Montag, 09.12.2019

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Ironman Hawaii: Nürnberger Triathlon-Trio erfüllt sich Traum

Eine Triathlon-WG des Post SV geht in Hawaii an den Start - 12.10.2019 15:24 Uhr

Wolfgang Geißler, Physiotherapeut Patrick Pickelmann, Tobias Heining und Christian Roth (von links) erfüllen sich auf Hawaii einen Traum. © Foto: Edgar Pfrogner


Die Suche nach Schmerzlinderung führte Christian Roth vor nicht allzu langer Zeit in die Physiotherapie-Praxis von Patrick Pickelmann. Dort, in der Nürnberger Burgschmietstraße, wurde nach erfolgreicher Rekonvaleszenz auch gleich noch ein gemeinsamer eiserner Plan geschmiedet: Sollte sich der Hobby-Triathlet tatsächlich einmal für Hawaii qualifizieren, müsse "die Hand Gottes" (Roth über Pickelmanns therapeutische Fähigkeiten) unbedingt auch mit dabei sein.

Und so kam es: Der 30-jährige Lehrer am Pirckheimer-Gymnasium qualifizierte sich in Frankfurt beim Ironman in 9:30 Stunden in der Altersklasse 30 bis 35 Jahre für die offizielle Triathlon-Weltmeisterschaft auf der Pazifik-Insel. Flüge und eine Unterkunft in Kailua-Kona auf der größten der hawaiianischen Inseln wurden daraufhin gebucht. Als sich die Trainingskollegen vom Post SV Nürnberg, Tobias Heining, ein 30-jähriger Ingenieur aus Rednitzhembach, und der Nürnberger Wolfgang Geißler (51, Ingenieur) auch noch erfolgreich an der Altersnorm versuchten, wuchs die Triathlon-WG auf vier Mitbewohner an.

Vor neun Tagen machte sich das Quartett auf den Weg, um sich auf der "Großen Insel" zu akklimatisieren und auf die besonderen Begebenheiten dort einzustellen. Das angemietete Ferienhaus liegt strategisch günstig leicht oberhalb der 180,2 Kilometer langen Radstrecke. Etliche Stunden und hunderte Kilometer wird das Triathlon-Trio dort bis zum Wettkampftag schon im Fahrradsattel verbracht haben.

42 Kilometer durch den Glutofen

Auch das Kailua Pier, wo sie sich zum Start des Rennens in die Fluten werfen werden und auf die 3,86 Kilometer lange Schwimmroute gehen, wird ihnen vertraut sein. Das Schwimmen bei 28 Grad Wassertemperatur im offenen Meer mit seinen unberechenbaren Strömungen und der mitunter heftigen Brandung birgt seine Tücken und kann im Schwimmbad des Post SV in Ebensee nur schwer simuliert werden.

Auf der Radstrecke pfeifen den Triathleten die überraschenden Ho’o-Mumuku-Winde böig und mit Geschwindigkeiten von bis zu 80 Stundenkilometern entgegen. Die asphaltierte Marathon-Strecke, die bei großer Hitze in der hawaiianischen Lavawüste bei Temperaturen um die 40 Grad schier zu glühen beginnt, wird neben der körperlichen auch eine mentale Zerreißprobe werden. Schatten? Fehlanzeige! Nach 42,195 Kilometern zu Fuß durch diesen Glutofen wartet dann die Ziellinie auf dem Ali’i Drive auf die Eisenmänner.

Die Grundlagen für ein erfolgreiches Rennen, eine Zielankunft womöglich mit neuer persönlicher Bestzeit haben die drei Athleten während einer einjährigen Vorbereitungszeit längst geschaffen. Fit sind sie alle nicht nur wegen der pflegenden Hände ihres Physiotherapeuten, der ihnen die geringsten Anzeichen von Muskelkater aus ihren strapazierten Körpern knetet und sich um jegliche Wehwehchen kümmert.

"Wird schon schiefgehen"

In den letzten Tagen vor dem Startschuss am Samstag um 18:25 Uhr (MESZ) ging es auch darum, "in den ,Wettkampf-Flow‘" zu kommen, erzählte der gebürtige Aschaffenburger Roth bei einem gemeinsamen NZ-
Redaktionsbesuch des Quartetts am Tag vor dem Abflug. Den Puls noch einmal in die Höhe trieb aber schon die Anreise. Beim Gedanken an das Gepäck, die auf den eigenen Körper angepassten sündhaft teuren Rennräder aus Karbon, die in einer Art Instrumentenkoffer bruchsicher verpackt hoffentlich denselben Flughafen erreichen, wurde die Stirn ein wenig feuchter. "Es wird alles schon irgendwie schiefgehen", beruhigte sich Heining mit fränkischem Fatalismus. Auch die spezielle Nahrung für Ausdauersportler – jeder hat seinen Hersteller-Favoriten – importierten sie. "Ich werde mit der Nahrung vor Ort kein Problem haben", wirft Pickelmann, kein Fastfood-Verächter, lachend ein.

Die persönliche Bestzeit über die Langdistanz von 8:26 Stunden hebt Heining aus dem Trio hervor. "Wer viel reinsteckt, will auch viel rausholen", lautet sein ambitioniertes Credo. Auch wenn der Rednitzhembacher inzwischen nicht mehr ganz so viel Aufwand betreiben kann wie noch als Student, hat er wenigstens seine Wochenstundenanzahl vorübergehend auf 30 reduziert, um bestens vorbereitet zu sein. Der 30-
Jährige schielt deshalb sogar in seiner Altersklasse "auf einen Podestplatz".

Im Kampf gegen die hohen Temperaturen, die große Konkurrenz, die unvorhersehbaren Schmerzen steht über allem und für alle jedoch allein das Ankommen. "Bei so einem langen Rennen kann viel passieren", spricht Geißler aus Erfahrung. 2015 war er das erste Mal auf Hawaii dabei und erreichte nach 10:54 Stunden völlig erschöpft das Ziel. "Finishen", sagte er, "steht immer über allem, erst danach kommt die Zeit." Am schnellsten kam er bei der Europameisterschaft in Frankfurt 2017 nach 9:29 Stunden ins Ziel.

Flitterwochen und Triathlon unter einen Hut gebracht

Wer das Ziel nicht erreicht, war nicht dabei. Und nicht dabei gewesen zu sein kann sich vor allem Tobias Heining nicht erlauben. Ein Kompromiss setzt ihn schon vor dem Startschuss unter Druck: Die Flitterwochen und Triathlon auf Hawaii zu kombinieren, war ein großer Liebesbeweis seiner Frau. "Wenn ich mich im Rennen verzocke, erzählt sie mir was", verriet er mit einem Lachen.

Doch das Zweifeln ist neben dem kräftezehrenden Kampf gegen den inneren Schweinehund die größte Gefahr und ein ständiger ungeliebter Begleiter. "Es ist immer auch ein Abwägen", meint Roth: "Will ich sicher finishen, oder gehe ich für eine persönliche Bestzeit das Risiko ein zu überpowern?" Die Hatz hat schon vielen plötzlich den Stecker gezogen.

Am besten ist diese Kunst des schnellen Ankommens im vergangenen Jahr erneut einem Deutschen geglückt: An der neuen Rekordzeit von Patrick Lange, der seinen Titel in 7:52:39 Stunden verteidigte und damit die Serie deutscher Sieger auf fünf ausbaute, wird sich die Triathlon-WG die Zähne ausbeißen – der pflegenden Hände von St. Johannis zum Trotz.

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Stefan Jablonka

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