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Fußballer aus Erlangen zur WM in Katar: "Das ist Geldmacherei"

Für einen Boykott ist es viel zu spät, meint unter anderem Bernd Eigner - 16.04.2021 06:00 Uhr

"In Katar wird nun Unmengen an Geld ausgegeben, um Stadien zu bauen, die später niemand mehr braucht": Viele kritisieren die WM im Wüstenstaat.

06.04.2021 © via www.imago-images.de, NN


Die Diskussionen rund um die Fußball-WM in Katar nehmen zu. Jüngst forderte auch die Deutsche Nationalmannschaft dazu auf, Menschenrechte zu wahren. In Fan-Kreisen sind sowie schon viele der Meinung, dass man das Turnier im Wüstenstaat boykottieren müsse. Online finden entsprechende Aktionen boycott-qatar.de immer mehr Unterstützer, darunter der Erlanger Tommie Goerz, der für uns seine Meinung in einem Gastkommentar formulierte.

Doch wie sehen das die Amateurfußball vor Ort, aus Erlangen und dem Landkreis Erlangen-Höchstadt? Wir haben uns umgehört:

Bernd Eigner (48, SC Eltersdorf): Für mich ist das Kind längst in den Brunnen gefallen, jetzt bringt ein Boykott gar nichts mehr. Man hat mitbekommen, wie viele Gastarbeiter gestorben sind. Es schreit zum Himmel, unter welchen Bedingungen die Leute dort arbeiten. Zudem ist Katar ein Land ohne Fußball-Tradition. Ich war einmal für zehn Tage im Trainingslager dort, als Profi des FC St. Pauli im Jahr 1996, das war traumhaft. Die Leute waren unheimlich gastfreundschaftlich. Doch das ist lange her. Ob es Sinn macht, bei einem Fußball-Exoten wie Katar eine WM auszurichten, die ganzen Stadien zu bauen und zu klotzen. Ich bin skeptisch, ob das seinen Zweck erfüllt. Mittlerweile hat alles einen negativen Geschmack, was die Fifa macht, die Intrigen in der Organisation, die bekannt werden, oder die WM-Vergabe.

"Es schreit zum Himmel, unter welchen Bedingungen die Leute dort arbeiten"

Wie sich die Nationalspieler für Menschenrechte einsetzen, ist besser als nichts. Es ist gut, dass sie aufmerksamen machen auf die Gegebenheiten vor Ort. Bei mir hat die Begeisterung aber nachgelassen. Ich bin fußballverrückt, früher wusste ich alles. Bei den vergangenen drei Länderspielen aber habe ich mich dabei ertappt, dass ich mich erst einmal informieren musste. Dass die WM bei uns zur Winter-Zeit stattfinden soll, finde ich nicht schlimm, da lasse ich mich überraschen. Es sollten auch Länder außerhalb von Europa Ausrichter sein.

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Anette Schmitt (29, SpVgg Erlangen): Es steht jedem persönlich frei, auf eine Teilnahme zu verzichten. Die norwegische Fußballerin Ada Hegerberg spielt zum Beispiel nicht mehr für ihre Nationalmannschaft, solange Frauen nicht gleichberechtigt behandelt werden im Verband. Wenn viele Spieler die WM in Katar boykottieren, wäre das ein starkes Zeichen.

"Es gibt deutlich stärkere Zeichen als im Fernsehen wegzuschalten"

Bei mir hat das Interesse an der Nationalmannschaft abgenommen, allein wegen der extremen Anzahl an Events. Man merkt, dass es noch stärker um den kommerziellen Faktor geht. Das schmälert aber nicht die Leistung der Spieler! Eine WM im deutschen Winter, warum nicht? Das größere Problem ist: Dort muss man bei 40 Grad spielen oder die Stadien herunterkühlen. Die WM-Spiele, die mich interessieren, schaue ich an. Es gibt deutlich stärkere Zeichen, sich für Menschenrechte einzusetzen, als im Fernsehen wegzuschalten.

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Pascal Benes (26, SC Adelsdorf): Es ist fast zu spät für Boykott, das hätte man schon viel früher lostreten müssen. Als ich gehört habe, dass 2022 die WM nach Katar kommt, waren es noch zig Jahre bis hin. Seither ist die WM immer weiter weg gegangen von Europa, Südafrika, Brasilien, Russland. In Katar wird nun Unmengen an Geld ausgegeben, um Stadien zu bauen, die später niemand mehr braucht. Das ist Geldmacherei. Die Arbeiter, die auf den Baustellen gestorbenen sind, holt man durch einen Boykott auch nicht mehr zurück. Jetzt noch irgendetwas zu machen, ist schwierig.

"Der Hype rund um die Länderspiele nimmt ab"

Die Nationalspieler verweisen immer auf die Menschenrechte. Vielleicht hilft das für die Zukunft, da wäre es wünschenswert, wenn bei der Vergabe der Veranstaltungen mehr auf Menschenrechte geachtet wird. Selbst entwickelt man einen gewissen Abstand zur WM, alleine wegen der Zeitverschiebung und weil es dann Winter ist, das ist für alle Fans abstoßend.

Bei WM 2006 hat man am besten gesehen, wie Menschen in Deutschland mitgefiebert, auch solche, die sich sonst nicht so für Fußball interessieren, doch das war eben ganz in der Nähe. Nun nimmt der Hype rund um die Länderspiele mehr ab, das merke ich auch Freundeskreis und bei uns im Verein.

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Ferdinand List (32, ATSV Erlangen): Die Spieler der Deutschen Nationalmannschaft haben im Prinzip keine Wahl, es würde sich wohl nichts ändern, wenn sie die WM boykottieren. Die Spieler können so viel auf ihre Shirts drucken wie sie wollen, sie wollen ihr Land vertreten und haben auch Verträge, die sie erfüllen müssen. Man hätte schon viel früher über die Vergabe an Katar diskutieren müssen, gerade auch wegen den Arbeitsbedingungen dort. Das ist alles sehr kritisch.

"Im Hintergrund laufen so viele Geschäfte"

Doch im Hintergrund laufen so viele Geschäfte. Letztlich könnte man nur gegensteuern, wenn alle boykottieren. Dass sich die Nationalspieler zu den Menschenrechten äußern, ist gut. Allerdings weiß man bei den Spielern nicht, inwieweit sie gesteuert werden durch Werbung und ihre Vertragspartner, manche machen das fürs Image. Die Nationalmannschaft wird immer mehr zu einem Wirtschaftssystem, der Sport gerät in den Hintergrund. Die WM-Spiele werde ich mir trotzdem anschauen, zumindest die der deutschen Mannschaft. Ich hoffe, dass sie ein vernünftiges Turnier spielen.

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