Fränkischer Familienclan

Fußball mit den Brüdern, den Cousins und Oma Anni

10.7.2021, 15:55 Uhr
Ob sie sich nach Alter oder nach Größe aufstellen, macht keinen Unterschied. Lockenkopf Chris (lnks) ist erst 20, überragt aber seinen älteren Bruder Pascal (Mitte) und seinen Cousin Toni (rechts) deutlich. Tonis Bruder Max fehlt auf dem Foto – er weilt in der Meisterschule.

Ob sie sich nach Alter oder nach Größe aufstellen, macht keinen Unterschied. Lockenkopf Chris (lnks) ist erst 20, überragt aber seinen älteren Bruder Pascal (Mitte) und seinen Cousin Toni (rechts) deutlich. Tonis Bruder Max fehlt auf dem Foto – er weilt in der Meisterschule. © Dominik Mayer

Sonntags kann Oma Anna nur zum Mittagessen kommen. Einladungen zum gemeinsamen Kaffeetrinken schlägt sie regelmäßig aus. Nachmittags muss sie zum Fußball, mitfiebern mit ihren Jungs. Die Spieltage des TSV Absberg sind Pflichttermine für die 86-Jährige, die alle nur Anni nennen. Schließlich stehen dann gleich vier Enkel mit geschnürten Fußballschuhen auf dem Rasen. Pascal Schärtel, Chris Schärtel, Toni Schärtel und Max Schärtel.


Pascal Schärtel: Der Abwehrfels von Absberg


Viele Mannschaften behaupten von sich, dass es bei ihnen irgendwie familiär zuginge, in Absberg ist das aber nicht eine der vielen leeren Fußballer-Phrasen, sondern schlicht eine biologische Tatsache. Pascal und Chris sind Brüder, genau wie Toni und Max. Und zwischen den Pfosten steht mit Daniel Baumann einer, der in den Schärtel-Clan eingeheiratet hat. Er ist mit Pascals Cousine liiert. "Unseren Nachnamen hat er aber leider nicht angenommen", sagt Pascal mit einem Grinsen im Gesicht.

Der 23-Jährige ist nicht nur Innenverteidiger, sondern auch Trainer des TSV, der in der Kreisliga West antritt. Vier Jahre hat er in der Jugend des 1. FC Nürnberg gespielt, danach ein Jahr Regionalliga in Seligenporten. Im Sommer 2018 entschied er sich zur Rückkehr an den Brombachsee, ein Jahr später wurde er Cheftrainer. Jetzt steht er auf dem Rasen der Sportanlage, die, eingebettet in saftiges Grün, am Hang des Grausenbucks liegt und leitet die Vorbereitung seines Teams auf die neue Saison. Er treibt an, lobt, korrigiert. Auf dem Platz stehen auch Toni und Chris. Cousin Max, eigentlich auf der Sechser-Position zuhause, sitzt zeitgleich in der Meisterschule. Schließlich ist Fußball halt doch nicht alles im Leben.

Rivalität im Training

Pascal hat sein Amt, natürlich, ebenfalls von einem Familienmitglied übernommen: seinem Onkel Franz Schärtel. Dass praktisch die ganze Familie ihr Leben dem Fußball gewidmet hat, ist für ihn ein großer Vorteil: "Wir sprechen auch privat viel über den Sport. Es gibt zwischen uns ein blindes Verständnis."

Es soll weniger schöne Sportanlagen als jene des TSV Absberg geben, die ziemlich direkt am Ufer des Brombachsees liegt. Nach einem anstrengenden Training ist die Abkühlung also nicht weit.

Es soll weniger schöne Sportanlagen als jene des TSV Absberg geben, die ziemlich direkt am Ufer des Brombachsees liegt. Nach einem anstrengenden Training ist die Abkühlung also nicht weit. © Foto: Dominik Mayer

Das sieht auch Toni so, der an diesem ungewöhnlich kühlen Julitag erst mit Verspätung auf dem Trainingsplatz eintrifft. Was nicht an seiner Arbeit als Techniker liegt. Vielmehr hat er noch schwere Beine vom Testspiel am vergangenen Wochenende. Statt mit der Mannschaft zu trainieren, lockert er erst mal seine Muskulatur. Mit einem 10-Kilometer-Lauf. Mehr muss man über den außergewöhnlich guten Fitnesszustand des 26-Jährigen nicht wissen.

Doch der offensive Mittelfeldspieler kann nicht nur laufen, er scheut auch keinen Zweikampf - schon gar nicht innerhalb der eigenen Familie. "Da gibt es schon eine gewisse Rivalität im Training", sagt er. Cousin Chris, der sechs Jahre jünger, dafür aber deutlich größer ist, bestätigt das. "Gegen den Bruder oder den Cousin geht man schon auch mal etwas härter rein." Verbissen oder gar bösartig wird es jedoch nie, die Vier schätzen sich sehr. Keinem ist ein kritischer Satz über einen der anderen zu entlocken. Pascal und Chris wohnen unter einem Dach, Toni und Max auch.

"Plötzlich gibt er Befehle"

Die große Verbundenheit ist auch dann zu spüren, wenn einer von ihnen gefoult wird. Spielertrainer Pascal erinnert sich an die letzte Saison, als Rechtsverteidiger Chris nach dem überharten Einsteigen eines Gegenspielers des FC/DJK Weißenburg mit geschwollenem Knöchel das Feld verlassen musste: "Nach der Szene musste ich mich erst mal beruhigen und bin recht aggressiv in die nächsten Zweikämpfe." Wenn es ernst wird, verteidigt der Leitwolf das Jungtier. Das gilt allerdings auch umgekehrt, wie Chris betont: "Wenn einer aus der Familie gefoult wird, ist man der erste, der dasteht, wenn es zur Rudelbildung kommt."


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Dass er in Absberg mit seinem Bruder und seinen beiden Cousins würde spielen können, war für Pascal einer der Hauptgründe, den Weg von der Regionalliga zurück in die Kreisliga zu gehen. Dabei hätte er die Möglichkeit gehabt, in Seligenporten zu verlängern. Ein entsprechendes Vertragsangebot lag ihm vor. Wie war es für Chris und Toni als Pascal nicht nur Mitspieler, sondern wenig später auch Trainer wurde?

"Am Anfang war es schon komisch", erinnert sich Chris lachend. "Plötzlich stand er da und hat Befehle gegeben." Trotzdem war die Phase der Umgewöhnung kurz, sagt Toni. "Pascal ist reifer als alle anderen in seinem Alter. Außerdem hat er Jugend-Bundesliga und Regionalliga gespielt." In der Kreisliga gibt es wohl keinen besseren Fußballer als ihn. Allein das sorgt für die nötige Autorität.

Gemeinsam durch den Lockdown

Die Mannschaft folgt ihm. Als er nach dem Training eine Ansprache hält, lauschen auch die älteren Spieler aufmerksam. Nach der langen Pause durch die Pandemie ist die Lust auf Fußball groß. Auch wenn dem Team noch der Rhythmus fehlt und ersten Vorbereitungsspiele nicht zufriedenstellend waren.


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Nicht jeder im Team hat den Lockdown so gut verkraftet wie die vier Schärtels, die sich mindestens einmal die Woche zum Schafkopfen und zum Fußballtennis getroffen haben. "Manchmal war ich sogar froh, wenn ich abends meine Ruhe hatte", sagt Chris, der als Fahrzeuglackierer arbeitet. Torwart Daniel, der angeheiratete Fast-Schärtel, hat die Zeit in Sachen Hausbau genutzt. Und Pascal dazu, sein BWL-Studium mit dem Bachelor abzuschließen. Ab jetzt geht es aber wieder um Fußball, endlich. "Unser Ziel ist es, dieses Jahr nicht in den Abstiegskampf zu rutschen", sagt Spielertrainer Pascal. Oma Anni hätte sicher nichts gegen eine etwas nervenschonendere Saison.

Viermal taucht der Name Schärtel auf dem Spielberichtsbogen auf, und das regelmäßig. Schließlich sind Pascal, Chris, Toni und Max allesamt Stammspieler beim TSV Absberg. Wo liegen ihre Stärken als Fußballer?

Pascal über Chris: "Er ist brutal kopfballstark und arbeitet wahnsinnig viel. Außerdem ist er flexibel einsetzbar, gibt 90 Minuten Vollgas und man kann sich immer auf ihn verlassen. Und das, obwohl er erst 20 ist."

Chris über Toni: "Toni ist der Laufstärkste, er beackert das komplette Mittelfeld und eröffnet uns Räume. Er kann sich auch auf engstem Raum befreien und läuft auch mal für andere mit, wenn die nicht mehr können."

Toni über Pascal: "Der stärkste Mann in der Mannschaft und der beste Innenverteidiger der Liga. Er steht in der Abwehr wie eine Mauer und ist extrem kopfballstark. Seine Diagonalbälle von links hinten nach rechts vorne spielt in der Liga so sonst keiner."

Pascal über Max: "Er ist sehr zweikampfstark, unser Abräumer vor der Abwehr und immer anspielbar. Außerdem läuft er viel, hat eine gute Schusstechnik und kann ziemlich gefährliche Fernschüsse."

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