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"Momentum entwickeln": Brose-Profi Taylor spricht

Brose Bamberg stehen spannende Wochen und Monate bevor - 15.08.2019 19:01 Uhr

Wurde in Bamberg zum Publikumsliebling: Brose-Profi Bryce Taylor. © Sportfoto Zink


Herr Taylor, als Sie 2017 vom FC Bayern München zu Brose Bamberg gewechselt sind, war die ganze Organisation darauf ausgerichtet, eine ambitionierte Rolle in der Euroleague zu spielen. Inzwischen hat sich das völlig verändert, wie gehen Sie damit um?

Bryce Taylor: Das stimmt. Als ich herkam, waren gerade viele Spieler zu anderen europäischen Topklubs oder sogar in die NBA gewechselt. Darius Miller, Nicolo Melli, ... die Liste ist lang. Aber was kann man da tun als Spieler? Ich bin hier, um zu spielen und meinen Stempel aufzudrücken, ich muss mich auf mich konzentrieren. Was ich kontrollieren kann, ist, jeden Tag hart zu arbeiten und meinen Mitspielern helfen. Der Rest kommt dann von alleine.

Es war keine Option, den Verein zu wechseln, als er "nur" noch in der Champions League angetreten ist und die Titelchancen in der Liga kleiner wurden?

Taylor: Nicht wirklich. Ich habe einen Dreijahresvertrag unterschrieben und wollte diesen auch erfüllen.

Sie haben schon viel erlebt im Basketball. Waren Sie trotzdem überrascht von der Dynamik, die der Sport manchmal entwickeln kann?

Taylor: Das ist nicht mein erstes Rodeo, so etwas habe ich auch beim FC Bayern erlebt. Als Spieler bekommt man das manchmal gar nicht so mit, wenn man nicht jeden Artikel oder ständig im Internet mitliest. Manchmal lese ich ein paar Sachen, damit ich weiß, was um mich herum passiert, aber überrascht bin ich nicht.

Waren Sie erschrocken, was Sie da an Kommentaren in den vergangenen Jahren gelesen haben?

Taylor: Ja, manchmal schon. Ich denke, die Fans sind immer sehr intensiv dabei, weil der Klub eine große Geschichte hat. Da ist viel Leidenschaft im Spiel, das gehört zum Sport. 

Sie sprechen inzwischen sehr gut Deutsch, haben Sie trotzdem das ein oder andere böse Wort nachschauen müssen?

Taylor: Der Google-Translator ist manchmal mein bester Freund. Oder ich frage Louis (Olinde) und er hilft mir bei der Übersetzung.

Als Sie aus München weggegangen sind, hieß es in dem ein oder anderen Artikel, dass Sie dort mit der Führungsrolle nicht zurecht gekommen sind, die man eigentlich für Sie vorgesehen hatte. Nun sind Sie der älteste Spieler in Bamberg und automatisch ein Führungsspieler. Können Sie damit inzwischen besser umgehen?

Taylor: Ja, ich glaube schon. Ich habe viel von Nikos (Zisis) gelernt. Ich muss meine Erfahrung nutzen und ich denke, dass ich unseren jüngeren Spielern helfen kann; nicht, indem ich unbedingt laut bin, sondern eher dadurch, wie ich jeden Tag arbeite. Da kann ich ein Vorbild sein.

Was war der beste Tipp, den Ihnen der neunfache Meisterspieler und Europameister Nikos Zisis gegeben hat?

Taylor: Nikos ist jeden Tag sehr früh zum Training erschienen und hat zunächst sein Programm mit dem Athletik- oder den Assistenztrainern absolviert.

Am Anfang der Karriere will man das höchste Level in seinem Sport erreichen, sind Ihnen inzwischen andere Dinge wichtiger?

Taylor: Absolut. Meine Frau und ich erwarten dieses Jahr unser erstes Kind und ich glaube, das gibt mir eine neue Perspektive, was wichtig ist. Als Profispieler will man immer auf Toplevel spielen, man will Pokale gewinnen und mehr Geld verdienen. Man denkt sehr viel an die Zukunft und vergisst darüber vielleicht, die Gegenwart zu genießen.

Hätten Sie gedacht, dass Sie irgendwann einmal deutscher Staatsbürger werden?

Taylor: Nein, ganz ehrlich, das hätte ich nicht gedacht. Aber das ist jetzt mein elftes Jahr in der Bundesliga und in Deutschland und ich bin sehr stolz auf meine Entwicklung – nicht nur als Spieler, sondern auch als Person. Ricky Paulding, Quantez Robertson… es gibt nicht so viele Spieler, die hier so lange dabei sind. Und ich denke, ich kann auch noch ein paar Jahre spielen.

Wenn Sie zurückdenken an Ihre erste Saison in Deutschland: Was hat sich seitdem am meisten verändert im deutschen Basketball?

Taylor: Es ist alles viel professioneller geworden. Es gibt mehr Einfluss durch Social Media. Mehr Fans in den Hallen. Die Spieler sind viel besser geworden – die ausländischen, aber auch die deutschen. Es gibt mehr Geld in unserem Sport. Viele Sachen sind meiner Meinung nach besser geworden, weshalb Deutschland insgesamt ein besseres Basketballland geworden ist.

Was war das wichtigste deutsche Wort, das Sie in dieser Zeit gelernt haben?

Taylor: Uff… Es gibt so viele komplizierte lange Wörter. Es war so schwierig, Deutsch zu lernen, und ich lerne noch. Jeden Tag. Ich lese viele Sachen, ich höre Podcasts und schaue Serien an.

Welche Serien schauen Sie denn an?

Taylor: Ich schaue viele Sachen bei Netflix, aber eben auf Deutsch und mit deutschen Untertiteln. "Suns of Anarchie" zum Beispiel.

Während in Deutschland viele Menschen lieber das Original hören, schauen Sie die oft mittelmäßige Synchronisation. Und welche Podcasts hören Sie?

Taylor: Den von Telekomsport mit Michael Körner höre ich sehr oft, denn das ist wie Nachrichten über unseren Sport und da gibt es ja nicht so viele in Deutschland. Den von basketball.de höre ich auch.

Was sind Ihre persönlichen Ziele, auf welchem Level sehen Sie sich in Bestform?

Taylor: Das ist eine gute Frage. Ich kann nicht mehr so athletisch spielen wie früher, aber ich versuche, ein sehr starker Verteidiger zu sein. Und natürlich werde ich weiter meine offenen Würfe nehmen. Kommende Saison will ich mehr Dreier treffen. Und ich möchte eben ein noch besserer Anführer sein.

Sie lernen sich gerade erst kennen, dennoch: Was ist mit der neuen Mannschaft möglich?

Taylor: Das ist schwierig. Wir haben Potenzial, viele talentierte Spieler, aber es kommt auf unsere Teamchemie an. Das ist das wichtigste bei jeder Mannschaft.

Wird es vielleicht mal eine ganz normale Saison oder ist das in "Freak City" unmöglich?

Taylor: Ich denke, die Saison wird sehr interessant sein. Wir haben acht neue Spieler, das macht es immer schwierig, aber wenn wir unsere Erwartungen realistisch formulieren, können wir uns vielleicht ein Momentum entwickeln. Aber eine normale Saison? Nein, das ist glaube ich unmöglich. (lacht)  

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