Mangel an Ski und Schuh

Skilanglauf boomt, auch in Franken: Experte gibt Tipps für Anfänger

Holger Peter
Holger Peter

E-Mail

12.1.2022, 09:00 Uhr
Bewegung an der frischen Luft in herrlich verschneiten Landschaften: Skilanglauf (hier im klassischen Stil) gilt als ideale Sportart. Doch neben dem Thema Schnee gibt es aktuell noch weitere Störfaktoren.
 

Bewegung an der frischen Luft in herrlich verschneiten Landschaften: Skilanglauf (hier im klassischen Stil) gilt als ideale Sportart. Doch neben dem Thema Schnee gibt es aktuell noch weitere Störfaktoren.   © imago images/Alexander Rochau, NN

Eigentlich ist Stephan Popp zuständig für den Leistungssport als Landestrainer für den Langlauf in Bayern. Doch dem 45-Jährigen aus Sparneck bei Münchberg liegen auch die Neueinsteiger am Herzen. Schließlich kann nur aus einer breiten Basis auch eine Spitze wachsen.

Skilanglauf gilt als eine besonders gesunde Sportart, weil sie den ganzen Körper beansprucht und die Ausdauer fördert. Und weil es an der frischen Luft betrieben wird, boomt es seit Corona noch mehr. Nur schlecht, dass es limitierende Faktoren gibt: Man braucht eben Schnee und gutes Material, das zurzeit schwer zu bekommen ist, wie Stephan Popp berichtet.

Stephan Popp, Bayerns Landestrainer im Skilanglauf. 

Stephan Popp, Bayerns Landestrainer im Skilanglauf.  © privat, NN

Herr Popp, Franken ist ja nicht gerade der Nabel der nordischen Skiwelt. Wie kommt es, dass jemand aus der Nähe von Hof Landestrainer im Langlauf wird?

Stephan Popp: Das ist gar nicht so exotisch, wie Außenstehende auf den ersten Blick meinen. Was die Nachwuchskaderathleten angeht, sind wir in den vergangenen zehn Jahren durchaus ebenbürtig mit Regionen wie dem Chiemgau gewesen. Letztlich stehen bei dieser Sportart viele, viele Stunden Training vor dem Weg an die Spitze. Ab einem gewissen Alter müssen unsere Talente aber an eines der Leistungszentren im Alpenraum wechseln, die schon ab November zuverlässig auf Kunstschnee zurückgreifen können.

Die mangelnde Schneesicherheit ist ja auch ein Problem für Hobby-Langläufer. Was raten Sie denn einem Menschen, der diese Sportart zum ersten Mal ausprobieren möchte?

Stephan Popp: Auf keinen Fall gleich eine Ausrüstung kaufen, die dann vielleicht gar nicht für den Betreffenden taugt. Idealerweise einfach mal ins Fichtelgebirge in die Wintersportorte fahren, wo man sich Skier, Schuhe und Stöcke ausleihen kann. Und sich ausgiebig beraten lassen. Es gibt ja zwei verschiedene Stilarten, für die man auch unterschiedliches Material braucht.

Am besten beide Varianten ausprobieren

Würden Sie Anfängern eher den klassischen Stil oder das Skaten empfehlen?

Stephan Popp: Das kann man so nicht sagen. Wer ansonsten gerne joggt oder Nordic Walking betreibt, dem fällt das klassische Laufen mit parallel geführten Skiern leichter. Wer Inlineskaten kann, ist auch beim Skilanglauf mit dem Schlittschuhschritt gut dabei. Aber am besten probiert man beide Varianten mal aus.

Das Skaten gilt ja als technisch anspruchsvoller . . .

Stephan Popp: Dennoch war es bis vor ein paar Jahren bei den sportlicheren Läufern stark auf dem Vormarsch, auch weil man dafür keine gespurten Loipen braucht und man kein Steigwachs benötigt. Doch seit etwa fünf Jahren kehrt sich der Trend wieder um. Das liegt an den sogenannten Skin-Skiern, die damals auf den Markt kamen. In diese sind Felle aus Synthetik, Mischgewebe oder reinem Mohair eingearbeitet, die in der Funktion dem Wachs ähneln. Mit ihnen können jetzt auch ambitionierte Freizeitsportler sportlich langlaufen.

Und technisch ist das klassische Gleiten nicht so schwierig?

Stephan Popp: Der Bewegungsablauf ist dem Laufen oder Nordic Walking sehr ähnlich. Es stärkt auch besonders die Gesäßmuskulatur. Dazu eine interessante Anekdote: Vor einigen Jahren haben die besten deutschen 400- und 800-Meter-Läufer in den USA ein Trainingslager mit Nordic Walking absolviert, weil gerade die Bahnläufer eine starke Gesäßmuskulatur benötigen.

Mit falschem Material macht es keinen Spaß

Wie wichtig ist denn das richtige Material?

Stephan Popp: Das ist ein ganz entscheidender Faktor. Denn nur, wenn das Material stimmt, macht Skilanglaufen überhaupt Spaß. Oft bekommen Anfänger auch vom Verleiher viel zu lange Skier, die können sie in den Kurven gar nicht steuern. Oder die Schuhe sind zu weich, damit schafft man auch keine kurvige Abfahrt, weil man das Umsteigen auf ein Bein nicht hinkriegt.

Auf was muss man denn bei der Auswahl der Skier achten?

Stephan Popp: In meiner Jugend wurde noch so gemessen: Hinstellen und die Arme hochnehmen. Die Skispitzen sollten dann bis zur Pulsader reichen. Mittlerweile sind die Latten viel kürzer geworden, weil die Skier aufgrund technischer Entwicklungen viel mehr Spannung aufweisen. Gerade für die Weltspitze sind kurze Skier wichtig, aber auch für Hobbyläufer gilt inzwischen die Faustregel: Körpergröße plus zehn bis 15 Zentimeter, maximal 2,06 Meter. Skatingskier sind sogar nur maximal 1,96 Meter lang.

Und bei den Schuhen?

Stephan Popp: Klassische Schuhe müssen in der Sohle weich sein, damit der Fuß – ähnlich wie beim Gehen – optimal abrollen kann. Beim Skaten müssen sie natürlich hart sein, weil der Druck über den ganzen Fuß auf die Latte weiter gegeben werden muss. Während die Klassik-Schuhe flach sind, haben Skaterschuhe einen hohen Schaft.

Welche Rolle spielen die Stöcke?

Stephan Popp: Darüber könnte ich aus Sicht des Leistungssports Romane erzählen, aber für Anfänger haben sie nur eine untergeordnete Bedeutung.

Wie viel Geld sollte ich als Neuling investieren?

Stephan Popp: Bei Erwachsenen muss ich für ein Paar Stöcke etwa 50 Euro ausgeben, ein Paar vernünftige Skier sind für beide Stilarten ab 250 Euro zu haben. Für klassische Skischuhe sollte man 100 bis 120 Euro einplanen, für Skatingskier muss man etwas mehr hinlegen: 150 bis 180 Euro sind da realistisch. Für Kinder kann man immer etwas weniger ansetzen.

Kids brauchen meist einen anderen Kick

Apropos Kinder: Ist Langlaufen nicht eher ein Sport für ältere Semester?

Stephan Popp: In der Tat brauchen die Kids in der Regel einen anderen Kick, als lange durch die Gegend zu laufen. Da hängt es davon ab, ob es die ganze Familie betreibt oder man eine gute Gruppe mit Freunden erwischt. Dafür gibt es von Verbandsseite auch attraktive Angebote wie Kiddy-Parcours mit Slalom-Passagen und Hügelstrecken. Und es gibt rührige Vereine, die ambitionierte Nachwuchsarbeit betreiben - und es gibt auch Klubs, die Schulsportwettbewerbe anbieten.

Wer früh damit anfängt, hat ja in jeder Sportart einen Vorteil. Kann man Skilanglauf ohne jede Vorbereitung bestreiten?

Stephan Popp: Man sollte eine gewisse Grundfitness mitbringen, so eine Skitour erfordert schon auch Kondition. Fast noch wichtiger ist die Gleichgewichtsschulung – gerade in unserer unsportlich gewordenen Gesellschaft, in der die Bewegung sträflich vernachlässigt wird. Ich sehe es ja auf den Loipen, wenn da relativ junge Leute jetzt endlich doch was tun wollen, aber Probleme haben, auf den Skiern das Gleichgewicht zu halten. Und wenn sie dann in einer Kurve kurzzeitig nur noch auf einem Ski stehen, ist dann alles zu spät. Ich empfehle da die rechtzeitige Skigymnastik. Und hinterher ist es sicherlich nicht verkehrt, einen Langlaufkurs zu belegen, wie er beispielsweise in Hirschau angeboten wird.

Der erste Schnee 2022 ist gefallen. Also nichts wie los für angehende Wintersportler los zum Langlauf ausprobieren und hinterher Skier kaufen?

Stephan Popp: Wenn das so einfach wäre. Denn momentan ist fast nichts in dem oben genannten Preissektor zu bekommen. Das hat natürlich auch mit Corona zu tun. Denn alle Outdoor-Sportarten boomen, die Nachfrage ist massiv angestiegen. Und das Angebot kann auch aus verschiedensten Gründen nicht mithalten. Denn bei uns gibt es nicht nur die allseits bekannten pandemiebedingten Lieferengpässe, sondern noch weitere Störfaktoren. So ist ein Werk in der Ukraine, das maßgeblich den Weltmarkt mit Freizeitskiern beliefert, im vergangenen Jahr abgebrannt, was nicht kompensiert werden kann. Ebenso groß ist die Lücke bei den Skischuhen, wo in Übersee eine große Fabrik lange Zeit wegen Quarantänemaßnahmen komplett geschlossen war. Und der Nachschub lässt auf sich warten. Vielleicht muss man den Kauf auf später verschieben und sich vorerst mit Leihskiern behelfen. Und besser nichts im Internet bestellen, das zahlt sich bei unseren Produkten selten aus.

Keine Kommentare