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Neumarkter Karateka hat keine Angst vor großen Männern

Amelie Jobst erzählt über sich und ihren Sport. Sie will demnächst den schwarzen Gürtel erwerben. - 30.01.2021 18:45 Uhr

Amelie Jobst nimmt Position ein und kontert mit einer Schlagkombination den simulierten Gegner-Angriff von Trainer Norbert Beyerlein.

01.02.2021 © Günter Distler


Da steht er vor ihr in Kampfstellung, dieser Zwei-Meter-Hüne. Doch verschrecken lässt sich Amelie Jobst mit ihren 1,60 Metern nicht. Sie nimmt selbst ihre Position ein, dann folgt der Angriff ihres Gegners. Unter einem Schwinger taucht die 17-Jährige durch und kontert mit einer schnellen Schlagkombination. Überrascht taumelt ihr Gegner ein paar Schritte nach hinten, Amelie hat die Oberhand. Ihr Gegenüber schaut etwas perplex, lacht und gratuliert ihr.

Gegner ist nicht mehr die richtige Bezeichnung, jetzt wird ihr Gegenüber Norbert Beyerlein wieder zum Trainer und Vereinskameraden. Amelie Jobst ist Karateka aus Leidenschaft. Mit 14 Jahren hat sie mit dem Sport begonnen, knapp vier Jahre später steht die Neumarkterin kurz vor dem Schwarzen Gürtel.

Doch der Start war schwierig, erinnert sich die Gymnasiastin: "Als kleines Kind habe ich Turnen gemacht, das war aber nicht wirklich meins. Dann kam länger nix, bis mein Papa gesagt hat, jetzt müssen wir mal wieder was tun", am Ende wurde es die DJK-SV Pilsach. Die ersten paar Mal dort haben der Jugendlichen ordentlich Respekt eingeflößt:

"Als ich da die Übungen gesehen habe, habe ich schon geschluckt und mich gefragt: Hilfe, was tun die da?" Mit Norbert Beyerlein gab es nur einen Trainer, der Erwachsene und Jugendliche trainierte. Doch die anfängliche Furcht war schnell weg: "Mir haben die anderen Kameraden schnell geholfen, dann wurde es leichter, und ich hab total Gefallen daran gefunden."

Von der Erfahrung anderer lernen

Diese Kameradschaft ist einer der Faktoren, der Amelie Jobst am meisten Spaß am Karate macht. Es ist normal, dass nicht nur mit dem Trainer geübt wird, sondern auch die Karateka untereinander ständig wechseln. Das soll dazu dienen, dass man sich auf jeden Gegner einstellen kann und vor allem von den anderen zu lernen, die eigene Technik zu verfeinern oder neue Dinge zu lernen. Mit einem Lachen sagt sie aber auch über ihren Trainer: "Es macht schon Spaß einen Zwei-Meter-Mann zu hauen."

Die 17-Jährige ist absolut überzeugt von diesem Standard im Kampfsport: "Klar, das bringt total viel. Es ist relativ normal, dass die höher Graduierten den anderen auch neue Sachen beibringen, aber auch umgekehrt." Selbst erfahrene Kämpfer wie Norbert Beyerlein, der den vierten Dan, also den höchsten technischen Meistergrad, vorweisen kann, lernen immer wieder dazu. Die anfangs geschilderte Schlagkombi von Amelie zum Beispiel. Dieses ständige Lernen gefällt ihr gut: "Auch nach Jahren lernt man ständig dazu, das finde ich cool. Besonders in Hausheim gibt es viele Schwarzgurte, auch in anderen Kampfsportarten. Der Austausch mit ihnen ist richtig spannend."

Ebenso wichtig ist Amelie Jobst das, was Karate mit ihrem Körper und Geist macht: „Zunächst mal stärkt man Kraft, Beweglichkeit und Schnelligkeit, dazu steigert man sein Selbstvertrauen.“ Die Selbstverteidigung steht im Mittelpunkt, denn auf Turnieren kämpft Amelie nicht. All diese Begeisterung hat die Neumarkterin schnell zum Braunen Gürtel geführt. Im Sommer soll mit der Dan-Prüfung der erste Meistergrad und somit der Schwarze Gürtel folgen.

Über den Dan zum Abitur

Im Schnitt fünf Mal in der Woche stand die 17-Jährige vor Corona in der Halle. Mal beim Heimatverein DJK-SV Pilsach, aber auch bei den befreundeten Karateka in Hausheim und Berngau. Mittlerweile reduziert sich das im Online-Training auf ein bis zwei Mal die Woche. Was vielleicht aber auch gar nicht so ungelegen kommt, denn die Gymnasiastin bereitet sich gerade auf ihr Abitur vor, auch für sie eine stressige Zeit.

Dazu war sie bereits regelmäßig als eine von mittlerweile sechs Trainern aktiv. Etwas mehr als zwei Stunden die Woche waren das. Im Sommer, nach der Prüfung zum Schwarzgurt, möchte sie sich auch um den Trainerschein kümmern. Die vielen Stunden in der Halle sind für die Neumarkterin aber kein Stressfaktor: "Für mich ist Karate perfekt zum Abschalten. Zum einen das Auspowern, aber auch die Meditation, die zum Karate dazu gehört. Seine Kraft und Stärke zu entwickeln, taugt mir wirklich total. Ohne das wäre ich mit dem schulischen Druck nur schwer klar gekommen."


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Ab März startet die Vorbereitung auf die Prüfung zum ersten Dan und dem damit verbundenen Schwarzen Gürtel. Dafür gilt es nicht nur, die Grundtechniken perfekt zu beherrschen, sondern auch so genannte "Katas" einzustudieren. Das sind genau festgelegte Bewegungsabfolgen, die meist gegen imaginäre Gegner ausgeführt werden — ein stilisiertes Kämpfen also. Wenigstens das ist etwas, was man prinzipiell daheim trainieren kann. Wichtig sei jedoch beim Karate generell: "Man muss eine Technik auch anwenden können, wobei es auch da unterschiedliche Varianten gibt."

Ein Beispiel dafür ist der anfangs genannte Schwinger, wie die Karateka erklärt: "Wenn jemand Norbert mit einem Schwinger angreift, kann er den mit seiner Größe und dem Gewicht parieren und stehen bleiben. Ich würde da wahrscheinlich einfach wegfliegen. Dafür kann ich mich einfach darunter wegducken und spare Kraft." Auch hier sieht man wieder: Techniken gibt es viele, Auslegungen davon ebenso. Bei anderen zuzuschauen und zu lernen – vielleicht ist es auch das, was Karate einen lehrt. Und dass ein Zwei-Meter-Hüne einem nicht unbedingt Angst einjagen muss.

MARKUS EIGLER

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