Klubs attackieren Freistaat

HCE und Ice Tigers wollen nicht mehr "wie Deppen" dasitzen

27.8.2021, 17:24 Uhr
„Das ist in etwa so, als wenn ich in der Todeszelle bin, ein Gnadengesuch schreibe und die Antwort ist, dass der Henker kommt.“ Carsten Bissel (Mitte) über die Briefe, die bisher an die Staatsregierung geschickt wurden - und die Reaktionen darauf. 

„Das ist in etwa so, als wenn ich in der Todeszelle bin, ein Gnadengesuch schreibe und die Antwort ist, dass der Henker kommt.“ Carsten Bissel (Mitte) über die Briefe, die bisher an die Staatsregierung geschickt wurden - und die Reaktionen darauf.  © Sportfoto Zink / Thomas Hahn, Sportfoto Zink / Thomas Hahn

Sie haben alles versucht, was einem modernen Unternehmen zur Verfügung steht, um mit den Kunden in Kontakt zu treten. Sie haben Online-Sprechstunden mit Fans und Sponsoren veranstaltet, sie schreiben auf allen Kanälen, vor allem aber reden sie. Und trotzdem rufen die Fans täglich, stündlich, minütlich in der Geschäftsstelle von Brose Bamberg an, weil sie nicht verstehen, warum sie künftig beim Basketball schauen eine FFP2-Maske tragen müssen, obwohl sie geimpft sind, warum sie nicht neben ihrem Kumpel stehen dürfen und warum ihnen noch immer niemand sagen kann, ob sie überhaupt in die Arena dürfen. "Und dann rechtfertigen wir uns und vertreten wir Regeln", erzählt Philipp Galewski, "die wir selbst nicht verstehen."

Galewski ist Geschäftsführer des Bundesligisten Brose Bamberg, er stammt aber aus Ansbach, weshalb er Crailsheim erwähnt, 42 Kilometer entfernt. In Crailsheim ist auch ein Basketballbundesligist ansässig, allerdings einer, bei dem die Fans derzeit ausschließlich Eintrittskarten für den Saisonauftakt Ende September bestellen. Der Unterschied: Crailsheim liegt nahe an, aber eben nicht in Bayern.

Aufbruchstimmung - bis zur Ohrfeige

Als er das sagt, nicken seine Kollegen auf dem Podium, die genau deshalb an diesem Freitagmittag nach Nürnberg gekommen sind, um laut zu sein, um endlich gehört zu werden, um mit einer Stimme auf eine Ungerechtigkeit aufmerksam zu machen. Sie alle kennen schließlich die Bamberger Probleme aus eigener Erfahrung, Carsten Bissel vom HC Erlangen, Wolfgang Gastner von den Nürnberg Ice Tigers, Ralph Junge von den Falcons, aber auch Michael Kreitl, der extra aus Kaufbeuren angefahren ist, wo er einem Eishockey-Zweitligisten vorsteht. Sie beschäftigen sich seit eineinhalb Jahren mit einem Thema, das mit Handball, Eishockey und Basketball eigentlich nichts zu tun hat: die Corona-Pandemie und wie die Politik damit umgeht. Vor einer Woche hatten sie alle und die Vertreter weiterer bayerischer Erst- und Zweitligisten Hoffnung, dass das Leben in ihre Hallen und Arenen zurückkehren könnte.

Die Ministerpräsidenten der Länder und die Ministerpräsidentinnen von Mecklenburg-Vorpommern und Rheinland-Pfalz hatten am sich mit der Bundeskanzlerin am 10. August darauf geeinigt, dass Arenen und Hallen bei Sportveranstaltungen bis zur Hälfte ausgelastet werden dürfen, dass bis zu einem Fassungsvermögen von 5000 Zuschauern überhaupt keine Beschränkungen mehr gelten sollen. Bei den Ice Tigers herrschte "Aufbruchstimmung", erzählt Gastner, "bis wir realisiert haben, dass das nur für 15 Bundesländer gilt. Das war eine schallende Ohrfeige für uns."

Hoffen auf die nächste Kabinettssitzung

Hinter "das" verbirgt sich die 13. Bayerische Infektionsschutzverordnung, veröffentlicht am letzten Montag. Bissel spricht von "einer Mutation einer Infektionsschutzverordnung, die uns alle vom Stuhl gehauen hat". Mittlerweile kennt man das Kleingedruckte: 50 Prozent Auslastung, ja, aber nur bei 1,50 Meter Abstand, nur mit Maske, ohne Stehplätze, ohne Alkohol. Deshalb säßen sie "nun da, wie die Deppen", sagt der Präsident des HC Erlangen, weil unter diesen Voraussetzungen zum ersten Heimspiel des HCE am 8. September gegen Leipzig eben allenfalls 1000 Zuschauer sitzen, ebenso bei den Ice Tigers vier Tage später gegen Bietigheim. "Wenn man den Hallen-Profisport eliminieren will, dann kann man so weitermachen."

Das Bild wurde nach der Pressekonferenz aufgenommen. Der HCE und die Ice Tigers hoffen aber immer noch darauf, dass es in der zweiten September-Woche in der Arena wieder voller ist. 

Das Bild wurde nach der Pressekonferenz aufgenommen. Der HCE und die Ice Tigers hoffen aber immer noch darauf, dass es in der zweiten September-Woche in der Arena wieder voller ist.  © Sportfoto Zink / Thomas Hahn, Sportfoto Zink / Thomas Hahn

Die Initiative will das nicht akzeptieren, die Zeit aber drängt – nicht nur wegen des Saisonauftakts im Hallensport. Wieder einmal hoffen sie auf eine Kabinettssitzung, wieder hoffen sie, endlich verstanden zu werden, obwohl ihre offenen Briefe, ihre Kontaktaufnahmen zu Landtags- und Bundestagsabgeordneten, ihre Äußerungen in den Medien auch nicht verstanden wurden. Ministerpräsident Markus Söder hat Erleichterungen zumindest angedeutet. Nur selbst wenn Bayern doch noch beschließen sollte, was Bayern eigentlich längst mit den anderen Bundesländern beschlossen hat: "Danach haben wir eine Woche Zeit, das umzusetzen. Der Schaden", sagt Bissel, "ist längst da."

Am Sonntag lädt der HC Erlangen zur Saisoneröffnung. Joachim Herrmann soll auch kommen. Ihn wird Bissel aber nicht mehr überzeugen müssen, dass der Sport nach den 3G-Regeln wieder zur Normalität zurückkehren müsse. Nur hat das selbst der für den Sport zuständige Innenminister des Freistaats bislang nicht durchsetzen können.

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