Viel Kritik

DFB-Interimspräsident im Interview: Herr Koch, wie steht es um den Amateurfußball?

14.11.2021, 13:21 Uhr
Rainer Koch ist zufrieden damit, wie sein Verband der Corona-Pandemie bisher begegnet. Trotz einiger Härtefälle.

Rainer Koch ist zufrieden damit, wie sein Verband der Corona-Pandemie bisher begegnet. Trotz einiger Härtefälle. © Foto: Eduard Weigert

Herr Koch, wir haben keine einzige Frage zugeschickt bekommen, stattdessen jede Menge unschöne Nachrichten. Man könnte das Gefühl bekommen, dass sie an der Basis nicht besonders gut gelitten werden. Können Sie sich das erklären?

Koch: Wenn Sie sagen, die Basis sei nicht zufrieden mit ihrem Präsidenten, können wir das nur faktenorientiert besprechen. Wir nehmen das so nicht wahr. Sie müssen schon konkret sagen, wo es hakt, dann können wir uns darüber unterhalten. Aus meiner Sicht hat es seit Mai, seit dem Rücktritt von Fritz Keller, im DFB kein Problem gegeben. Es wird aber halt nur jede Woche immer aus bestimmten Richtungen erzählt, es sei alles so schlecht. Tatsächlich haben wir Hansi Flick als Bundestrainer installiert, die Nationalmannschaft hat eine Image-Verbesserung erfahren. Wir haben die schwierige Trainerwechsel-Geschichte bei der U21 mit dem Weggang von Stefan Kuntz in die Türkei mit dem türkischen Verband gut hingekriegt. Wir haben Antonio Di Salvo und das neue Team installiert. All diese Dinge laufen objektiv gesehen sehr gut. Auch der Campus-Bau läuft ruhig und geht trotz der allgemein bekannten Schwierigkeiten im Bausektor voran, dazu wird das Projekt Zukunft intensiv bearbeitet. Und deswegen kann ich auf Ihre Frage auch keine Antwort geben.

Das eine ist ja die Arbeit an der Spitze, im DFB, dessen Interimspräsident Sie sind. Das andere ist die Arbeit an der Basis. Sie sind ja auch BFV-Präsident. Da nimmt man schon immer wieder subtil eine gewisse Unzufriedenheit wahr.

Koch: Ich stelle fest, dass wir in den letzten 18 Monaten wiederholt Abstimmungen zu schwierigen Entscheidungen hatten. Ich stelle fest, dass wir durchweg eine Dreiviertel- bis Zweidrittelmehrheit mit den Vereinen zu den verschiedenen Themenstellungen hatten. Wenn ich viereinhalbtausend Vereine habe und ich habe eine Dreiviertelmehrheit zum Thema, dann habe ich trotzdem 1000 Vereine und damit auch 1000 Vereinsvorsitzende oder Abteilungsleiter, die anderer Meinung sind. Aber ich kann das nicht bestätigen, was Sie sagen. Was aber nichts daran ändert, dass es natürlich solche Stimmen gibt. Es wäre ja komisch, wenn es in dieser extrem schwierigen Zeit anders wäre. Fakt ist, dass wir wiederholt Entscheidungen des Verbandes auch zur Abstimmung in die Vereine gegeben haben. Dass diese Abstimmungen allesamt mit sehr klaren Mehrheiten geendet haben, obwohl ständig in den Zeitungen behauptet wird, dass es anders wäre. Es war nie anders.

Also handelt es sich um eine sehr laute Minderheit?

Koch: Ja. Natürlich ist eine Minderheit von einem Viertel oder einem Drittel bei der Frage Saisonabbruch oder Fortsetzung von Gewicht. Nur was soll denn ein Verband wie der BFV machen? Ich bekomme aktuell täglich jede Menge Mails: Auf der einen Seite heißt es, wir sollen doch jetzt sofort sämtlichen Spielbetrieb einstellen. Das sind die Menschen, die sich angesichts der Entwicklungen in den Krankenhäusern sehr große Sorgen machen. Auf der anderen Seite haben wir Menschen, die uns beschimpfen, dass wir uns gegenüber der Regierung nicht heftig genug dafür ins Zeug legen, dass noch viel, viel mehr geöffnet werden müsste.

Ist das zermürbend für Sie?

Koch: Nein, das ist nicht zermürbend. Das ist die Aufgabe, die man hat. Und man stellt sich ja freiwillig solch einem Wahl-Amt. Aber gerade in Bayern haben wir erfreulicherweise auch die Situation, dass wir keine einzige Abstimmung im Vorstand hatten, die nicht von allen getragen worden wäre. Deswegen ist es auch nicht zermürbend. Es ist anstrengend, weil man sich natürlich auch bemühen muss, Entscheidungen zu erklären, die Sorgen der Menschen ernst zu nehmen. Die Pandemie trennt die Ansichten, in der Gesellschaft insgesamt und so auch im Sport und damit im Amateurfußball.

Welche Probleme bringt die Pandemie für den BFV mit sich?

Koch: Aktuell ist unsere Hauptherausforderung die Aufklärung der Verantwortlichen in den Vereinen über die sich fast täglich wechselnde Gesetzeslage, dann gleichzeitig Hilfestellungen anzubieten und natürlich auch flexibel darauf zu reagieren. Je nachdem, wie sich die Lage darstellt, die von Landkreis zu Landkreis auch sehr unterschiedlich sein kann. Und wichtig ist auch, immer wieder herauszustellen, dass der Fußball Teil der Lösung ist. Und dass es kein Vorteil ist, wenn wir jetzt auch all‘ das unterlassen, was normalerweise für wichtig erachtet wird, um auch die Gesundheit zu erhalten.

Gibt es einen Mitglieder-Rückgang?

Koch: Es zeichnet sich ab, dass wir im Bereich der jungen Menschen nicht zu negativ davon betroffen sind. Wir hatten natürlich im vergangenen Jahr deutliche Einbrüche, aber richtig bewerten lässt es sich nur, wenn man die Zahlen von 2020 und 2021 addiert und durch Zwei teilt. Wenn man das dann mit dem Jahr vor der Pandemie vergleicht, dann kommt man zu relativ realistischen Einschätzungen. Im Mittel sind die Zahlen fast identisch mit 2019. Ernstzunehmender sind die Auswirkungen im Bereich älterer Funktionäre oder Ehrenamtlicher. Insbesondere im Schiedsrichterwesen muss man sich große Sorgen machen. Da haben einige Schiedsrichter-Gruppen Schwierigkeiten, ihre langjährigen Referees alle wieder zu aktivieren. Viele von diesen Älteren haben oftmals auch zwei oder drei Spiele von Freitag bis Sonntag gepfiffen. Das fehlt. In einigen bayerischen Regionen ist man nicht mehr in der Lage, alle Spiele der ersten Mannschaften mit Referees durchgängig zu besetzen.

Wie will der BFV dem begegnen?

Koch: Wir müssen junge Schiedsrichter begleiten und betreuen. Das bedeutet nicht nur, dass wir ihnen vor und nach dem Spiel zur Seite stehen, sondern das bedeutet auch, dass man von vornherein auf die Vereine zugeht und für Verständnis wirbt. Das ist im Moment doch naheliegend, dafür zu werben, wenn sich die Frage stellt, haben wir gar keinen Schiedsrichter, oder helfen wir jetzt mit, dass wir auch wieder neue jüngere Schiedsrichter gewinnen, denen wir das Ganze attraktiv machen. Ich glaube schon, dass sich viele auch dem Schiedsrichteramt widmen, weil sie es auch als spannende Herausforderung empfinden. Ich habe ja selbst mit 16 Jahren angefangen, damals als Schiedsrichter. Ich wollte nochmal auf einen Punkt zurückkommen, weil Sie ja vorhin von der Basis sprachen.

Ja, bitte.

Koch: Wissen Sie, hier in Nürnberg war das ja ein gutes Beispiel. Vor einem Jahr gab es diese Online-Petition, als es darum ging: Saisonabbruch oder Fortsetzung. Diese Petition wurde dann bayernweit, wenn nicht sogar deutschlandweit medial mit aufgegriffen. Und der Eindruck ist erzeugt worden, der BFV und sein Präsident machten ständig Dinge, die nicht im Sinne der Vereine wären. Und dann haben wir die Abstimmung bei den Vereinen gemacht. Die Ergebnisse kennen Sie selbst. Es war in diesem Punkt eine klare Zweidrittelmehrheit. Und das bitte ich einfach in der Bewertung zu berücksichtigen.

Zurückblickend würden Sie also sagen, es war die richtige Entscheidung, so zu handeln, wie Sie gehandelt haben?

Koch: Es war natürlich schade, dass im letzten Jahr dann trotzdem nicht bis zum letzten Spieltag gespielt werden konnte. Aber wir haben jetzt überall normale Ligengrößen. Wir hatten überall Auf- und Absteiger. Ja, es gab natürlich auch Härtefälle und ehrlicherweise schmerzt jeder einzelne. Diese Härtefälle gibt‘s offen gestanden jedoch auch, wenn am letzten Spieltag der Erste und der Zweite gegeneinander spielen und dann in der 91. Minute das entscheidende Tor fällt. Ich kann aber solche Entscheidungen, die wir für ganz Bayern treffen, nur aus der Gesamtschau bewerten. Das Entscheidende ist doch, dass wir sehr optimistisch sein können, dass wir diese Saison jetzt auch durchbringen.

Aber sind Sie auch zuversichtlich, dass die derzeit laufende Saison in Anbetracht der Pandemie wie geplant zu Ende gebracht werden kann?

Koch: Es ist so, dass wir eigentlich nahezu alle Probleme im Griff haben, zumindest satzungstechnisch. Wir haben klare Regelungen geschaffen. Es müssen 50 Prozent der Spiele von mindestens 75 Prozent der Mannschaften gespielt sein und dann greifen Auf- und Abstieg. Die Situation ist bekanntlich so, dass in 95 Prozent aller Ligen in Bayern diese Voraussetzungen schon jetzt mit dem vorletzten Wochenende erfüllt sind.

Ist es vor diesem Hintergrund auch eine Überlegung, dass man die Winterpause vorzieht? Ein bisschen schräg darf man das wohl finden, dass in Kabinen und Duschen noch nicht einmal 3G gilt, in sämtlichen Bereichen aber auf 2G umgestellt wird?

Koch: Natürlich gibt es Menschen, die das schräg finden. Ich kann Ihnen aber versichern, es gibt auch viele, die das eben nicht schräg finden. Wir haben nicht den Auftrag zu beurteilen, ob wir das schräg finden oder nicht. Vom ersten Tag der Pandemie an haben wir gesagt, wir organisieren Fußball und zwar im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen. Und innerhalb dieses Rahmens bieten wir Fußball-Spielbetrieb an. Es ist nicht unsere Aufgabe, zu sagen, wir können nicht Fußballspielen, wenn die Staatsregierung mit ihren Gesetzen klar ausdrückt, dass man in Wahrheit doch spielen kann.

Die Hallenrunde steht an, dort gilt 2G.

Koch: Ganz klar und unmissverständlich: Wir zwingen niemanden, in der Halle zu spielen. Wir sollten als Dienstleister, der Spielbetrieb organisiert, nicht anders verfahren als beispielsweise die Kollegen vom Basketball, Handball oder Volleyball. Auch hier ist es der Gesetzgeber, der entscheidet, was er vorgibt. Und wenn jetzt in der Halle eben nur 2G erlaubt ist, dann sollen die Vereine für sich entscheiden, ob sie unter diesen Bedingungen gewillt sind, sich am Spielbetrieb zu beteiligen. Es liegt doch auf der Hand, dass sich die herkömmlichen Formate mit womöglich 16 Vereinen an einem Tag in einer Halle nicht unbedingt als Spielform empfehlen. Aber wir wollen und sollten Sportangebote für unsere Aktiven machen. Von November bis April gar nichts anzubieten, birgt auch die Gefahr, dass es hinterher womöglich schwierig wird, diese Männer und Frauen, Buben und Mädchen wieder in den Verein zurückzubringen.


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Wieviel Verständnis haben Sie für Personen, die sich impfen lassen könnten, aber es nicht tun?

Koch: Ich bin von Beruf Richter. Natürlich weiß ich, dass unsere Verfassung zunächst einmal den einzelnen Menschen in seinen Persönlichkeitsrechten und Freiheitsrechten sehr stark schützt. Eine ganz andere Frage stellt sich, inwieweit das dann dazu führen muss, dass andere Menschen negative Auswirkungen für sich mit in Kauf nehmen müssen. Es geht darum, Regeln zu entwickeln, an Orten oder bei Aktivitäten, wo Geimpfte und nicht Geimpfte aufeinandertreffen. Und nachdem es offenkundig so ist, dass der Großteil der Patienten, die auf den Intensivstationen liegen, nicht geimpft ist, muss man kein Virologe sein, um erkennen zu können, dass es offensichtlich eine Auswirkung hat.

Nicht-Geimpfte und Geimpfte treffen offensichtlich auch bei der Nationalmannschaft aufeinander. Inwiefern sprechen Sie als Interimspräsident des DFB das in diesem Kreise an?

Koch: Die unmittelbare Ansprache in die Mannschaft hinein ist Aufgabe vom Bundestrainer und vom Sportdirektor. Aber wir sind alle der gleichen Auffassung, dass wir darauf hinwirken, dass Überzeugungsarbeit geleistet wird, sich impfen zu lassen. Da gibt‘s keinen Dissens. Ich bin nicht in der in der Rolle, um von Tisch zu Tisch zu gehen, obwohl ich zur Delegation der Nationalmannschaft gehöre. Wichtig ist für uns, dass wir sehr sorgfältige Konzepte entwickeln, um bestmöglich Vorsorge zu treffen. Dadurch ist die Situation um Niklas Süle - Gott sei Dank - rechtzeitig entdeckt worden, weil die detaillierten Test-Mechanismen gut gegriffen haben.

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