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NHTC statt Olympia: Japans Kapitän spielt in Nürnberg

Die außergewöhnliche Geschichte von Hockeyspieler Manabu Yamashita - 27.10.2020 06:00 Uhr

„Er hilft uns mit seiner Ruhe“: Manabu Yamashita im Trikot des NHTC.

26.10.2020 © Sportfoto Zink / Daniel Marr, Sportfoto Zink / Daniel Marr


Am Ende des Gesprächs holt Manabu Yamashita sein Handy aus der Jackentasche. Er wischt kurz über den Bildschirm, dann hat er das Foto gefunden, mit dem er seine Antwort untermalen will. Das Bild zeigt ein saftiges Schäufele mit einer krossen Kruste, dazu ein großer Kloß. Der 31-Jährige lacht, dann wischt er weiter. Nächstes Bild: Käsespätzle, "mit vielen Zwiebeln und ganz viel Käse".

Deutsche Hausmannskost ist nicht gerade prädestiniert für Sportler, aber natürlich hat Manabu Yamashita alles probiert, seit er in Nürnberg lebt. Im August hat er sich in den Flieger gesetzt und ist nach Deutschland geflogen, um endlich wieder Hockey spielen zu können. Und in Nürnberg haben sie sich gefreut, dass sie künftig einen erfahrenen Mann in ihren Reihen haben, der bereits 186 Länderspiele für Japan gemacht hat und die Nationalmannschaft seit vier Jahren sogar als Kapitän anführt.

Ein Niederländer in Japan

Bei den Olympischen Spielen in Tokio hätten noch einige Partien hinzukommen sollen, für die Heim-Olympiade hatte sich Yamashita mit seinen Kollegen einiges vorgenommen. Doch die Pandemie machte das größte Sportfest der Welt unmöglich.

Was also tun? Die Geschichte des Wechsels nach Nürnberg erzählt auch viel über das weltweite Hockey. Der Trainer und sportliche Leiter des Nürnberger HTC, Richard Barlow, hat früher unter anderem in den Niederlanden Hockey gespielt – und dort auch Siegfried Aikman kennengelernt. "Er ist ein guter Freund von mir", sagt Barlow – der gute Freund ist aber auch der Trainer der japanischen Nationalmannschaft."

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In Nürnberg haben wir nach Spielern gesucht, die international erfahren sind und eine neue Erfahrung machen wollen", sagt Barlow, in Japan suchte Manabu Yamashita nach eben dieser ganz besonderen Erfahrung, um ein noch besserer Hockeyspieler zu werden. Also hat er einen dreimonatigen "Try-Out-Vertrag" unterschrieben und sich dem NHTC angeschlossen.

Schön waren die vergangenen Wochen aber nicht für Yamashita und seine neuen Kollegen. Die meisten Spiele in der Bundesliga haben sie verloren, am Wochenende gab es unter anderem ein 0:7 gegen das Spitzenteam aus Mülheim. "Es ist eine schwierige Situation", sagt Richard Barlow, "wir spielen mit zehn Spielern weniger."

Vom Fußball zum Hockey

Das liegt einerseits an Verletzungen, aber auch an der Pandemie. Beim NHTC spielen mehrere Ärzte, die sich nicht der Gefahr einer Ansteckung aussetzen wollten und konnten. Manabu Yamashita kann mit seiner Erfahrung zumindest den jungen Spielern eine Stütze sein, "er hilft uns ganz viel mit seiner Ruhe", sagt der Trainer, "es ist schade, dass er nicht mit dem vollem Kader spielen kann, denn dann wäre ganz andere Ergebnisse möglich."


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Am kommenden Samstag steht noch ein Spiel gegen den Mannheimer HC an, danach wird Yamashita wieder nach Japan zurückkehren – vorerst. In seine Heimat, wo er einst mit zwölf Jahren mit Hockey begonnen hat. "Früher habe ich Fußball gespielt", erinnert er sich, "da haben wir immer verloren. Dann bin ich zum Hockey und wir haben immer gewonnen." Inzwischen ist aus dem Jungen ein Profi geworden, der wie alle Nationalspieler beim Verband angestellt ist und teilweise mehrere Monate in Camps verbringt.

Traum von der Goldmedaille

In der Rückrunde soll der 31-Jährige dann wieder zurückkehren und dem NHTC im Abstiegskampf helfen. Ob es tatsächlich so kommt? Richard Barlow weiß es nicht, "es ist jedenfalls geplant", sagt er. Doch so schön die Erfahrung in Nürnberg, so groß das Abenteuer zwischen Schäufele und Hockeyschläger ist, wichtiger sind die Olympischen Spiele, die im kommenden Sommer stattfinden sollen. Manabu Yamashita träumt natürlich von der Goldmedaille im eigenen Land, er weiß aber auch, dass das wohl ein Traum bleiben wird. Wenn er überhaupt spielen darf.

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