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Mit 64 Jahren verrückt nach Gleitschirm-Abenteuer

Lorenz Fritz aus Dietfurt flog zur Deutschen Meisterschaft in der Sport-Klasse - 22.11.2020 17:54 Uhr

Gleitschirmflieger vor dem Abflug: Von Böhming im Altmühltal segelte Lorenz Fritz aus Dietfurt bis nach Rheinland Pfalz und wurde dabei Deutscher Meister in der Sport-Klasse.

22.11.2020


Lorenz Fritz hat allen Grund zum Abheben. Tausend Male schon hat sich der Dietfurter sein Gurtzeug um die Hüften geschnallt, ein letztes Mal den Wind beobachtet und ist dann den Hang auf dem Flugplatz von Böhming hinuntergerannt, bis er sich mit einem Sprung in den Auftrieb des über ihm aufgehenden Gleitschirms legen konnte.

In diesen seltsamen Wochen wiederum gelang dem 64-Jährigen eine überraschende Premiere. Von seiner Basis aus im Altmühltal segelte der Routinier in 8:16 Stunden über 258 Kilometer bis nach Bad Dürkheim in Rheinland-Pfalz und sicherte sich den deutschen Meistertitel in der Sport-Klasse beim Streckenfliegen.

"Es freut mich, dass wir alten Männer auch noch Meisterschaften gewinnen können", kommentiert Fritz seinen Coup. Tatsächlich aber spielt bei dem dezentralen Wettbewerb, dessen Bewerberfeld seine Ergebnisse über einen Zeitraum von zwölf Monaten einreichen kann, die Geländebeschaffenheit eine zentrale Rolle. "Normalerweise sind die Bedingungen in den Bergen besser, man findet dort einfach mehr und bessere Luftpolster", weiß Fritz. Beim Meldeschluss hatte sich indes auch Vereinskollege Michael Schmidt vom DFC Ingolstadt auf Platz 3 gegen die Konkurrenz aus den Alpen behauptet.

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Vom Aufwind produzierte Luftpolster sind für Gleitschirmflieger das, was der Ball für Fußballer ist: ohne geht es nicht. Mit einem Navigationsgerät ausgerüstet manövrieren die Gleitschirmflieger auf durchschnittlich 2 000 Metern Höhe von Warmluftpolster zu Warmluftpolster. Verbotszonen sind Städte oder Truppenübungsplätze wie in Hohenfels. "Im Gebirge gibt es aufgrund der Hänge und der Sonneneinstrahlung eine bessere Thermik. Doch weil in diesem Jahr das Wetter außergewöhnlich schön mit vielen Hochdruckgebieten war, sind wir auch im Flachen recht weit gekommen", erklärt Fritz.

In den Bergen unterwegs – das war einmal. "Mir ist da mittlerweile zu viel los. Auch die lange Anfahrt ist mir zu weit. Hier brauche ich 30 Minuten bis zum Flugplatz." Das heimische Altmühltal biete immer noch genug Reize. Überhaupt ist es vor allem die Optik, die den Dietfurter für seinen Sport begeistert: "Die schönen Landschaften von oben, das Licht, Wetterereignisse, der Herbst – es gibt so viele Sachen, die man beim Gleitschirmfliegen erlebt. Kleine Flüge, die eine halbe Stunde dauern, hinterlassen oft die schönsten Eindrücke. Es ist nie das Gleiche."

Trotzdem sind die Ausflüge über die vergangenen 50 Jahre zur Hobbyroutine geworden wie für andere das Joggen, ein Ausgleich zum stressigen Berufsalltag. Über 70 Flugtage hat Fritz 2020 trotz aller Turbulenzen mit Corona schon auf seinem Konto. Auch in den Urlaub kommt der Gleitschirm häufig mit. Gemeinsam mit Kondoren in Argentinien und Adlern in Australien war der 64-Jährige in der Luft, auch in Südafrika war er bereits mehrmals fliegen.

"Eins mit den Naturkräften"

Solche Höhenflüge erlebte auch Michael Schmidt aus Reichersthofen: "Man kommt da regelrecht in einen Flow, es ist ein richtiger Rausch, wenn man hochsteigt und eins mit den Naturkräften wird. Man muss sich ihnen verbünden, dann vergeht die Zeit wie nix." Schmidt weiß wovon er spricht, im Himalaya ist er bereits in 5000 Metern Höhe geflogen.

Doch es sind vor allem die scheinbar unspektakulären Erlebnisse, nach denen das befreundete Duo Freude schmachtet. "Das Abenteuer beginnt vor der Haustüre" und werde mit der Zeit zu einer Art Sucht, meint Lorenz Fritz. Sich mit den Grundlagen vertraut zu machen, sei indes gar nicht so schwer. Rund sechs Wochen dauere es, "bis man vernünftig mit dem Gleitschirm fliegen kann", konstatiert der amtierende Deutsche Meister. Dabei halte sich die körperliche Anstrengung in Grenzen: "Wer zehn Mal den Hang hochlaufen kann, ist fit genug." Das bestätigt auch Michael Schmidt, selbst in 5000 Metern Höhe sei es "noch zum Derschnaufen gewesen."

Nur ein Interesse für Meteorologie empfiehlt Lorenz Fritz, das helfe schon allein beim Einschätzen des Windes. Zwischen 1500 und 7000 Euro könne man für die rund 18 Kilogramm schwere Ausrüstung ausgeben, zu der das Gurtzeug, ein Helm, Fluginstrumente und der Gleitschirm selber gehören. Das ist viel Geld, doch Lorenz Fritz und Michael Schmidt ist es jeden Cent wert für das Gefühl, auf dem Grashang in Böhming zu stehen und in den Himmel zu blicken.

MARKUS EIGLER

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