Donnerstag, 01.10.2020

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Nach einem Schlaganfall: Radprofi Peter Schermann ist zu Gast

In Herzogenaurach kann man den Moutainbiker ein ganzes Wochenende lang live erleben - 10.08.2020 06:00 Uhr

Startet im Mountainbike-Marathon international: Peter Schermann hat sich schon für die Welt- und Europameisterschaften qualifiziert. Titel aber sind nicht alles.

© Foto: Peter Schermann


Auf der heimischen Trainingsstrecke kennt man jeden Stein, jede Kurve, jeden Baum. Peter Schermann genießt auch das. Vor allem, weil ihn am Gipfel des Erbeskopf ein atemberaubender Ausblick erwartet. Grüne Wiesen und Felder bis zum Horizont, an diesem Tag traumhaft hellblauer Himmel. Gut 50 Kilometer sind es von Trier zum höchsten Berg im Hunsrück. Peter Schermann hat es also nicht so weit. Trotzdem war eine Zeitlang unklar, ob er jemals wieder hochfahren würde.

"An manchen Tagen war schon das Aufstehen eine Qual"

Der Schlaganfall kam ohne Vorwarnung. Am 17. April 2017 trank Schermann mit seinem Kumpel Kaffee, als plötzlich nichts mehr stimmte. Der Kopf, bislang die Stärke des Spitzensportlers, machte nicht mehr mit. "Es war der große Dämpfer." Zu Beginn aber war es noch viel mehr, es war lebensgefährlich. "Die erste Aussage der Ärzte war, dass ich nie wieder Leistungssport werde machen können." Peter Schermann versuchte, dass nicht zu sehr an sich heranzulassen. Er zog seine Reha durch, merkte, wie er Belastung auch vom Kopf her wieder besser verkraftete.

Für Außenstehende unbegreiflich schnell, fast schon zu leicht, arbeitete er sich zurück. So einfach, sagt der 32-Jährige aber, sei es nicht gewesen. "Es war ein harter Weg. Man hat nach einem Schlaganfall extrem Probleme, sein Energie-Level zu managen. An manchen Tagen war schon das Aufstehen eine Qual." Seine Freundin, Familie und Trainer unterstützten ihn im Alltag. "Bis ich mich vom Kopf her richtig ausbelasten konnte, hat es ein paar weitere Monate gedauert."

Das Schwierigste war und ist, sich nicht mit sich selbst zu vergleichen. "Früher habe ich alles für selbstverständlich gehalten." Jetzt kann er Dinge nicht mehr, oder nicht mehr so schnell, die ihm zuvor leicht fielen. "Ich kann zum Beispiel immer noch nicht so schnell lesen. Manchmal finde ich die richtigen Worte nicht oder muss mich extrem konzentrieren, wenn ich eine Email schreibe." Der Eindruck, Peter Schermann sei wieder der Alte, täuscht. Auch emotional habe ihn die irreparable Hirnschädigung verändert. Trauer oder Freude fühlen sich jetzt anders an, manchmal fühlt der Radprofi gar nichts.

Hatte 2017 einen Schlaganfall: Peter Schermann.

© Foto: Peter Schermann


Die Ursache für den Schlaganfall, ein kleines Loch im Herzen, ist mittlerweile gefunden und behoben. Angst, dass es wieder passieren könnte, hat Schermann daher nicht. Hinterfragt, warum ihn der Schlaganfall erwischt hatte, hat er nie. "Das hätte nichts gebracht. Ich wusste, dass ich das Beste daraus machen muss." Dass er das geschafft hat, darauf sei er stolz. "Es fühlt sich ein bisschen so an, als wäre man neu geboren."

Nicht erst seit seinem Schlaganfall ist Schermanns Geschichte eine besondere. Schon zuvor war seine Karriere ungewöhnlich. Zum Radfahren kam der Trierer erst als 26-Jähriger. "Der Zug", sagt er selbst, " ist da eigentlich längst abgefahren". Dazu hatte er nie den typischen Körperbau eines Fahrers: Angefangen hat Peter Schermann mit 95 Kilogramm, jetzt wiegt er 20 Kilogramm weniger. Und dennoch ist er für einen Radprofi mit 1,90 Meter zu groß und daher auch zu schwer. Auf Top-Level spielt jedes zusätzliche Gewicht eine Rolle. Schermann muss viel durch mentale Stärke ausgleichen. Das aber ist er gewohnt.


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"Mein Wunsch war schon immer, Profisportler zu werden. In welcher Sportart, war mir egal", erinnert er sich an seine Kindheit. Er sei "ziemlich dick und nicht besonders talentiert gewesen", sein Zwillingsbruder Philipp hatte die besseren Voraussetzungen. Peter Schermann entschied sich für Basketball, in der Jugend träumte er von der Bundesliga. "Als ich 18, 19 Jahre alt war, habe ich gemerkt, dass ich das nicht schaffen werde." In die Landesauswahl und in die Regionalliga hatte der Shooting Guard gespielt, dann aber begann er lieber mit dem Studium.

Nach seinem Abschluss suchte der Diplom-Volkswirt eine neue Herausforderung, auf Basketball hatte er keine Lust mehr. Von seinem ersten Gehalt kaufte er sich ein Rennrad. "Und so habe ich mich ins Radfahren hineingesteigert." Auf Hobby-Level gewann Schermann schnell seine ersten Rennen. Manche belächelten den Riesen auf dem Rad, andere glaubten an ihn. Schermann fand einen Coach, arbeitete an seiner Technik, im Jahr 2016 wurde er Deutscher Meister der Amateure im Mountainbike Halbmarathon. "Nach zweieinhalb Jahren Radfahren ist das eigentlich utopisch. Doch ich hatte Talent." Schermann ist ein "sehr schneller Lerner", sagt er über sich selbst. Das half ihm beim Umstieg vom Basketball auf Radsport, aber auch nach seinem Schlaganfall.

"Die Energie und die Sichtweise, das Beste daraus zu machen, berührt"

Am kommenden Wochenende ist Peter Schermann zu Gast in Herzogenaurach, um sein Wissen und seine Geschichte weiterzugeben. "Ich selbst habe ja er später angefangen, Rennrad zu fahren", es ist also nie zu spät. "Tipps und Tricks" will Schermann verraten, aber auch motivieren. "Die Energie und die Sichtweise, immer das Beste daraus zu machen, berührt viele Leute, selbst wenn sie mit dem Sport Mountainbike-Marathon nicht so viele Berührungspunkte haben."

Auch wenn der Trierer öfter solche Coachings gibt, hat für ihn die Wettkampf-Saison Priorität. Um als Profi vom Sport leben zu können, gehören allerdings Sponsoren und Veranstaltungen dazu. In diesem Jahr ist zudem auch bei Schermann alles anders: Zwar ist er im Februar schon ein Rennen gefahren. "Danach war ich in Südafrika, dort ist der Wettkampf wegen Corona ausgefallen, seither habe ich nur trainiert." In den nächsten Wochen stehen die ersten Etappenrennen nach der Pause an.

"Ich will der beste Athlet werden, der sich sein kann"

Im Moutainbike gibt es zwei Ausdauer-Disziplinen: Cross-Country, das ist olympisch, und den Marathon. Letztes macht Peter Schermann. "Man fährt dabei keine Runden, sondern einen großen Kurs. Die Wettkampfdauer ist zwischen vier und viereinhalb Stunden, also ziemlich lange." Beim Weltcup sammelt man Punkte. Je nach Land ist die Strecke sehr unterschiedlich, in der Schweiz oder in Österreich können es schon mal mehr als 4000 Höhenmeter sein. In Deutschland geht es nicht so viel bergauf und bergab, dafür ist das Rennen schneller.

Ziele hat er noch einige, vor allem aber "will ich der beste Athlet werden, der ich sein kann", die eigenen Grenzen austesten, darum wird es auch weiterhin gehen. Dafür trainiert Peter Schermann hart, oft auf seiner Heimstrecke, von Trier aus 50 Kilometer hinauf zum Erbeskopf.

Profi-Radfahrer Peter Schermann ist von Freitag, 14. August, bis Sonntag, 16. August, zu Gast im Hotel HerzogsPark. Weitere Infos und das Programm finden Sie hier.

 

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