Das neue Trailrunning-Mekka?

Die "Fränkische" muss sich nicht hinter den Alpen verstecken

Holger Peter
Holger Peter

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11.12.2021, 06:02 Uhr
Laufen durch Höhlen: Das bietet (fast) nur die Fränkische Schweiz.

Laufen durch Höhlen: Das bietet (fast) nur die Fränkische Schweiz. © Gerhard Illig Photography, NN

Der Freizeitwert der Fränkischen Schweiz ist hinlänglich bekannt: Klettern, Wandern, Mountainbike und Kanufahren, Joggen und was einem sonst noch so einfällt. Nun drängt eine neue Initiative zusätzlich in den sportlichen Hot Spot: Ultra-Trailrunning soll auch zusätzliche Touristengruppen in das Wiesenttal locken.

Wie alles begann

Lokalmatador Robert Stein ist der Erfinder des „Neideck 1000“ – aus einer knackigen Trainingsstrecke direkt vor seiner Haustür in Muggendorf kreierte er einen Halbmarathon mit 1000 Höhenmetern, der 2016 als Wettkampf seine Premiere feierte. Eigentlich genügend Herausforderung, sollte man meinen. Doch 2020 bot er erstmals einen Ultratrail an.

66 Kilometer mit sage und schreibe 2500 Höhenmetern. Das lockte einige besonders „harte“ Runner an, darunter auch Johannes Hendel vom Team Schamel Running aus Baiersdorf. Der war auf Anhieb begeistert. Zumal Robert Stein neben seiner Hauptroute mit drei „Einstiegen“ noch zahlreiche kleinere Trails beschrieben und auf den gängigen Laufportalen gepostet hat.

Was sich schon entwickelt hat

Lose haben Hendel und Stein schon damals eine Kooperation beschlossen – auch, damit „Einzelkämpfer“ Stein sich nicht mit der Organisation aufreiben muss.
Konkreter wurde das im Laufe des Jahres. Mit ins Boot holten Hendel und Stein den Forchheimer Ultratrailläufer und Extrembergsteiger Florian Troeger. Anfang Oktober veranstaltete man erneut den 66 Kilometer langen Ultratrail „Neideck 1000“, aufgrund der Unwägbarkeiten inmitten der Corona-Pandemie als privaten Einladungslauf, der laut Hendel „die Weichen für eine neue Trailrunning-Szene in der Fränkischen Schweiz stellte“.

Denn es soll nicht bei einer einmal im Jahr stattfindenden Veranstaltung bleiben, sondern die Trailregion soll ganzjährig Sportler in die Fränkische Schweiz locken. Stein will sich jedoch in Zukunft auf sein Baby „Neideck 1000“ konzentrieren, das Team Schamel Running um das Thema „Ultratrail Fränkische Schweiz” (UTFS). Eine Website gibt es auch schon: www.ultratrail-fraenkische-schweiz.de/

Was noch werden soll

Die Trails existieren ja bereits alle, die einschlägigen Experten informieren sich eh übers Internet. Was noch fehlt, ist ein zusammenhängendes Konzept, findet Johannes Hendel. „Wir haben hier eine traumhafte Landschaft, enorm anspruchsvolle Trails und ein touristisch gut erschlossenes Gebiet“, schwärmt der 33-Jährige. Die Trailrunner könnten da ein neues Segment bilden. Denn vom sportlichen Anspruch her müsse man sich nicht hinter den Alpen verstecken.

„Da geht es zwar natürlich längere Zeit bergauf oder bergab, aber in der Fränkischen Schweiz gibt es ein ständiges Auf und Ab, das sogar höhere Ansprüche an die Muskulatur und vor allem die Psyche stellt.“ Das hat uns erst ein ansonsten sehr erfolgreicher Läufer aus dem Allgäu erzählt, der bei unserem Ultratrail völlig ausgepumpt nur im Mittelfeld landete.

Was das Vorbild ist

Im Bayerischen Wald haben sich Ausdauersportler um Maria Koller und Markus Mingo mit den Gemeinden Lam, Arrach sowie Lohberg zur Ultraregion Lamer Winkel zusammengeschlossen. Dort hatte man erkannt, dass man immer im Schatten des Hochgebirges stand. Zudem wurden gerade Skiurlauber angesichts der nachlassenden Schneemengen immer seltener. Es fehlten sportlich ambitionierte Reisende zwischen der Zielgruppe Familien mit Kindern und Senioren. Da kamen die Trailrunner gerade recht.

Johannes Hendel hat die Region mehrfach erkundet und hat überall nur positive Reaktionen mitbekommen. Beispielsweise eine schon betagte Pensionswirtin, die ganz begeistert von den „netten jungen Leuten“ schwärmte. Und er fügt an: „In der Tat sind Trailrunner gute Gäste: Wir sind Natur-Enthusiasten und in aller Regel Menschen, die jenseits ihrer Trails auch das Leben genießen.“ Schließlich rennen auch die „verrücktesten“ Athleten nicht an jedem Tag.

Was noch zu tun ist

Aktuell wird in der Arbeitsgruppe besprochen, wie das weitere Vorgehen aussehen soll. Am wichtigsten ist es für Johannes Hendel, dass auch die betroffenen Gemeinden Muggendorf, Ebermannstadt und Gößweinstein gerne mitmachen. „Sonst ergibt das keinen Sinn. Wir wollen ja nicht in unserer Ultra-Blase leben. Uns ist bewusst, dass die Ausübung unseres Sports in der Vergangenheit durchaus auch auf Vorurteile stieß, die wir von vornherein offen thematisieren möchten“, sagt Hendel. Daher stehen Gespräche mit den Bürgermeistern und den Tourismusverbänden ganz oben auf der Agenda.

Wer schon mitmacht

Nach dem Ausscheiden von Stein gelang es Hendel und Troeger, mit Team-Schamel-Athlet Stefan Meyer, dem „Swiss Peaks 360 Finisher” Matthias Barsch und Lokalmatador Werner Schlund weitere erfahrene Ultrasportler im Orga-Team aufzunehmen. Johannes Hendel setzt auch darauf, dass das Umfeld mit dem regionalen Meerrettichproduzenten Schamel fruchtbar sein könnte. Dessen Running Team habe neben dem Namensgeber auch noch weitere potente Sponsoren wie das italienische Unternehmen Karpos, das sich auf funktionale Textilien für Berg- und Ausdauersport spezialisiert hat, das Erlanger Fachgeschäft Run and Hike und Fotograf und Kommunikationsdesigner Gerhard Illig.

Was noch denkbar ist

Für Johannes Hendel ist der „Neideck 1000“ eine so starke Eigenmarke, dass diese unter Robert Steins Regie so weiterlaufen und unangetastet werden soll. Aber er könnte sich einen zweiten großen Wettbewerb vorstellen, „der idealerweise Start und Ziel in Ebermannstadt haben sollte, weil wir da einfach ein größeres Umfeld haben“.
„Ultra Trail Fränkische Schweiz“ soll der Oberbegriff für diese Veranstaltung und die gesamte Trail-Region heißen. Das soll dann nicht nur ein Renntag werden, sondern ein ganzes Wochenende mit Rahmenprogramm. „Prolog, Kinderlauf, Bergsprint, Fachvorträge zu Trainingslehre oder Ernährung, Workshops, Familienangebote, Probe- und Verkaufsstände der Sponsoren, Verköstigung – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt“, sagt der Running-Enthusiast. Stattfinden soll das nun erstmals im Frühjahr 2022, wenn die Saison in den Alpen witterungsbedingt noch pausiert. „Dann kommen auch die Besten mal ins Mittelgebirge und merken, wie toll es hier ist“, freut sich Johannes Hendel.

Was noch offen ist

Noch nicht geklärt sei die Veranstalterfrage. Das Team Schamel Running ist gerade dabei, den Vereinsstatus zu beantragen. Es könnten aber auch die Kommunen oder eine Agentur einsteigen. Nicht uninteressant wäre es auch, mit der Trail- und Hiking-Serie „Mountainman” zu kooperieren, die adäquat zum „Ironman“ der Triathleten zum Markenzeichen werden soll. „Aber auf jeden Fall wird 2022 etwas Größeres in Sachen Ultra Trail im Wiesenttal stattfinden“, verspricht Johannes Hendel.

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