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Legendäre Spiele: Eine rauschende Fürther Derby-Nacht

2014 besiegt das Kleeblatt den 1. FC Nürnberg mit 5:1 - 05.07.2020 16:17 Uhr

Ein Freudentanz vor der alten Haupttribüne: Die Fürther Spieler mit Torwart Wolfgang Hesl (im gelben Trikot) feiern das 5:1 über den 1. FC Nürnberg.


In ihrer 117-jährigen Geschichte hat die SpVgg schon viele Kapitel Fußballgeschichte geschrieben. In einer Serie rufen wir legendäre Kleeblatt-Spiele in Erinnerung, vor allem aus der jüngeren Vergangenheit. Diesmal: der 11. August 2014.

Wolfgang Hesl wird noch einmal den Verein wechseln. Das steht fest. Vom Bezirksligisten TSV Stulln zum SC Ettmannsdorf. Der Landesligist nahe seinem Wohnort Schwarzenfeld in der Oberpfalz sucht einen Torwart. Dann ist schon wieder Schluss mit dem kurzen Austoben als Feldspieler. Nach all den Jahren Berufsfußball wollte der 34-Jährige endlich nur noch Spaß am Spiel haben, ohne großen Trainingsaufwand, aber mit Bier in der Kabine.

"Dieses Spiel ist natürlich präsent"

Dass die Flaschen auch hin und wieder während seiner Profilaufbahn in der Umkleide kreisten, daran erinnert er sich gerne. Zum Beispiel nach einem legendären Derbysieg. Am 11. August 2014 zerlegten Hesls zehn Vorderleute den 1. FC Nürnberg nach Strich und Faden. Wie es ausging? "5:1", kommt es nach dem Anruf der FN sofort aus seinem Mund. "Dieses Spiel ist natürlich präsent." Nicht nur wegen des Resultats. "Vorher war der Unfall von Illi", erinnert sich der damalige Spielführer. "Das hat das Spiel nicht unbedingt beeinflusst, aber wir haben auch für ihn gespielt." "Illi" ist der Spitzname von Ilir Azemi. Der 13-Tore-Stürmer der vorangegangenen Rückrunde hatte sich in der Woche vor dem Derby bei einem Autounfall an der Stadtgrenze schwer verletzt. Dass es das Ende seiner Laufbahn bedeuten würde, konnte man da nur ahnen.

Noch im Trainingslager wusch Trainer Frank Kramer dem Kosovaren den Kopf, der Shooting Star hatte Allüren gezeigt. Eintracht Frankfurt wollte ihn in die Bundesliga locken, nur das lächerliche Angebot von unter einer Million Euro verhinderte, dass Präsident Helmut Hack in jenem Ausverkaufssommer nicht auch seinen Torjäger zu Geld machte.

Ein "Komplettumbruch"

Hesl erinnert sich nur zu gut: "Von den 13 Stammspielern waren plötzlich sieben weg, ein Qualitätsverlust." Schließlich könne man nicht jedes Jahr einen "Komplettumbruch" verdauen. Für Hesl ist es erstaunlich, dass das im Jahr zuvor noch geklappt hat und der Weg bis in die Relegation führte. Doch dieser Sommer war anders. "Normalerweise ist es so, dass Mannschaften, die die Relegation nicht geschafft haben, in der folgenden Saison Probleme bekommen. Das hängt dir extrem nach." Doch zunächst deutete nichts darauf hin.

Der Spielplan wollte es so, dass schon am zweiten Spieltag die Nürnberger in den Ronhof kommen. Fürth geht mit 2:0 in Führung. Den Anfang macht einer, der in seinen zwei Fürther Jahren nie auf Torschützenlisten aufgetaucht ist: Abdul Rahman Baba. Der ghanaische Teenager trifft, holt einen Elfmeter heraus und trifft noch einmal. "Das sind dann halt solche Tage, an denen ein Derbyheld geboren wird", sagt Hesl. Wo es Helden gibt, gibt es aber auch Verlierer.

"Irgendwann in einem Rausch"

Ins kollektive Gedächtnis der Fürther Fans hat sich das 5:1 eingebrannt. Ein Jahr später widmeten sie ihm zum Derby eine aufwändige Choreografie.

© Foto: Jürgen Rauh/Zink


"Rapha Schäfer hat an dem Tag nicht so gut ausgesehen", findet sein Gegenüber. Doch das Ergebnis ist Hesl zu hoch, denn nach dem Anschlusstreffer noch vor der Pause trifft Niclas Füllkrug noch den Innenpfosten. "Das hätte ja auch gut gepasst zu einem Ex-Fürther." Doch statt "Fülle", wie Hesl ihn immer noch nennt, sind die Gastgeber "irgendwann in einem Rausch".

Denn nach der Pause legt die SpVgg nach. Nach Tom Weilandts 4:1 setzt der eingewechselte Neuzugang Robert Zulj den Schlusspunkt. "Den kannte ich aus meiner Zeit in Ried. Ein guter Kicker, aber er stirbt manchmal in Schönheit, es kommt oft zu wenig dabei rum", urteilt Hesl.

Doch davon ahnt das Fürther Publikum an diesem Montagabend noch nichts. Dem Rausch auf dem Platz folgt der in der Kabine. Als der Kühlschrank mit Grüner leer ist, lassen sich Spieler und Funktionäre mit dem Mannschaftsbus in die Gustavstraße chauffieren. Dort, wo sie nach der verpatzten Relegation noch ihren Grant herunterspülten, sollte jetzt "die Höhe und die Art und Weise" dieses Derbysiegs zelebriert werden.

Auch Baba wird verkauft

Hesl schwärmt: "Die Gustav war voll, alles weiß-grün." Es gibt Fotos des Trainers Frank Kramer, wie ihm Fans eine Likörflasche in die Hände drücken. Der Lehrer und Taktikperfektionist kann sich gehen lassen, Hesl muss lachen. "Das Verhältnis zwischen ihm und den Fans war immer etwas kühl. Aber an dem Abend war er länger als ich unterwegs, und ich war schon lange."

Am nächsten Morgen wird bekannt, dass Hack auch Derbyheld Baba an den FC Augsburg verkauft hat. In der Winterpause schreiben die FN, dass diese Party einen nicht enden wollenden Kater verursachte. Wegen der ihrer Meinung nach überzogenen Anspruchshaltung warfen Hack, Holger Schwiewagner und Martin Meichelbeck Kramer im Februar hinaus.

Der Vorgänger als Nachfolger

Mit Mike Büskens wird Kramers Vorgänger zu Kramers Nachfolger. Hesl bestreitet, dass dieses Derby den Blick auf den schwachen Kader vernebelte: "Derbys muss man immer ausklammern. Es konnte doch damals niemand wissen, dass das Saisonende in Leipzig so krass wird." Im Gedächtnis bleiben Fürther Spieler, die sich nach dem 0:2 um Handys scharen, um den Spielstand in Heidenheim zu erfahren. Das 2:2 dort lässt Erzgebirge Aue absteigen, Fürth bleibt mit einem blauen Auge drin. Aber das ist eine andere Geschichte.

Fürth: Hesl; Schröck, Korcsmar, Röcker (85. Zulj), Gießelmann – Fürstner, Sukalo – Weilandt, Stiepermann (82. Pledl), Baba (74. Trinks) – Przybylko.

Nürnberg: Schäfer; Pachonik, Stark, Pinola, Ramirez – Petrak, Schöpf – Koch (59. Gebhart), Füllkrug (71. Colak) – Mlapa, Sylvestr (64. Pekhart). – Tore: 1:0 Baba (8.), 2:0 Sukalo (FE, 17.), 2:1 Pinola (35.), 3:1 Baba (57.), 4:1 Weilandt (76.), 5:1 Zulj (87.).

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