Fußball-EM

Kommentar: Drama um Eriksen - Fußballspielen in Schockstarre

13.6.2021, 16:51 Uhr
Auch die schwedische Mannschaft schickte am Sonntag Genesungswünsche an den Dänen Christian Eriksen.

Auch die schwedische Mannschaft schickte am Sonntag Genesungswünsche an den Dänen Christian Eriksen. © JULIO MUNOZ, AFP

Es sind Momente, die wohl jeder, der am Samstagabend vor dem Bildschirm sitzt, nie ganz wird vergessen können. Ein Fußballer liegt regungslos am Boden, Ärzte und Sanitäter kämpfen um sein Leben, die menschliche Mauer, die seine erschütterten Teamkameraden als Sichtschutz bilden, ist schon jetzt ein ikonisches Bild dieser Fußball-EM.


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Christian Eriksen lebt, und er hat wohl gute Chancen, den Kollaps ohne bleibende Schäden zu überstehen. Das ist die gute und auch einzige wichtige Nachricht dieses Abends in Kopenhagen. Christian Eriksen lebt, weil viele Menschen in einer psychischen Extremsituation vieles richtig gemacht haben. Ob Dänemarks in jeder Hinsicht vorbildlicher Kapitän Simon Kjaer, der sich sofort um seinen Freund kümmerte, Schiedsrichter Anthony Taylor, der den Ernst der Lage blitzschnell erfasst hatte, die Mediziner und Helfer, die fokussiert und hochprofessionell ihren Job erledigten – sie alle haben Anteil daran, dass das Drama nicht zur Tragödie wurde. Und dürfen schon jetzt als EM-Helden gelten.

Dass es hingegen keine allzu gute Idee war, die Partie gegen Finnland nicht einmal zwei Stunden, nachdem Eriksen erfolgreich reanimiert worden war, irgendwie zu Ende zu bringen, ließ sich relativ bald erahnen. Auch wenn das dänische Team es so wollte und sogar Eriksen selbst die Kollegen per Videochat aus dem Krankenhaus ermuntert haben sollte – hier hätten andere, emotional unbeteiligtere Instanzen Verantwortung übernehmen, Empathie zeigen und die unter Schock stehenden, vermutlich traumatisierten Profis vor sich selbst schützen müssen.


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Niemand sei gezwungen worden, beeilte sich die Uefa mitzuteilen, doch wäre die Option, die restlichen 50 Minuten am Sonntagmittag nachzuholen, tatsächlich eine echte Alternative gewesen? Wäre die Fußballwelt eingestürzt, hätte man einfach das 0:0, den Spielstand zum Zeitpunkt des Abbruchs, gewertet – und den Dänen so ein bisschen Zeit gegeben, das Erlebte zumindest ansatzweise zu verarbeiten?

Einfach mal schweigen

Zugegeben: Natürlich ist es leicht, solch heikle Entscheidungen bequem vom Sofa oder Schreibtisch aus zu kritisieren. Und es ist offenbar ein Symptom unseres digitalen Zeitalters, dass jeder ständig meint, alles besser zu wissen und dies dann auch sofort auf diversen Kanälen kundtun zu müssen. Was sich rund um den live übertragenen Notfalleinsatz zur Prime Time in den sozialen Medien abspielte, war nervig, grenzwertig, teils schlicht erbärmlich. Etwa, wenn Eriksens gesundheitliche Probleme prompt von Corona-Impfgegnern instrumentalisiert wurden. Dass der 29-Jährige noch gar nicht geimpft ist? Egal.

Manchmal ist es vielleicht besser, einfach zu schweigen. Oder sich ein Beispiel zu nehmen an den Fans beider Lager, die an diesem Abend, an dem ein Fußballspiel plötzlich zur Randnotiz wurde, im Wechselgesang den einzigen angemessenen Kommentar abgaben: "Christian! Eriksen!"

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