Wolfgang Zink, Sportfoto Zink / Wolfgang Zink


"Denke nicht an einen rosafarbenen Elefanten. Denke nicht an Fabian Schleuseners Tor in Ingolstadt. Denke in der Schlussphase nicht an die bisher 16 Gegentore in den Schlussphasen der bisherigen Spiele!" Wer sich all das befiehlt, der denkt nicht nur trotzdem, sondern gerade deshalb an das Fantasietier. An das Gefühl damals, als der Ball über die Linie kullerte und Schleusener, das Trikot über den Kopf gezogen, zum Jubel ansetzte, ehe er nur Sekunden später unter der gesamten Mannschaft begraben wurde. Oder an die Gegentore gegen Darmstadt, Fürth und Würzburg.


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Denkverbote bewirken beim Menschen meist das Gegenteil, da das Gehirn Verneinungen nicht visualisieren kann: Die Vorstellungskraft übersteige in jenen Fällen den Verstand, heißt es auf der Website einer Mentaltrainerin. Übertragen auf den Fußball und insbesondere auf den wohl krisenreichsten Klub im deutschen Profigeschäft, konstatierte Sportpsychologe Dr. Rene Paasch gegenüber der WAZ einst: "Das ist wie mit dem rosa Elefanten, du willst ihn nicht sehen und dann taucht er auf. Bei Schalke ist das mit den Fehlern, die zu Gegentoren führen, ähnlich. Sechs Mal hat eine Flanke zum Treffer für die Gegner geführt. Jetzt kommt die siebte Flanke - und das Kopfkino geht an."

Und vielleicht war es bei Fabian Schleusener ähnlich, als er in der 55. Minute am Dallenberg nach einer Kopfball-Verlängerung auf links durchstartet und zum Abschluss kommt. Vielleicht waren ja viele Gedanken der Grund für zu wenig Konsequenz im Schuss. Vielleicht. Sicher ist, dass Würzburgs Torhüter den Ball mühelos aufnahm, dass der Club letztlich nur Remis spielte und dass der FCN-Relegationsheld nicht nur die NN-Redaktion (Note 5), sondern auch die Fans (5,6) abermals enttäuschte (kicker-Notendurchschnitt in der laufenden Spielzeit 4,28).


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Eine demnach eher exklusive Meinung verbreitete Cheftrainer Robert Klauß nach der Partie auf der Pressekonferenz, sah er doch vom 29-Jährigen ein "vernünftiges Spiel". Seine Einschätzung begründete er mit dem Fleiß und der Laufbereitschaft seines Schützlings, räumte aber fehlendes "Glück im Abschluss" ein. Die Berufung des Angreifers in die Startelf erklärte der Fußballlehrer indes mit der guten Form, der guten Trainingsleistung und dem "sehr ordentlichen" Auftritt beim Achtungserfolg im freundschaftlichen Kräftemessen mit dem FSV Mainz 05, für den Schleusener sich mit einem Treffer belohnte hatte. Dass Klauß zur Stärkung der Offensive den verletzungsbedingten Ausfall von Fabian Nürnberger mit einem Stürmer statt mit einem Mittelfeldspieler kompensierte, mag gegen das Tabellenschlusslicht nachvollziehbar gewesen sein – zunächst.

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Zwar begann es gemessen an einem deutlich niedriger skalierten Maßstab, der bei einem zuletzt recht glücklosen Akteur von Nöten ist, ordentlich: Anstoß. Der erste von zahlreichen weiten Hieben des 1. FC Nürnberg an jenem Sonntag landet nach einer Kopfballverlängerung bei "Schleuse", der den Ball mit der Außenseite des rechten Fußes annimmt und umzingelt von fünf Würzburgern in einer relativ aussichtslosen Situation Richtung Seitenaus zieht, Arne Feick anschießt und somit dem Club zumindest einen Einwurf sichert. Es blieb aber eine der wenigen erfolgreichen Ballaktionen des 29-Jährigen, der aufgeboten als zentral offensiver Mittelfeldspieler beziehungsweise als hängende Spitze nicht annähernd spielerische Impulse setzen konnte wie beispielsweise Mats Möller Daehli in der Vorwoche.


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Dass der schnelle Freiburger seine Rolle als hängende Spitze anders interpretieren würde als der umtriebige Norweger, der gegen Paderborn als klarer Zehner agierte, war zu erwarten: So suchte er oft die Tiefe, um entweder Lücken vor der Abwehr aufzureißen oder selbst geschickt zu werden, anstatt im Zehnerraum einen Angriff nach dem anderen zu initiieren und den am Dallenberg dürftigen Ballvortrag des FCN zu lenken. An sich ist diese Tatsache nicht problematisch, sondern schlichtweg auf seinen Spielertyp zurückzuführen.

Man könnte – und würde, wenn Schleusener zum Torjäger avancierte – lobend behaupten, er bewege sich clever in den Räumen, weit entfernt vom eigentlichen Spielgeschehen, um dann gefährlich vor dem Tor aufzutauchen und einzunetzen. Nur dass eben der letzte Aufgabenteil im Trikot des 1. FC Nürnberg bisher nur zweimal gelang. Man könnte die Bewegungen in die Tiefe, wo er oftmals nicht anspielbar ist, aber auch als Bewegung vom Ball weg interpretieren, die sich in starkem Kontrast zu Möller Daehli, der sich und seinen Fähigkeiten vertrauend ein ums andere Mal das Spielgerät fordert, einordnen ließen.


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Das Verhalten auf dem Platz als sichtbarer Ausdruck des Selbstbewusstseins? Möglich. Sportpsychologe Paasch erklärte bezüglich der Situation beim FC Schalke 04 gegenüber Sky Sport: "Umso mehr schlechte Erfahrungen wir machen, umso mehr arbeiten wir auch mit diesen Bildern." Dies wirke sich dann auf "Sicherheitsmodus" aus: Der Mensch wolle nicht in Gefahrensituationen oder in Situationen des Misserfolgs kommen, "aber umso mehr er das nicht will, umso größer ist das Gegenwärtige". Heißt: Ein Spieler könnte unbewusst vermeiden wollen, in Situationen zu kommen, in denen er scheitern könnte, beziehungsweise in denen er die Wahrscheinlichkeit, scheitern zu können, ob der vergangenen Erfahrungen als recht hoch einstuft. In den demnach "sicheren" Situation ohne Ballaktion gelingt aber kein Erfolg, kein Treffer, kein Assist. Und damit festigt sich der Gedanke, kein Tor schießen oder auflegen zu können. Ein Teufelskreis.

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Eigentlich begann es ja gar nicht schlecht, doch nach Shuranovs frühem Führungstreffer verloren die Nürnberger zunehmend den Faden, immerhin aber nicht das Spiel. Eine Chance, sich im Abstiegskampf deutlich mehr Luft zu verschaffen, ließ der Altmeister trotzdem aus. Sie haben die Club-Spieler bewertet und sind besonders mit dem erneut fehleranfälligen Mühl, aber auch mit dem Coach hart ins Gericht gegangen.


Ob sich die beschriebenen psychischen Phänomene von den Königsblauen und einem rosafarbenen Elefanten tatsächlich auf den FCN-Stürmer übertragen lassen, ist freilich nur zu mutmaßen, schließlich lässt sich das Seelenleben eines Menschen, also auch jenes eines Fußballspielers, von außen nicht erkennen, sondern nur maximal erahnen. Fakt ist: Fabian Schleusener traf in 1841 Pflichtspielminuten für den Nürnberger Traum- und Traumata-Klub nur zweimal. Und die Geschichte vom Relegationsretter, der am Ort seiner schwersten Verletzung sein erstes und wohl das wichtigste Tor der jüngeren Vereinsvergangenheit erzielt, verliert in Anbetracht der darauffolgenden neun Monate an Romantik.


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Weil man sich am Valznerweiher für den "sehr lieben und angenehmen Menschen" (Klauß) wünschte, dass mit diesem glücklichen Treffer der Knoten platzen würde. Bisher vergeblich. Ein, zwei Erfolgserlebnisse wie in Ingolstadt oder Darmstadt reichen eben nicht, um das Gros der vorherigen glücklosen Situationen zu verdrängen. Es braucht die im Fußball nur selten vorhandene, aber oft unabdingbare Geduld. Weil selbst Relegationshelden nur Menschen sind, die auch gerade dann an einen rosafarbenen Elefanten denken, wenn sie es nicht tun sollten.

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Sara Denndorf

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