Vor dem 1000. DEL-Spiel

Zehn Dinge, die Sie vielleicht noch nicht über Patrick Reimer wussten

Sebastian Böhm
Sebastian Böhm

Sportredaktion

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3.12.2021, 06:00 Uhr
16 Jahre ist dieses Bild alt. Patrick Reimer war gerade zum Newcomer des Jahres gewählt worden. Sein Gesichtausdruck ist zeitlos.

16 Jahre ist dieses Bild alt. Patrick Reimer war gerade zum Newcomer des Jahres gewählt worden. Sein Gesichtausdruck ist zeitlos. © Imago Images

Patrick Reimer liebt seinen Beruf. Das ist sein Geheimnis. Reimer muss sich bewegen, muss Sport machen, Schlittschuh laufen und Schießen, immer wieder Schießen. Was er nicht liebt: Im Mittelpunkt stehen. Das hätte er sich allerdings früher überlegen müssen. Denn nicht nur am Freitag in Köln und am Sonntag in Nürnberg, auch in dieser Zusammenstellung geht es allein um: Patrick Reimer.

Der junge Reimer in Kaufbeuren: Dass er zum Eishockey kam, war Zufall.

Der junge Reimer in Kaufbeuren: Dass er zum Eishockey kam, war Zufall. © Imago Images

Letztlich war alles Zufall oder Vorbestimmung, je nachdem, wie man das sehen mag. Hätte Tobias Reimer einen Hackenfuß, einen Hohlfuß, selbst einen Senk- oder einen Spreizfuß gehabt, wäre Patrick Reimer vielleicht nie zum Eishockey gekommen. Sein älterer Bruder aber hatte einen Sichelfuß, weshalb der Kinderarzt eine Sportart empfohlen hatte, die die Fehlstellung spielerisch korrigiert. Zum Beispiel Eishockey. Also fuhr Angelika Reimer den Tobias nach Bad Wörishofen in die Eishalle. Und weil der Patrick auch ohne Sichelfüße dabei war, weil, wo hätte er auch hinsollen, standen erst zwei, später mit Jochen dann drei Reimers auf dem Eis. Der Rest ist Geschichte.

Vier Superstars und der Sänger einer Band: Marian Bazany, Daniel Kreutzer, Patrick Reimer und Derek Dinger rahmen Andreas Frege ein.

Vier Superstars und der Sänger einer Band: Marian Bazany, Daniel Kreutzer, Patrick Reimer und Derek Dinger rahmen Andreas Frege ein. © Imago Images

Eine SMS von Andreas Frege, eine von vielen SMS, die Patrick Reimer im April 2011 erhalten hatte. So ist das, wenn man mit der Düsseldorfer EG im Halbfinale an den Berliner Eisbären gescheitert ist. Frege aber, den die Welt nur als Campino kennt, hatte Reimer eine eher einfach formulierte Kurznachricht geschickt. Natürlich war "Schade, Scheiße, so was kann passieren" angemessen. Campino war von seinen Worten sogar so begeistert, dass er ein Lied daraus gemacht hat. Und kurz bevor er dieses Lied mit den Toten Hosen beim Festival "Rock am Ring" angestimmt hat, richtete er das Wort an: Genau, Patrick Reimer. "Dieses Lied ist für dich und deine Brüder."

Ja, ist denn schon wieder Weihnachten? Zumindest nicht für Nürnbergs einstigen Torhüter Jean-Francois Labbé.

Ja, ist denn schon wieder Weihnachten? Zumindest nicht für Nürnbergs einstigen Torhüter Jean-Francois Labbé. © Imago Images

Die Toten Hosen, Teil zwei: Auf dem Cover der Langspielplatte "Ballast der Republik" findet man: Angela Merkel, Breiti, Konrad Adenauer, Campino, einen Gartenzwerg viele weitere Figuren der Welt- und Kulturgeschichte und, gleich neben Adenauer, Patrick Reimer.

Best Buddies: Marco Nowak und Patrick Reimer feiern sich. 

Best Buddies: Marco Nowak und Patrick Reimer feiern sich.  © Matthias Winter/Sportfoto Zink

Patrick Reimer ist ein Familienmensch. Das steht so in vielen Portraits über Sportler. Es braucht ein Beispiel, um zu verdeutlichen, dass Reimer der Familie genauso wichtig ist. An Weihnachten kommen alle zusammen, auch die Reimers. Natürlich zu Hause in Mindelheim, groß und weihnachtlich. So wie es sein muss. Nur wenn der mittlere Sohn Profi in Düsseldorf ist und ihm der jüngste Sohn nacheifert, dann muss die Familie eben zum Profieishockeyspieler kommen. So haben sie zu Beginn seiner Karriere in einer Zwei-Zimmer-Wohnung gefeiert. Alle zusammen. "Es war", sagt Vater Franz Reimer und zögert, "anders – und trotzdem schön."

Das zweitwichtigste Tor in seiner Nationalmannschaftskarriere: Patrick Reimer trifft zum 2:0 gegen Russland. 2011 gewinnt Deutschland erstmals ein WM-Spiel gegen die Sbornaja. 

Das zweitwichtigste Tor in seiner Nationalmannschaftskarriere: Patrick Reimer trifft zum 2:0 gegen Russland. 2011 gewinnt Deutschland erstmals ein WM-Spiel gegen die Sbornaja.  © Imago Images

Als Marco Nowak, 17 Jahre jung, die Kabine der Düsseldorfer EG betrat, bekam er den Platz neben Patrick Reimer zugewiesen. Der Allgäuer kümmerte sich um den Sachsen. Als Reimer nach Nürnberg wechselte, wechselte Nowak mit. Reimer ist Nowaks Trauzeuge, der Taufpate seiner Tochter. "Patty", sagt Nowak, mittlerweile, wie einst Reimer, Kapitän der Nationalmannschaft, "gehört zur Familie."

Good Goal! Patrick Reimer stochert im Olympia-Viertelfinale den Puck an Viktor Fasth vorbei. 

Good Goal! Patrick Reimer stochert im Olympia-Viertelfinale den Puck an Viktor Fasth vorbei.  © Joel Marklund/Imago Images

Fabio Patrzek, Markus und Stefan Schröder wurden ordentliche Eishockeyspieler. Aber warum sie vor zwei Jahrzehnten Deutschland bei der U20-WM vertreten durften, nicht aber dieser etwas schmächtige, aber spielintelligente, schnelle Außenstürmer aus Kaufbeuren, das ist heute nicht mehr nachzuvollziehen. Wenn sich Nachwuchsbundestrainer ihre Mannschaften zusammensuchten, hatten sie Patrick Reimer übersehen. Und selbst in der A-Nationalmannschaft hat es lange gedauert, bis Uwe Krupp endlich verstand, wie man die Nummer 37 richtig einsetzte. Reimer war zwischendurch sauer, aber nie nachtragend. 29 Tore in 103 Länderspielen, fünf WM-Teilnahmen und eine olympische Silbermedaille sollten dafür Beweis genug sein.

Zweifelsohne ein Bart. Für das Frundsbergfest reicht das aber noch nicht.

Zweifelsohne ein Bart. Für das Frundsbergfest reicht das aber noch nicht. © Thomas Hahn/Sportfoto Zink

Aleksi Rantala ist ein Schiedsrichter in der Deutschen Eishockey Liga und offenbar als solcher gut genug, um auch wichtige internationale Spiele zu pfeifen. Zum Beispiel ein Viertelfinale bei Olympischen Spielen. 61 Minuten und 30 Sekunden waren zwischen Deutschland und Schweden gespielt, als Reimer den Puck ins Tor gearbeitet hatte. Er jubelte, sonst aber niemand. Die Schiedsrichter wollten sich die Szene noch einmal anschauen. Der Schiedsrichter, der auf dem Eis verkündete, dass man da gerade eben ein "good goal" gesehen habe, war Aleksi Rantala. Und als Reimer drei Tage später in der Verlängerung des Finales gegen Russland auf die Strafbank geschickt wurde, sprach Aleksi Rantala die Strafe aus. Wenig später schoss Kirill Kaprizov das Siegtor. Reimer hat sich das Foul und das Tor bis heute nicht noch einmal angesehen. Aber als er in Krefeld mit einem Tor und einer Vorlage Daniel Kreutzer in der ewigen Scorerliste der DEL an der Spitze ablöste, gratulierten ihm viele Menschen, auf dem Eis auch: Aleksi Rantala.

Komm in meine Arme, Nachfolger. Bei der Düsseldorfer EG stürmten Patrick Reimer (links) und Daniel Kreutzer oftmals in einer Reihe, jetzt stehen sie in der ewigen Scorerliste auf Platz eins und zwei.

Komm in meine Arme, Nachfolger. Bei der Düsseldorfer EG stürmten Patrick Reimer (links) und Daniel Kreutzer oftmals in einer Reihe, jetzt stehen sie in der ewigen Scorerliste auf Platz eins und zwei. © Imago Images

Reimer trägt Bart, meist gut gepflegt, im November auf das Wesentliche auf der Oberlippe reduziert. Wenn er die Haare im Gesicht unkontrolliert sprießen lässt, weiß man: In Mindelheim steht wieder das Frundsbergfest an. Alle drei Jahre versetzt sich die Stadt in die Zeit von Georg von Frundsberg zurück. Mittendrin in den Reihen des Fähnleins Ems: der Landsknecht Patrick Reimer.

Und wie geht es weiter? Zunächst einmal auf dem Eis, für Patrick Reimer gibt es keinen Grund, seine Karriere zu beenden. 

Und wie geht es weiter? Zunächst einmal auf dem Eis, für Patrick Reimer gibt es keinen Grund, seine Karriere zu beenden.  © Thomas Hahn/Sportfoto Zink

Daniel Kreutzer war krank. Die Düsseldorfer EG brauchte also einen Stürmer in Augsburg. Und glücklicherweise spielte in Kaufbeuren in der 2. Liga dieser junge Mann, dessen Lizenz auch für die DEG gültig war. Patrick Reimer fuhr also mit seinem privaten Auto nach Augsburg, spielte und fuhr wieder zurück. 995 DEL-Spiele später löste Reimer den ewigen DEG-Kapitän Kreutzer als bester Scorer der Liga-Geschichte ab.

Tom Rowe hat die wichtigste Trophäe im Eishockey gewonnen. Als Co-Trainer der Carolina Hurricanes durfte er 2006 den Stanley Cup in die Höhe stemmen. Kapitän der Canes war damals Rod Brind'Amour. "Roddy kam jeden Tag in die Halle, um sich den Hintern aufzuarbeiten, er behandelte jeden mit viel Respekt, hat alles für das Team gemacht", sagte der 65 Jahre alte Cheftrainer der Ice Tigers. "Genau das sehe ich auch in Patrick (Reimer). Wir könnten keinen besseren Kapitän haben." Brind'Amour ist inzwischen als Coach der Hurricanes erfolgreich. "Patrick hätte das Zeug dazu."

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