Mit Ausblick auf die EM 2024 in Deutschland

Fußball, nur noch schöner: Zehn Erkenntnisse aus der EM 2021

11.7.2021, 16:45 Uhr
Pure Emotionen: Die Schweiz wirft Weltmeister Frankreich im Elfmeterschießen aus dem Turnier - und feiert sich ausgelassen.

Pure Emotionen: Die Schweiz wirft Weltmeister Frankreich im Elfmeterschießen aus dem Turnier - und feiert sich ausgelassen.

Die Erkenntnis, dass es keine gute Idee ist, ein Fußballturnier während einer längst nicht überstandenen Pandemie in elf Ländern mit elf denkbar unterschiedlichen Antworten auf Corona auszutragen, ist schließlich keine spannende. Wir erlauben uns bis zur letzten Zeile also die Unmöglichkeit, diese Europameisterschaft von den möglichen epidemiologischen Folgen zu trennen. Trotz herausragender Spiele, unerwartet vielen emotionalen Momenten und einem aufregenden Finale am Sonntag (21 Uhr) gäbe es vieles zu verbessern.

In ganz Europa hat dieses Turnier Menschen zusammengebracht. So wie hier in Spanien, in der Nähe von Madrid.

In ganz Europa hat dieses Turnier Menschen zusammengebracht. So wie hier in Spanien, in der Nähe von Madrid. © Foto: Oscar del Pozo/afp

Die Idee, eine EM über den Kontinent zu verteilen, ist großartig - Europa dafür aber längst nicht mehr bereit.

In einer Zeit, in der die Erkenntnis über die Folgen eines jeden einzelnen Kurzstreckenflugs noch nicht nur einen Mausklick entfernt war, muss es eine aufregende Idee gewesen sein: eine Sportveranstaltung, um Europa zu vereinen; ein bisschen wie der DFB-Pokal, bei dem sich die Freude am Fußball über Dorfplätze bis ins Berliner Olympiastadion überträgt. Wie schön hätte das sein können... in den 90er Jahren. 2021 aber muss ein Großereignis nicht nur wirtschaftlich und sportlich erfolgreich sein, sondern auch nachhaltig und möglichst klimaneutral. Das war diese EM trotz aller Versuche, sie grün zu waschen, sicher nicht. Noch dazu kann es sich nur eine Elite leisten, ein solches Turnier vor Ort zu genießen. Tickets sind ohnehin teuer, samt Flug-, Bus- oder Zugtickets wird es für viele unbezahlbar. Verbände wie die Union des Associations Européennes (Uefa), die von der Attraktivität ihrer Sportart profitieren und das wirtschaftliche Risiko an die Ausrichter abgeben, dürfen neben der Umwelt nicht auch noch ihre Kunden schröpfen.

Die Sponsoren haben es vorgemacht, nun müssen die Spieler nachziehen. Wenn sich bei der Uefa etwas ändern soll, muss der Impuls vom Platz kommen.

Man muss das einordnen, Volkswagen färbt sein Logo in Regenbogenfarben ein, weil es sich davon Profit erhofft. Genau deshalb ist es auch nicht empörend, dass der Konzern dieses Zeichen für Toleranz in einem homophoben Land wie Aserbaidschan nicht setzen will. Trotzdem scheint eine Zeit angebrochen zu sein, in der Sponsoren auf die Uefa, die Fifa und IOC, diese zynischen Machtapparate, einwirken und mit Nachdruck darauf hinweisen, dass es nicht reicht, "Respect" als Slogan zu missbrauchen. Aber noch einmal: Das geschieht aus Eigennutz. Umso wichtiger wäre es, wenn auch die Stars ihren Einfluss nutzen würden. So wie Cristiano Ronaldo, der allein mit einer Handbewegung und dem Wort "Agua" auf die Vorteile von Wasser gegenüber Cola hingewiesen hat, wünscht man sich das auch gegenüber der Uefa. Sponsoren wird der skrupellose Verband ob der Sexyness seines Produkts immer finden – ohne Stars aber verliert dieses Produkt an Reiz.

Ja, es ist unverantwortlich trotz diffusen Pandemie-Geschehens die Stadien zu füllen. Trotzdem: Ohne Fans geht es nicht.

Fußball in leeren Stadien ist möglich, das hat die Pandemie gezeigt, aber sinnlos. Selbst vom Sofa aus waren die ersten beiden Wochen dieser EM wunderbar stimmungsvoll. Dann kamen die ersten Berichte von Fans, die sich gegenseitig angesteckt und das Virus zurück in ihre Länder getragen hatten. Um das Gefühl einer Sorglosigkeit hat uns natürlich die Uefa betrogen. Spiele in leeren Stadien darf es trotzdem nie wieder geben. Dann lieber gar keine Spiele.

Glücklicherweise sind Notfälle auf dem Platz selten - die Entscheidung aber, wie und ob in solch einem Fall weitergespielt wird, dürfen nie wieder die Spieler treffen.

Christian Eriksen geht es gut. Vielleicht wird er sogar wieder Fußball spielen, er wäre noch nicht einmal der erste Weltklassefußballer, dessen Herz von einem implantierten Defibrillator unterstützt wird. So viel ist passiert, seitdem er im dritten Spiel des Turniers auf dem Rasen zusammengebrochen ist, der kollektive Schockmoment, das Bangen und die Bewunderung für Dänemarks Kapitän Simon Kjaer werden hoffentlich ebenso wenig vergessen wie das Versagen der Uefa, die nicht nur in diesem Moment ihrer Verantwortung für die Spieler nicht gerecht geworden ist. Es klang beinahe einfühlsam, dass der Ausrichter den Dänen die Entscheidung überlassen hatte, ob sie gleich weiterspielen wollten oder erst noch eine Nacht darüber schlafen. Tatsächlich war es feige und unmenschlich. Spitzensportler werden medizinisch derart gut betreut und überwacht, dass ein Kollaps wie der von Eriksen hoffentlich nie wieder vorkommt. Wenn doch, müssen Organisationen wie die Uefa besser darauf vorbereitet sein. Die Verantwortung an schockierte Sportler abzuschieben, darf nie wieder passieren.

Der Fußball hat ein Zeitproblem

Der Videobeweis funktioniert zum wiederholten mal auf internationalem Niveau besser als in Deutschland.

Pustekuchen. Wir hatten uns vorgenommen, an dieser Stelle den VAR zu preisen, seit dem geschundenen Sterling-Elfmeter im englischen Halbfinale gegen Dänemark geht das aber natürlich nicht mehr. Es ist geradezu absurd, dass der Sport sich ein technisches Hilfsmittel schafft, es dann aber aufgrund realitätsferner Regelungen nicht nutzt. Die Uefa-Richtlinie während des Turniers lautete: Gibt es einen Kontakt, dann wird die Entscheidung des Schiedsrichters auf dem Feld nicht mehr angetastet. Nun ist nicht jeder Kontakt ein Foul, das sollte man auch in Nyon wissen. Der Unparteiische hätte sich diese Szene zwingend auf dem Bildschirm ansehen (dürfen) müssen. Für den Fußball, bitte: nachbessern.

Was hat England, Italien, Spanien und Dänemark vereint? Mut und Demut. Was hat Deutschland gefehlt? Genau.

Ja, Joachim Löw war ein Jahrzehnt lang maximal erfolgreich. Aber nach dem frühen Aus in Russland und einem Spiel mehr bei dieser EM darf die deutsche Fußballnationalmannschaft künftig gerne wieder liefern. Offenbar aber hat sie noch nicht genug gelitten. Kleinigkeiten hatten gegen England den Unterschied gemacht, in vielen Analysen der Beteiligten fiel das Wort "Weltklasse". Die vier letzten Fußballnationen bei dieser EM sind über diesen Zustand schon wieder hinaus. England, Dänemark, Italien und Spanien haben schon Turniere gewonnen, danach aber Demut gelehrt bekommen. In Verbindung mit einem Mut, der der deutschen Mannschaft nun wirklich nicht attestiert werden konnte, war das entscheidender als die Frage, ob Dreier- oder Viererkette.

Ein Spiel sollte 90 Minuten dauern, tut es aber nicht. Der Fußball hat ein Zeit-Problem.

Diese Erkenntnis ist nicht neu, große Turniere wie die EM rücken sie aber immer wieder ins Brennglas. Es ist für jeden Sportsmann und jede Sportsfrau unbegreiflich, dass der Schiedsrichter die Spielzeit nicht anhalten kann, wie in so vielen anderen Sportarten. Krämpfe in der Schlussphase, Einwürfe, für die 40 Sekunden benötigt werden, Freistöße, die noch länger dauern. Wer zurückliegt, hat verloren. Dass Torhüter wie Englands Jason Pickford den Ball gerne 20 Sekunden in den Händen halten (erlaubt sind sechs), kann sich nur ungerecht anfühlen. Studien besagen, dass von den 90 Minuten nur 60 Fußball gespielt wird. Klingt nach einer Revolution, aber stoppt die Uhr.

Am Ende muss der Fußball gewinnen

Erstmals waren fünf Einwechslungen pro Team möglich. Das darf gerne so bleiben - die Trainer müssen es nur besser nutzen.

Die letzte Amtshandlung Joachim Löws war es, Jamal Musiala einzuwechseln – zwei Minuten vor dem Ende, beim Stand von 0:2. Auf das 0:1 hatte er vorsichtshalber gar nicht reagiert. Der Bundestrainer hatte ganz offensichtlich keinen klaren Plan, was er mit den Spielern auf seiner Bank während der 90 Minuten so anfangen könnte. Stürmer Kevin Volland brachte er als Linksverteidiger, aber lassen wir das. Es gab schließlich auch Trainer, die wussten, was sie tun. Fünfmal durften sie pro Spiel einwechseln, erstmals bei einer Euro. Sie hatten damit mehr taktische Optionen zur Hand, konnten Kräfte besser einteilen. So wie die tapfer kämpfende Schweiz, die das Viertelfinale gegen Spanien mit fünf Spielern beendete, die es nicht begonnen hatten und nahe an der Sensation war. Oder Englands Trainer Gareth Southgate, der Jack Grealish erst ein- und dann wieder auswechseln konnte. Diese Regelung darf bleiben.

Elfmeterschießen gerne schon vor dem Anpfiff.

Dem Nürnberger Pädagogen, Rundfunkreporter und Ex-Club-Aufsichtsrat Günther Koch ist Expertise in Sachen Fußball nicht abzusprechen. Obwohl seine Stimme dank der BBC auch international bekannt ist, wurde sie vor dem EM-Turnier überhört. So spannend, aber auch belastend die Lotterie auf dem grünen Rasen ist, sollte man Kochs innovative Anregung zumindest überlegen: Elfmeterschießen vor dem Anstoß. Dann sind nicht nur alle pünktlich auf ihren Plätzen, sondern ein Team – das beim Shootout in Führung geht – liegt beim Anpfiff 1:0 vorn. Mit der Folge, dass Fußball-Verhinderung auf dem Platz der Vergangenheit angehören wird.

Am Ende gewinnt der Fußball. Man sollte nur nicht glauben, dass das immer so bleiben wird.

Die Gier der Uefa, Sponsoren aus China und Russland, die Dummdreistigkeit von Greenpeace, Immobiles Schauspiel, Sterlings Schwalbe, die Hybris der Hauptdarsteller – das alles wurde vom Spiel selbst überstrahlt. In Katar wird das im Dezember 2022 nicht mehr reichen. Umso wichtiger wird es sein, dass bei der EM 2024 in Deutschland wieder der selbstbewusste, mutige und tatsächlich vereinende Fußball gefeiert wird.

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