Interview mit dem fränkischen Trainer

Achim Beierlorzer: "Gefühlskarussell" bei RB Leipzig nach Sieg über Manchester City

Holger Peter
Holger Peter

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8.1.2022, 06:00 Uhr
Stippvisite in der Weltspitze: Kurz nach seinem Sieg über Manchester City mit Trainer Pep Guardiola wurde Achim Beierlorzer bei RB Leipzig freigestellt. „Das gehört zum Job“, sagt er.
 

Stippvisite in der Weltspitze: Kurz nach seinem Sieg über Manchester City mit Trainer Pep Guardiola wurde Achim Beierlorzer bei RB Leipzig freigestellt. „Das gehört zum Job“, sagt er.   © imago images/motivio, NN

Fränkische Provinz und internationaler Glamour - Achim Beierlorzer kennt alle Facetten des Fußballs. Zuletzt durfte der 54-Jährige sogar einmal als Cheftrainer an der Seitenlinie in der Champions League stehen, schlug dabei Manchester City und sicherte RB Leipzig damit das Überwintern im internationalen Geschäft. Kurz darauf musste er seinen Platz aber räumen.

Erst im Sommer war Achim Beierlorzer wieder zu Rasenballsport Leipzig gewechselt, als Co-Trainer des US-Amerikaners Jesse Marsch. Dessen Engagement stand unter keinem glücklichen Stern. Anfang Dezember trennte man sich, weil die Erfolge bei den ambitionierten Sachsen ausblieben.

"Zwischendurch haben wir halt Manchester City geschlagen"

Herr Beierlorzer, Sie durften dann übernehmen, waren aber drei Tage später Ihren Job auch los...

Achim Beierlorzer: So schnelllebig ist das Geschäft. Und man weiß natürlich, auf was man sich einlässt. Aber in der Tat war es schon ein Gefühlskarussell. Am Sonntag habe ich - nach Rücksprache mit Jesse - seinen Posten interimsweise übernommen. Am Donnerstag musste ich dann auch gehen, weil der neue Cheftrainer Domenico Tedesco seinen Stab mitbrachte. Das ist ja inzwischen üblich. Und zwischendurch haben wir halt Manchester City geschlagen, vielleicht die beste Vereinsmannschaft der Welt.

Warum konnte Leipzig dieses Niveau nicht immer zeigen?

Achim Beierlorzer: Die Umstände waren heuer schon besonders schwierig für uns als neues Trainerteam nach zwei Jahren Julian Nagelsmann. Viele Spieler waren bei der Europameisterschaft im Einsatz und fehlten in der Vorbereitung. Dani Olmo, ein ganz wichtiger Spieler, fuhr dann auch noch mit Spanien zu den Olympischen Spielen nach Tokio. Wir hätten ihn danach vermutlich in Watte packen können und haben ihn nur wenig belastet, dennoch zog er sich einen Muskelfaserriss zu. Hinzu kamen der relativ späte Wechsel von Marcel Sabitzer nach München und der Umstand, dass wir fast die gesamte Innenverteidigung umstellen mussten.

Konnten die Neuzugänge das nicht kompensieren?

Achim Beierlorzer: Wir haben wirklich tolle neue Spieler bekommen. Aber als Mannschaft musste das erst noch wachsen. Wir haben teilweise hervorragende Spiele hingelegt wie gegen den VfB Stuttgart oder Hertha BSC, konnten das aber nicht immer auf den Platz bringen. Es hätte wohl noch länger gedauert, bis wir unseren Matchplan dauerhaft hätten durchsetzen können.

Fehlte da der Vereinsspitze in diesem sehr ambitionierten Klub vielleicht die Geduld?

Achim Beierlorzer: Das würde ich nicht so sagen, es waren ja beide Seiten nicht hundertprozentig zufrieden. Die Bundesliga ist eben eine sehr starke Liga, da reicht es nicht, starke Individualisten zu haben. Man muss sich nur mal den SC Freiburg ansehen, der über Jahre hinweg eine geschlossene Mannschaft aufgebaut hat. So ein Prozess benötigt Zeit.

Sie hatten zuletzt in Köln und Mainz Cheftrainerposten in der Bundesliga – warum haben Sie in Leipzig als "Co" zugesagt?

Achim Beierlorzer: Die verlängerte Coronasaison mit dem FSV Mainz war sehr intensiv und anstrengend. Nach dem Klassenerhalt folgte das ebenso kuriose wie überraschende nach nur zwei Spieltagen. Leipzig hat mich dann vor Beginn der neuen Saison kontaktiert. Dort hatte ich gute Erfahrungen in den Jahren 2014 bis 2017 gemacht, Jesse Marsch und der Verein wollten mich unbedingt haben – auch weil ich mich in der Bundesliga auskannte. Jesse hatte ja bisher die Red-Bull-Teams in New York und Salzburg trainiert. Und natürlich reizte mich die Champions League – dafür wird man doch Spieler oder Trainer, um das zu erleben.

Chefcoach gegen Manchester City - "ein Erlebnis"

Welche Rolle war für Sie vorgesehen?

Achim Beierlorzer: Für mich war es wichtig, dass ich nicht nur die Hütchen aufstellen durfte. Die Zusammenarbeit war absolut vertrauensvoll. Ich hatte meinen Anteil beim Matchplan, bei der Trainingsplanung und bei der Führung der Mannschaft.

Die Champions League durften Sie ja dann öfter als "Chef" erleben als geplant...

Achim Beierlorzer: Ja, als Jesse Marsch positiv auf Corona getestet worden war, vertrat ich ihn gegen Brügge. Per Zoom haben wir alles besprochen, ich stand dann an der Linie. Zur Halbzeit stand es schon 4:0, am Ende 5:0 - da gab es wenig Grund einzugreifen.

Und dann war ja noch das Spiel gegen Manchester City...

Achim Beierlorzer: Ja, da war ich wirklich der Chefcoach. Und das ist ein Erlebnis, das man sich so wünscht: Du hast einen Weltklassegegner zu Gast, gegen den Du im Hinspiel noch mit 3:6 verloren hast. Und nun setzt deine Mannschaft den Matchplan eins zu eins um. Das war überragend, wie die Jungs da gespielt haben. Das ist genau das, was einem Trainer Freude bereitet. Und Manchester kam keineswegs mit einer B-Elf und war offenbar ziemlich angefressen angesichts der Niederlage, was auch die Rote Karte gegen Walker zeigte.

Zwei Tage später wurden Sie freigestellt, nachdem Domenico Tedesco unterschrieben hatte. Wie geht es jetzt weiter?

Achim Beierlorzer: RB Leipzig würde mich gerne halten als übergeordneten Leiter aller Akademien des weltweiten Nachwuchsprogramms. Das zeigt mir, dass man mich bei RB wertschätzt. Da wird es noch einige Gespräche geben, ehe ich mich endgültig entscheide.

Wo wohnen Sie denn im Moment, noch in Neunkirchen?

Achim Beierlorzer: Nein, meine Frau und ich leben in Stöckach, einem Ortsteil des Marktes Igensdorf (Landkreis Forchheim) und fühlen uns dort sehr wohl.

Ist denn keines Ihrer Kinder in Ihre Fußstapfen getreten?

Achim Beierlorzer: Die beiden Jungs hätten Talent für die höheren Amateurklassen gehabt, haben sich aber beide für andere Berufs-Wege entschieden.

Die Rückkehr in Ihren eigentlichen Beruf als Gymnasiallehrer können Sie sich nicht mehr vorstellen?

Achim Beierlorzer: Ich bin seit 2010 als Trainer im Leistungsbereich tätig und da würde ich auch gerne bleiben. Ich habe mein Hobby zum Beruf machen können, etwas Besseres gibt es doch nicht. Ich war nach 17 Jahren Lehrer für Mathematik und Sport Oberstudienrat. Ich bin jetzt zwar kein Beamter mehr, möchte aber die Rückkehr in den Schuldienst keineswegs ausschließen.

Ein Ratschlag für die SpVgg Greuther Fürth

Das passt ja gut zusammen für den vielleicht neuen Job: pädagogische Ausbildung und fußballerische Kompetenz…

Achim Beierlorzer: Das Lehrerdasein hat mir tatsächlich geholfen bei meinen ersten Traineraufgaben. Dadurch hatte ich keine Probleme, vor Gruppen zu sprechen und Erfahrung im Umgang mit jungen Menschen. Und bei der Ausbildung zum Fußballlehrer war ich Jahrgangsbester, was mich schon ein bisschen stolz macht.

Zum Schluss: Welchen Ratschlag hätten sie für einen Ihrer Ex-Vereine, die SpVgg Greuther Fürth, die ganz schwere Zeiten als Bundesligaaufsteiger durchlebt?

Achim Beierlorzer: Ich kenne Stefan Leitl ja sehr gut und verstehe mich gut mit ihm. Die Mannschaft leidet jetzt darunter, dass sie eine so tolle Saison in der Zweiten Liga gespielt und danach viele Leistungsträger an größere Vereine verloren hat. Dann gingen einige Spiele unglücklich verloren, eigentlich müssten ein paar Punkte mehr auf dem Konto sein. Aber die Bundesliga ist gnadenlos: Wenn du deine Momente nicht nutzt, macht es der Gegner.

Muss dann nicht nach den Gesetzen des Profifußballs der Trainer seinen Hut nehmen?

Achim Beierlorzer: Ich würde mir wünschen, dass man in Fürth den gleichen Weg geht wie Freiburg. Der SC ist mit Streich abgestiegen und wieder aufgestiegen. Wenn ein Trainer gute Arbeit leistet, muss man in so einer Situation nicht alles in Frage stellen, sondern tut gut daran, weiter die jungen Spieler zu entwickeln, um nächste Saison wieder ein gutes Team zu haben. Ein Abstieg wäre nichts Dramatisches, denn die 2. Liga ist für Fürth die Normalität, ein Aufstieg ist ein Highlight, das man auskosten sollte.