Nach dem EM-Triumph

Feuer und Flamme: Rot-Gold-Casino Nürnberg denkt über seine Tanz-Choreo nach

Fadi Keblawi
Fadi Keblawi

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26.9.2022, 13:49 Uhr
Viele gute Dinge: Bei Rot-Gold-Casino haben sie mit ihrer Choreographie alles richtig gemacht.

© Franken Life, NN Viele gute Dinge: Bei Rot-Gold-Casino haben sie mit ihrer Choreographie alles richtig gemacht.

Ein einziges Mal scheitert der Tanzsportclub Rot-Gold Casino an diesem schönsten Samstag seiner Geschichte. Die inzwischen wirklich atemberaubend hässliche Halle am Berliner Platz widersetzt sich sehr erfolgreich und routiniert allen Versuchen, sie zu einem würdigen Rahmen für die wichtigste Tanzsportveranstaltung, die diese Stadt je sah, zu machen. Probiert haben sie es beim TSC.

Sie haben ein paar Zimmerpflanzen aufgestellt am Rand des Parketts. Sie haben einen Teppich verlegt auf dem Turnhallenboden, sie haben schwarzen Stoff aufgespannt, um die Turnhallenwände zumindest ein wenig unsichtbar zu machen - aber die Halle am Berliner Platz bleibt auch während dieser Europameisterschaft der Standard-Formationen die Halle am Berliner Platz. Die vielen Wunden des altehrwürdigen Teppichs sind mit noch mehr Klebeband geflickt, die Turnhallenwände bleiben präsent - und die Topfpflanzen möchte man am liebsten als Lebensrettung im Stadtpark nebenan auswildern.

Es wird dieser Samstag vor dieser Kulisse ein ganz wundervoller Tag. Als nämlich die Menschen in die Halle kommen, fällt einem das traurige Ambiente nicht mehr auf - alle strahlen. Eine Europameisterschaft in Nürnberg haben sie noch nicht erlebt und erleben sie vielleicht auch nicht mehr. Es waren ja erst einmal Zufälle, die dafür gesorgt haben, dass der europäische Tanzverband und zehn Mannschaften aus Deutschland, Österreich, Tschechien, den Niederlanden, Polen und Belgien hier ihren Meister küren.

Zunächst einmal der kleine Zufall der Nürnberger Qualifikation. Der TSC Rot-Gold Casino gehört unter der Trainerin Andrea Grabner zur nationalen Spitze. Ganz vorne waren aber immer andere. Bis sie in der abgelaufenen Bundesliga-Runde dann Zweite wurden, weil zwei andere Teams coronabedingt nicht durchtanzen konnten. Dann haben sie in Österreich, wo das Turnier eigentlich hätte stattfinden sollen, nicht tanzen können. Also bewarb sich der TSC und bekam den Zuschlag.

Kurioses aus Belgien

Und so erlebt man nun europäischen Spitzensport in einer fränkischen Turnhalle. Kuriositäten erlebt man auch. Die belgische Mannschaft, zum Beispiel, wirkt dann doch ein wenig in die Jahre gekommen. Ist sie auch. Das Team Libalforte wurde 1992 gegründet, eine Gruppe von befreundeten Tanzschülern wollte mehr, entdeckte die Formation und heute sieht das so aus, als würde der eine oder andere aus der Gruppe von 1992 da immer noch über das Parkett schweben. Alle Tanzpaare sind auch Paare im wirklichen Leben, verrät das Programmheft.

Ins Finale schaffen es die Belgier nicht, die Nürnberger schon. Dass sie da durch Zufälle im Vorfeld gelandet sind, heißt ja nicht, dass sie es nicht verdient haben. Formationstanz ist harte Arbeit, sich eine Choreographie zu eigen zu machen, kostet Kraft und Tränen. Und es war diesmal wegen Corona alles noch einmal schwieriger. In der Zeit der Kontaktbeschränkungen haben sie zunächst im Südtstadtpark in Fürth in Kleingruppen die ersten Schritte eingeübt. Die Musik, die ihre Trainerin dazu zusammengestellt hatte, haben sie erst sehr viel später kennengelernt. Normal ist das natürlich nicht. Aber es war dann gleich Liebe, erzählen die Mannschaftskapitäne Kathrin Depner und Rene Morczinek.

Der Geist des Teams

"Wir waren eigentlich schon direkt von der ersten Sekunde alle Feuer und Flamme", sagt Morczinek, "mit der Choreographie haben wir uns schon überlegt, wie das Thema sein könnte." Als sie die Musik dann gehört haben, wussten sie, dass es passt. "Das Team hatte Tränen in den Augen", sagt Morczinek. Mitspracherecht haben die Sportler bei der Auswahl eigentlich nicht. Man redet schon darüber, sagt Morczinek, aber die Entscheidung trifft dann Grabner alleine. Am Ende ist es Musik aus "Greatest Showman" geworden - ein Film, den eh alle im Team lieben.

"Ich glaube", sagt dann auch Grabner ein paar Minuten vor dem Beginn der EM, "ich habe den Geist des Teams ganz gut getroffen." Hat sie, sieht man dann auch auf dem Parkett. In der Videoanalyse, die sie nach jedem Durchgang machen, sehen sie viele Dinge, die gut laufen an diesem Samstag - und ein paar, die besser hätten sein können.

Noch ein Jahr?

Am Ende wissen sie, dass sie beinahe perfekt waren. Zweite bei den Europameisterschaften - es ist auch eine Belohnung für diese Choreographie. Vorführen werden sie die noch mindestens einmal bei den Deutschen Meisterschaften. Und dann? Wären eigentlich drei Jahre rum und es wäre die Zeit für neue Ideen. Grabner weiß das, sie sagt aber auch, dass dieser Drei-Jahres-Choreo-Rhythmus diesmal ja eigentlich noch gar nicht ausgereizt ist, weil sie im ersten Jahr keinen einzigen Wettbewerb damit getanzt haben. Vielleicht bleibt sie also noch ein bisschen, das entscheiden sie im Winter - wie auch immer sie sich entscheiden: Schön wird es auf jeden Fall - sogar in einer Umgebung, die dafür nicht gemacht ist.

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