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Neue Altersgrenze: So denkt Nürnbergs NLZ-Leiter Wiesinger

Ein Rohdiamant in der Club-Jugend, aber kein zweiter Moukoko - 09.04.2020 05:55 Uhr

Bevorzugt weiterhin einen langsamen Aufbau von Talenten: Club-NLZ-Leiter Michael Wiesinger. © Sportfoto Zink / Melanie Zink


Über den Fußballspieler Thomas Miller kann man unter anderem lesen, dass er sich einst durch "Kampfgeist und eine kompromisslose Spielweise" zu einem Publikumsliebling beim TSV 1860 München gemacht hat. Man kann sich dazu im Internet Bilder von Thomas Miller ansehen und glaubt die Sache mit der kompromisslosen Spielweise sofort. Miller trägt einen schönen Schnurrbart, scheint sich sonst aber nicht besonders um Äußerlichkeiten geschert zu haben. Miller sieht aus wie viele Profis aus den 1980er und 1990er Jahren, was daran liegt, dass er genau damals Profi war.

Man kann statt der Internetsuche aber auch einfach bei Michael Wiesinger nachfragen. Der ist heute der sportliche Leiter des Nachwuchsleistungszentrums beim 1. FC Nürnberg und begann seine Fußball-Profi-Laufbahn einst beim TSV 1860 des Thomas Miller. Wiesinger war 18 Jahre jung, als er das erste Mal in der ersten Mannschaft mitspielen durfte. 1860 spielte in der Bayernliga, der Trainer hieß Karsten Wettberg – und schon in den ersten Trainingseinheiten hatte Wiesinger dank Miller eine ungefähre Ahnung davon bekommen, was den Erwachsenenfußball vom Jugendfußball unterscheidet. "Der hat jeden weggegrätscht", sagt Wiesinger, der dann bald lernte, seine Laufwege im Training denen Millers anzupassen und im Spiel denen der anderen Männer.

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"Man braucht Spielintelligenz und Wettkampfhärte", sagt Wiesinger über das, was einen erwartet, wenn man den Schritt heraus aus der Jugend macht. Er hat sich das damals schnell angeeignet. Nach Zwischenstationen in Starnberg kam er 1993 zum FCN und als 22-Jähriger in die Bundesliga. Dass es zur Premiere eine 2:5-Niederlage beim HSV setzte, schadete Wiesingers Weg nicht.

"Die Spieler sollen reif sein"

Vielleicht war es aber ganz gut, dass er damals schon 22 Jahre alt war und nicht 16. Theoretisch könnte man – nachdem die Deutsche Fußball-Liga die Altersbegrenzung nun herabgesetzt hat – neuerdings nämlich schon in der Bundesliga spielen, wenn man vom wahlfähigen Alter noch zwei Jahre entfernt ist.

 

Die Änderung soll einen vermeintlichen Wettbewerbsnachteil der Bundesliga mit anderen Ligen kleiner werden lassen. Auf der globalen Suche nach Talenten, könnte diese Altersgrenze ein Argument für ein Engagement in Deutschland sein.

Das mag schon sein, sagt Wiesinger, der die vereinseigenen Talente auf das Erwachsenenleben im Fußball vorbereitet. Trotzdem sagt er auch: "Ich fand die alte Regelung in Ordnung. Die Spieler sollen ja auch pädagogisch und psychologisch vorbereitet werden, reif sein."

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Zumindest in körperlicher Hinsicht sieht Wiesinger beim theoretisch um ein Jahr vorgezogenen Start keine Probleme. Die heutigen Spieler aus den Nachwuchsleistungszentren sind oft schon früh erstaunlich austrainiert. "Da wird inzwischen schon in der Jugend sehr präzise an den Körpern gearbeitet", sagt Wiesinger.

Er hat das in Vor-Corona-Zeiten tagtäglich im Sportzentrum am Valznerweiher gesehen. Einen, dem beim Club die neue Regelung entgegenkommen könnte, sieht er nicht.

Auch deutschlandweit fällt ihm nur Youssoufa Moukoko ein, für den die Senkung der Altersgrenze ein früheres Profidebüt bedeuten könnte. Moukoko spielt bei Borussia Dortmund in der A-Jugend und schießt ein Tor nach dem anderen, obwohl er erst im Herbst 16 Jahre alt wird. In Dortmund trauen sie Moukoko die Bundesliga offenbar zu. "Es geht nicht darum, einen Rekord zu knacken, sondern darum, dass wir ihm zumindest die Option geben, mit 16 Jahren in der Bundesliga eingesetzt werden zu dürfen", sagte Dortmunds Jugendkoordinator Lars Ricken dem Sportinformationsdienst.

Der Plan mit Shuranov

In Nürnberg ist man da auch mit Blick auf eines der größeren Talente doch lieber zurückhaltend. Erik Shuranov hat mit 18 Jahren in dieser Saison bereits über 30 Tore für die Club-U-19 geschossen. Diese Tore soll er dort auch weiterhin schießen, wenn die Saison irgendwann einmal fortgesetzt wird. "Der ist da gut aufgehoben", sagt Wiesinger, "wir haben einen Plan mit ihm." Der Plan heißt: Shuranov soll in nicht mehr so ferner Zukunft einmal Tore schießen für die Profis, darf sich bis dahin aber noch ganzheitlich entwickeln.

Wenn ein junger Spieler dann die Chance bekommt, dann muss er sie aber auch nutzen, sagt Wiesinger. Falsche Bescheidenheit darf dann keine Rolle mehr spielen, egal ob einer 16 oder 23 ist. So wie er es damals gemacht hat. In Starnberg ließ damals Jürgen Täuber, ein ehemaliger Club-Profi, die Karriere ausklingen und schoss die Elfmeter. Nachdem ihm die Übung zweimal misslungen war, nahm ihm beim dritten Mal der junge Wiesinger den Ball weg, traf ins Tor – und fühlte sich nach der Reifeprüfung angekommen in der Erwachsenenwelt.

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