Corona im Profi-Sport

"Wie eine Mumie": Max Jaeger vom HC Erlangen erzählt von seinem Kampf mit Long Covid

RESSORT: Lokales / Sonstiges..DATUM: 28.09.16..FOTO: Michael Matejka MOTIV: Mitarbeiterporträt / Mitarbeiterportrait - Sportredakteur Sebastian Gloser ANZAHL: 1 von 1..Veröffentlichung nur nach vorheriger Vereinbarung
Sebastian Gloser

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29.11.2021, 06:05 Uhr
Gegen Hamburg und Johannes Bitter tastete sich Max Jaeger heran, gegen Stuttgart ging er dann über die volle Distanz.

Gegen Hamburg und Johannes Bitter tastete sich Max Jaeger heran, gegen Stuttgart ging er dann über die volle Distanz. © Sportfoto Zink / Wolfgang Zink, Sportfoto Zink / Wolfgang Zink

Der Satz klingt bemerkenswert – vor allem von einem 24 Jahre jungen Mann, der gerade dabei ist, sich in der Handball-Bundesliga zu etablieren. Auf der größten Bühne, die dieser Sport zu bieten hat. "Über meine Karriere", sagt Maximilian Jaeger, "habe ich in dieser Zeit überhaupt nicht nachgedacht. Ich habe viel weiter gedacht."

Vor der vergangenen Saison wechselte der gebürtige Gummersbacher zum HC Erlangen, im April infizierte er sich wie fast die komplette Mannschaft mit dem Coronavirus. Jaeger hatte relativ milde Symptome, "wie eine leichte Grippe" habe es sich angefühlt, berichtet er gut ein halbes Jahr später. Nach drei Wochen fing er wieder an zu trainieren, Jaeger schien Glück gehabt zu haben. "Für mich war das Thema abgehakt", erinnert er sich. Der HCE und Jaeger stiegen wieder in den Spielbetrieb ein, schnell hatte sie der Alltag wieder – bis der junge Linksaußen einen Monat später abrupt ausgebremst wurde.

Schlüsselmoment: Eriksens Zusammenbruch

Vor der Partie in Hannover hatte er Kreislaufprobleme und Kopfschmerzen, Jaeger dachte zunächst an einen Wetterumschwung, aber das Schwindelgefühl ließ auch in den nächsten Tagen nicht nach, er bemerkte richtige Wahrnehmungsstörungen – und dann brach Christian Eriksen bei der Fußball-Europameisterschaft zusammen. "Das war der Moment, als der Verein und ich entschieden haben, dass es so nicht weitergehen kann", erzählt Jaeger. Und er sich tiefergreifenden Untersuchungen unterzog.

Während die Kollegen die Saison zu Ende brachten, suchte Jaeger die verschiedensten Ärzte auf, aber zunächst konnte ihm niemand weiterhelfen. Jaeger war verunsichert und bald ziemlich verzweifelt, er spürte ja, dass irgendetwas nicht mit ihm stimmte.

Noch so ein bemerkenswerter Satz: "Ich war traurig, wenn die Ärzte gesagt haben, dass ich gesund bin." Wenn er wieder eine Praxis ohne Diagnose verließ. Wenn wieder ein Tag mit Kreislaufproblemen begann und er weder trainieren konnte noch in der Lage war, sich seinem Studium zu widmen. "Ich konnte teilweise nicht einmal lesen, konnte mich nicht konzentrieren", sagt er über die Zeit im Frühsommer, als er zu Hause "wie eine Mumie herumhing".

Verloren im Supermarkt

Einmal ging er in den Supermarkt, der Kühlschrank war leer. "Ich wollte eigentlich ganz viel einkaufen, aber im Supermarkt konnte ich mich nicht mehr erinnern an was. Dann stand ich an der Kasse und hatte eine einzige Paprika im Einkaufswagen."

Das Thema Handball war für den Jungen aus der Handballer-Familie plötzlich ganz weit weg, Jaeger sorgte sich vielmehr um "die Karriere nach der Karriere", den Alltag konnte er in dieser Zeit nur mit Hilfe seiner Freundin bewältigen, dazu kam die Unterstützung durch den Verein.

Erst ein Neurologe konnte das Rätsel entschlüsseln – allerdings ohne ihm ein Rezept ausstellen oder allzu konkrete Ratschläge geben zu können. "Long Covid war damals noch kein großes Thema", sagt Jaeger, "niemand kann sagen, wie lange es dauert oder wie man damit umgehen soll." Aktuell laufen Studien zu den Langzeitfolgen von der Infektion mit Sars-CoV-2, möglicherweise gibt es bald auch Medikamente, aber für Jaeger blieb zunächst einmal nur: ausruhen, runterfahren und die Sommerpause für einen Neustart nutzen.

Kein schönes Comeback

Jetzt, sieben Monate nachdem er sich angesteckt hat, "sind die Symptome eigentlich weg", sagt Jaeger; eigentlich – weil immer noch die Angst mitschwingt, dass Covid noch einmal zurückkommen, dass er wieder zur Mumie werden könnte.

Ein gefühltes Comeback, allerdings kein schönes: Gegen den TVB Stuttgart verwandelte Max Jaeger alle seine vier Würfe, am Ende wollte aber auch er sich einfach nur verstecken.

Ein gefühltes Comeback, allerdings kein schönes: Gegen den TVB Stuttgart verwandelte Max Jaeger alle seine vier Würfe, am Ende wollte aber auch er sich einfach nur verstecken. © Sportfoto Zink / Daniel Marr, Sportfoto Zink / Daniel Marr

Wobei er diese Gedanken nun erst einmal verdrängt. Am Donnerstag setzte ihn Trainer Michael Haaß das erste Mal seit der Erkrankung wieder über die volle Distanz in einem Ligaspiel ein. Jaeger brachte alle vier Würfe im Tor des TVB Stuttgart unter, weil der HCE als Mannschaft bei der 27:32-Niederlage aber besonders zu Beginn die Reaktionsschnelligkeit einer Mumie an den Tag legte, war das gefühlte Comeback kein besonders schönes.

"Ich konnte wie alle anderen nicht gut einschlafen", sagt er und hat sich trotzdem ein bisschen gefreut, endlich wieder einmal Handball zu spielen und nicht nur zu trainieren. "Natürlich wünsche ich mir mehr Einsatzzeit", sagt Jaeger, dessen Vertrag zum Saisonende ausläuft. Aber er weiß, dass, erstens, Christopher Bissel auf seiner Position derzeit "die klare Nummer eins" ist, und, zweitens: Dass es ein großes Glück ist, sich nach diesem Jahr überhaupt wieder Gedanken über Einsatzzeiten, Trefferquoten und Handball machen zu dürfen.

Max Jaeger war "heiß" auf den Piecks

Dass da draußen noch immer viele Menschen sind, die solche Geschichten, wie er sie erlebt hat, nicht ernst nehmen, lässt Max Jaeger einigermaßen frustriert zurück. "Viele Menschen können das Risiko nicht richtig einschätzen", glaubt er. Er selbst war "heiß" auf den kleinen Piecks, "ich kann nur appellieren, sich impfen zu lassen".

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