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Isländer spielt Schach für Postbauer-Heng

Verein hält Mitglieder in Corona-Zeit beim Online-Training auf Zug - 02.05.2021 16:59 Uhr

So sieht Schach-Training in der Gegenwart aus: Kristján Smárason sitzt vor dem Laptop. Die Besonderheit ist aber, dass er aus Island mit Postbauer-Heng interagiert.

02.05.2021 © Foto: Sigurdsson/privat


Samstag für Samstag sitzt Kristján Smárason vor seinem Laptop, um sich mit seinem Trainer Stefan Ratscheu an den Feinheiten des Königlichen Spiels zu üben. Die knapp einstündigen Bildschirm-Sitzungen, bei denen die Teilnehmer verschiedenste taktische Varianten analysieren und ausprobieren, sind inzwischen zur Gewohnheit geworden.

Bereits im ersten Lockdown hat der Jugendleiter des SC Postbauer-Heng die wöchentlichen Treffen initiiert, es bildeten sich zwei Gruppen für Kinder und fortgeschrittene Anfänger. "Auch wenn sie sich nicht direkt am Brett gegenüber sitzen, sind die meisten immer noch mit großem Eifer dabei. Bei vielen ist eine deutliche Leistungssteigerung erkennbar", sagt Ratscheu. Nach dem Training veranstalten die Spieler häufig noch kleinere Turniere auf der Internetplattform Lichess.

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Der Verein konnte durch das interaktive Angebot sogar ein paar Zugänge gewinnen. Neben dem neunjährigen Jonah Cwiklik aus Seligenporten, der 2020 mehr als 9000 Partien absolvierte und sich mit diversen Turniererfolgen für ein Simultan-Wettbewerb mit dem amtierenden U16-Weltmeister Frederik Svane empfahl, zählt Kristján Smárason zu den fleißigsten Nachwuchsakteuren.

Bei ihm allerdings ist der Fern-Unterricht gar nicht allein den Corona-Einschränkungen geschuldet. Der Zwölfjährige lebt nicht in der Oberpfalz, sondern im Norden Islands. Rund 2400 Kilometer Luftlinie und zwei Stunden Zeitunterschied sind es zwischen Húsavik und Postbauer-Heng. Dank moderner Technik aber ist das kein Problem. Weil Kristján deutsch spricht, gibt es auch keine Verständigungsschwierigkeiten.

Tradition in der Familie

Der Bezug zum Verein ergab sich im Herbst 2019. Da lebte die Familie ein Jahr lang bei Verwandten in Unterferrieden. Von dort stammt Mutter Iris Waitz, die vor 18 Jahren einen Lehrer aus Island geheiratet hat. Auf der Suche nach einer Möglichkeit zum Schachspiel kamen Vater Smári Sigurdsson und Sohn Kristján zu den Ratscheus. Vater Karl-Heinz ist der umtriebige Chef des kleinen Schachclubs, sein Sohn Stefan kümmert sich als Jugendleiter um die nächste Generation. Auf Königsjagd geht Kristján schon, seitdem er vier Jahre alt ist. Sein Vater hat es ihm beigebracht. Denn Island ist eine Schachnation.

Das legendäre Duell zwischen dem sowjetischen Weltmeister Boris Spasski und seinem US-Herausforderer Robert "Bobby" Fischer 1972 hat eine riesige Begeisterung ausgelöst. Dass Fischer seine letzten drei Lebensjahre in Reykjavik verbracht hat, trug zum Hype bei. "Wir haben sein Grab und das kleine private Museum dort schon besucht", berichtet Kristján.


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In seiner Heimatstadt Húsavik mit ihren 2300 Einwohnern gibt es einen Schachclub mit etwa 40 Mitgliedern. "Dort treffen sich die Spieler aus der ganzen Umgebung. Einige wohnen knapp 60 Kilometer entfernt." Für die Teilnahme an regionalen Meisterschaften oder gar der nationalen Jugendmeisterschaft sind mehrere Stunden Anfahrt nötig.

Die Nachwuchsförderung ist entlang des Fjords nicht besonders ausgeprägt. "Kristján freut besonders, dass er in Deutschland gegen Gleichaltrige antreten konnte", sagt sein Vater. Bei seinem Verein aus Reykjavik, bei dem Kristján montags und donnerstags virtuell trainiert, muss er sich mit Erwachsenen messen. Für den Youngster steht fest. "Wenn Corona vorbei ist, möchte ich auch weiterhin mit Stefan in Postbauer-Heng online trainieren." Schon jetzt vertritt er den Verein bei diversen digitalen U14-Turnieren in Deutschland. Zuletzt siegte er in Moosach.

Einen speziellen Vorteil aber hat es, dass Kristján mitten im Nordatlantik lebt. Eine solche Insel mit nur einem internationalen Flughafen und einer Fährverbindung zum europäischen Festland lässt sich ganz einfach abschotten. "Wir haben nur ein Dutzend Neuinfektionen täglich." Schule und Sportunterricht finden deshalb ganz normal statt. In den nächsten Tagen wird sogar das Vereinsschach wieder erlaubt sein. "Ich freue mich schon, endlich wieder einem Gegner am Brett gegenüber zu sitzen". In Postbauer-Heng wird man darauf noch warten müssen.

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UDO GÜLDNER

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