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Geliebter Ehrenmann: Jupp Heynckes ist jetzt 75 - Gratulation!

Hans Böller schreibt über den sympathischen Bundesliga-Dauerbrenner - 09.05.2020 07:09 Uhr

Ehrgeizig, fleißig, verlässlich, empathisch: Der Fußballtrainer Jupp Heynckes musste sich nicht verändern, um immer modern zu bleiben. © Foto: Christoph Stache/afp


Manchmal war  Jupp Heynckes kurz weg, dann kam er wieder, der Fußball veränderte sich ständig, nicht immer zum Guten, Der Nun-75-Jährige veränderte sich mit, und je länger man diesem Spiel, oft unvernünftigerweise, treu blieb, desto öfter kam man auf den Gedanken: Schön, dass Jupp Heynckes noch da ist.

Ein richtiges Idol 

Folge 31: Fußball - oder soll man es lassen?

Man begegnete ihm schon als Kind, beim Autogrammsammeln, das erste Kärtchen ist ein Schwarzweißbild, es zeigt den jubelnden Stürmer Heynckes im Trikot der Nationalmannschaft, darunter, fein leserlich, seine Unterschrift, nicht irgendein Gekritzel, wie es damals schon üblich zu werden begann.

Der Fußballer Heynckes war einer der großen Stars der 1970-er-Jahre, für Kinder waren diese Stars aber tatsächlich noch richtige Idole - weil die Kinder gar nicht wussten, was ein Star sein sollte, das interessierte sie nicht und die Fußballer vielleicht auch nicht, zumindest wäre man als Kind nicht auf so eine Idee gekommen. Die Kinder liebten Fußball und ihren Verein, und diese Stars waren Fußballer, sonst nichts, selbst die größten von ihnen waren nett zu den Kindern, Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Jupp Heynckes. Was man über diese Fußballer lesen konnte, erinnerte noch sehr an das Leben der eigenen Eltern. Oft waren sie in eher bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, hatten begeistert gekickt - auf Bolzplätzen, auf Hinterhöfen - und wollten einfach nur gute Spieler werden, Geld war dabei noch kein Antrieb, es gab ja nicht viel davon. Für 160 D-Mark Monatsgehalt unterschrieb der damals 17 Jahre alte Jupp Heynckes vom BV Grün-Weiß Holt 1962 einen Vertrag bei Borussia Mönchengladbach.

Heynckes' Stationen: Stuckateur, Bauleiter, Weltmeister

Sein Beruf blieb der des Stuckateurs, seinem neunten von zehn Kindern hatte der Vater dafür einen Rat mitgegeben: Sei pünktlich, fleißig, verlässlich und sorgfältig, so hat es Heynckes einmal erzählt. Er wurde der jahrgangsbeste Lehrling und brachte es bis zum Bauleiter, 1967, da war er mit der Borussia schon in die Bundesliga aufgestiegen. Heynckes feierte mit Mönchengladbach vier Meistertitel und den Uefa-Pokal-Sieg 1975, mit einem spielerisch hinreißenden Nationalteam gewann er die Europameisterschaft 1972 (und, als Reservist, die Heim-WM 1974).

Pünktlich, fleißig, verlässlich und sorgfältig: Jupp Heynckes ist das ein Leben lang geblieben, auch in Zeiten veränderter Werte, als er deswegen als langweilig diskreditiert wurde. Der Fußball sollte geschäftig werden, schillernd, laut, und manchmal hatte man den Eindruck, der ehrenwerte Jupp Heynckes würde davon überrollt – wie beim legendären Disput mit dem schillernden, lauten Trainerkollegen Christoph Daum, live zu sehen im ZDF-Sportstudio. Daum, der Heynckes verspottet und zu provozieren versucht, Heynckes, der sich darauf nicht einlassen will – und Uli Hoeneß zur Verteidigung braucht.

 

Wie viele gute Fußballer war Heynckes Trainer geworden, erst in Mönchengladbach, dann beim FC Bayern München des jungen Managers Hoeneß. Es sollte eine Lebensfreundschaft daraus werden, als seinen größten Fehler bezeichnete es Hoeneß später, den zweimaligen Münchner Meistertrainer Heynckes im Herbst 1991 entlassen zu haben.

Es folgten die Jahre, in denen sich der Fußball offensiv am Showbusiness orientierte, der FC Bayern firmierte als "FC Hollywood". Heynckes flüchtete zu Athletic Bilbao, dem baskischen Spitzenklub mit ausgeprägt ehrenwerter Identität, bis heute sind sie dort stolz auf Don Jupp. Seine spanischen Jahre, es sollten zehn werden, machten Heynckes zu einem Fußball-Weltmann, bei Real Madrid schrieb er Geschichte, als er die Königlichen 1998 nach 28 Jahren wieder zum Sieg im europäischen Landesmeisterwettbewerb führte – und trotzdem entlassen wurde.

Heynckes’ Fußball-Vita ist keine durchgängige Erfolgsgeschichte, nicht in Zahlen, die späteren Engagements bei Schalke 04 und wieder in Mönchengladbach blieben Episoden. Aber Heynckes, damals als Auslaufmodell verdächtigt, blieb nicht nur verlässlich und sorgfältig, er lernte immer dazu, ohne sich von wechselnden Moden beeindrucken zu lassen. Man konnte ihn reizbar erleben, selten misstrauisch, aber nie unhöflich, es ist aus all den Jahren kein einziges schlechtes Wort über irgendeinen der vielen Wegbegleiter erinnerlich.

Tugend, ein Dreifachsieg und der Bauernhof im Schwalmtal 

"Empathie", hat er gerade dem kicker gesagt, sei neben Fleiß und Ehrgeiz vielleicht die wichtigste Tugend für einen Trainer. Je älter dieser stets so unspektakuläre wie vertrauenswürdige Heynckes wurde und je aufgeregter die Branche, desto mehr überragte er sie. Als ihn Hoeneß zum zweiten Mal zurück zum FC Bayern holte, übernahm Heynckes ein bis zum Zerreißen angespanntes Ensemble – und führte es zum historischen Dreifachsieg von 2013.

Man sah eine Mannschaft, die manchmal an die Kindheits-Idole erinnerte und die auch deshalb über sich hinauswuchs, weil die Spieler ihren alten Trainer liebten, besonders die angeblich schwierigen  die oft auch bloß große Kinder sind und spielen wollen. Es war, in diesem Fall ist das kein zu großes Wort, die Krönung eines Lebenswerks. Am heutigen Samstag wird der große Jupp Heynckes, der auf einem Bauernhof im niederrheinischen Schwalmtal lebt, 75 Jahre alt.

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