Nach dem Rausch im EM-Viertelfinale

Das deutsche Basketball-Spektakel: wie ein 7:1 gegen Brasilien

Sebastian Böhm
Sebastian Böhm

Sportredaktion

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14.9.2022, 11:57 Uhr
Nicht aufzuhalten: Dennis Schröder schließt auch gegen Georgios Papgiannis erfolgreich ab. 

© IMAGO/Tilo Wiedensohler, IMAGO/camera4+ Nicht aufzuhalten: Dennis Schröder schließt auch gegen Georgios Papgiannis erfolgreich ab. 

Am Tag danach wurde ausgezählt: 2,06 Millionen Menschen hatten der deutschen Basketballnationalmannschaft am Dienstagabend dabei zugesehen, wie sie ins Halbfinale der Europameisterschaft einzieht – das entsprach einem Marktanteil von 10,3 Prozent, beim sogenannten werberelevanten Publikum war die Übertragung des Viertelfinales gegen Griechenland Marktführer. Auf exakt diese Zahlen hatte der Deutsche Basketballbund gehofft, als er sich um die Ausrichtung dieser EM beworben hatte, auch wenn solche Quoten vor fünf Jahren noch utopisch schienen.

Nun wird dieses Turnier seit dem ersten Sprungball von MagentaSport übertragen, kompetent und mit großem Aufwand, die deutschen Spiele zeigte der Internetsender kostenfrei. Nur zählt in Deutschland Fernsehen auch weiterhin nur, wenn es auch der Tatort-Zuschauer auf seiner Fernbedienung findet. Und so hat es eben zwei Wochen gedauert, bis die Öffentlichkeit erfahren hat, welch faszinierender Sport da zunächst in Köln und seit dem Wochenende in Berlin aufgeführt wird. RTL hat dem Wehklagen des DBB-Präsidenten Ingo Weiss nachgegeben und sich kurzfristig die Übertragungsrechte gesichert. Welch großen Erfolg dieses Geschäft für Sender und Verband nach sich ziehen würde, das dürfte alle Beteiligten dann doch überrascht haben – was wiederum allein am Geschehen auf dem Parkett lag.

Der Superstar, grandios gescheitert

„Das war ein besonderer Abend“, stellte Andreas Obst fest, nachdem er kühl fünf seiner sechs Distanzwürfe verwandelt hatte – jeder einzelne bedeutend. „Vielleicht der besonderste Basketball-Abend, den ich je erlebt habe.“ Das 107:96 war wie das 7:1 gegen Brasilien im Halbfinale der Fußball-WM 2014 eines jener Sportereignisse, für die einzelne Fernseh-Übertragungen, einzelne Artikel nicht ausreichen, weil es nicht nur eine, sondern so viele faszinierende Geschichten zu erzählen gäbe: Die Blitzheilung von Franz Wagners Knöchel, die Franz Wagner zu besessener Verteidigungsarbeit, akrobatisch erzielten Körben und nicht zuletzt zu einem Dreier im Angesicht des vielleicht weltbesten Basketballers nutzte; die mit zunehmender Spielzeit ins Überhebliche abkippende, aber stets unterhaltsame und effektive Show Dennis Schröders, der für 26 Punkte alleine sorgte und acht Vorlagen austeilte; das unermüdliche Ackern von Daniel Theis (13 Punkte, 16 Rebounds); die zwei technischen Fouls gegen Schröder, die folgende Disqualifikation des Spielmachers und der triumphale Abgang vor 14703 Zuschauern in der erstmals ausverkauften Arena am Berliner Ostbahnhof; und, natürlich, das Scheitern des Giannis Antetokounmpo.

Prominenter Fan: In der Loge des DBB freut sich Dirk Nowitzki. 

Prominenter Fan: In der Loge des DBB freut sich Dirk Nowitzki.  © IMAGO/Tilo Wiedensohler, IMAGO/camera4+

Zu dritt stellten sich die Deutschen dieser Naturgewalt von einem Basketballer entgegen. Sie bildeten eine Mauer, so wie es Bundestrainer Gordon Herbert befohlen hatte. In der ersten Hälfte aber reichte das nicht, weil sie Giannis Antetokounmpo mit ihren unverschämt sicher verwandelten Dreiern selbst zu einem Spektakel provoziert hatten. Noch nie dürfte eine deutsche Nationalmannschaft offensiv besser gespielt haben als in diesen ersten 20 Minuten – auch in den Nowitzki-Jahren nicht. Wegen Giannis Antetokounmpo und weil Kostas Sloukas zur Pausensirene von der Mittellinie getroffen hatte, führte dennoch Griechenland mit 61:57.

"Wir wurden hingerichtet"

Danach aber erhöhte Deutschland die Intensität in der Verteidigung, setzte sich mit einem 20:1-Lauf ab und wer da zufällig in der Werbepause von „In aller Freundschaft“ oder „Navy Cis“ rübergeschaltet hatte, der blieb dabei. Giannis Antetokounmpo wollte retten, was kaum mehr zu retten, überzog, leistete sich ein zweites Unsportliches Foul und wurde wie später Schröder des Parketts verwiesen. Zurück blieb sein „kleiner“ Bruder Kostas – von Heulkrämpfen durchgeschüttelt. Das griechische Sportportal „SportDay“ titelte später: „Wir wurden hingerichtet.“

Die deutschen Spieler versuchten derweil, sich nicht zu sehr anmerken zu lassen, wie sehr sie dieser Abend berauscht hatte. Aber schon am Freitag (20.30 Uhr) geht es in Berlin weiter, im Halbfinale gilt Spanien, zweimal Weltmeister, dreimal Europameister, gilt längst nicht mehr als Favorit. RTL überträgt wieder, MagentaSport natürlich auch.

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