Ralph Junge im Interview

Verleiht die EM den Falcons Flügel? "Man sieht, was möglich ist"

Sebastian Böhm
Sebastian Böhm

Sportredaktion

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30.9.2022, 15:15 Uhr
Abgehoben: Jonathan Maier bereitet sich fliegend auf die Saison vor. 

© Sportfoto Zink / Wolfgang Zink, Sportfoto Zink / Wolfgang Zink Abgehoben: Jonathan Maier bereitet sich fliegend auf die Saison vor. 

Es ist nicht schwierig, mit Ralph Junge ins Gespräch zu kommen: Was ist gut, was schlecht an Home Office? Was ist eigentlich los mit dem 1. FC Nürnberg? Warum bleibt man als Mann seinem Friseur treu? So unterhaltsam und bereichernd das sein mag, irgendwann muss die Aufnahmefunktion am Smartphone aktiviert werden. Der Geschäftsführer der Nürnberg Falcons hat sich schließlich Zeit genommen, um bei einem Americano und einem Croissant über den Saisonstart in der ProA genannten zweiten Liga zu sprechen, über die ansteckende Anziehungskraft des Basketballsports, vor allem aber darüber, wie er gedenkt, den Schwung der stimmungsvollen Europameisterschaft in Köln und Berlin zwei Wochen nach dem Endspiel in die Kia Metropol Arena zu retten, wo die Mannschaft um Cheftrainer Vytautas Buzas am Samstag (18.30 Uhr) Trier empfängt. Aufnahme läuft.

Man kennt das: Eine deutsche Nationalmannschaft, die nicht Männerfußball spielt, gewinnt ein, zwei Spiele. Menschen entdecken die Schönheit von Sportarten, die nicht wirklich neu sind. Sofort wird ein möglicher Hype herbeigeschrieben und -geredet. Zwei Wochen nach der Basketball-EM müsste der Hype doch auch bei den Nürnberg Falcons angekommen sein, oder, Herr Junge?
Das ist genau die berechtigte Frage, die wir uns selbst auch stellen. Die EM war natürlich perfekt für unseren Sport. Auch dass das Turnier auf RTL gezeigt worden ist, dass Deutschland so erfolgreich war. Vor der EM hätte auch ich nicht unbedingt eine Medaille erwartet. Ich war beim Spiel gegen Slowenien in Köln: 18.000 Leute, volle Halle, tolle Stimmung, da hat man gesehen, was eigentlich möglich ist. Das ist jetzt genau unsere Herausforderung: Schafft man es, ein Highlight-Event auf die lokale Ebene zu kriegen?

Und?
Das müssen wir schaffen. Wenn nicht, wird es auch keine erfolgreiche Nationalmannschaft geben können. Da sind uns andere Länder strukturell einfach voraus. Und wenn wir es nicht schaffen, dass die lokalen Standorte funktionieren, wird auch das Nationalteam nicht funktionieren. Deshalb ist es wichtig, dass wir das übertragen können, dass die Leute eben nicht nur zum Großevent gehen, sondern auch den Lokalpatriotismus hochhalten.

Als Sie in Köln in der Halle standen, haben Sie da kurz darüber nachgedacht, warum die Menschen nicht auch im Alltag erkennen, wie attraktiv Basketball ist?
Basketball in Deutschland hat sich in den letzten zehn, fünfzehn Jahren schon sensationell entwickelt – was Professionalität angeht, was Hallen angeht, was Budgets angeht. Zumindest bis zum Beginn der Pandemie, seitdem sind wir Nicht-Fernseh-Sportarten schon gebeutelt. In Nürnberg ist unsere Historie natürlich noch einmal eine sehr eigene. Seit unserem Neustart als Falken 2016 gab es ja kein normales Jahr mit dem Nichtaufstieg, mit der gesperrten Halle. Deshalb kommen wir uns ein bisschen wie im Hamsterrad vor. Da schaffen wir etwas und es reißt uns gefühlt immer wieder zurück auf Los. Aber wir haben bei unserem sportlichen Aufstieg gesehen, welches Potenzial da ist.

Um es mal konkret zu machen: Haben die Falcons seit den ersten EM-Spielen spürbar mehr Karten verkauft, mehr Interesse registriert?
Wir werden auf jeden Fall von vielen Seiten darauf angesprochen – auch von Leuten, die mit Basketball nicht so viel zu tun haben. Jetzt gilt es, diese Leute in die Vereine zu bringen, in unsere Halle. Damit sie bleiben, brauchen wir sportlichen Erfolg. Das ist unsere Aufgabe.

Für viele Nicht-Basketballfans war erstaunlich, wie sympathisch diese zwölf Typen sind. Sie dürfen jetzt ungeniert Werbung machen: Gibt es diese Typen auch bei den Falcons?
Du hast eigentlich einen genauso bunten Mix wie bei der Nationalmannschaft. Auch bei uns hat jeder Spieler seine ganz eigene Geschichte. Das geht von einem Amerikaner, der sich aus schwierigen Verhältnissen über den Sport, über ein Scholarship an der Uni hochgekämpft hat und jetzt Profi-Basketballer sein darf, bis zu unserem Kapitän Sebastian Schröder, der seit 15 Jahren einem Verein die Treue hält. Im Profisport ist das sonst kaum noch zu sehen, inzwischen versucht er Familien- und Berufsleben zu kombinieren und hat trotzdem das Herz bei den Falken. Dieses Jahr haben wir eine unheimlich sympathische Mannschaft, eine Einheit, das wird auch beim Zuschauer ankommen. Gerade bei der EM war doch am Ende zu sehen, dass vielleicht doch nicht immer das individuelle Talent oder das Geld gewinnt.

Ralph Junge war zuletzt vor allem Basketballfan - wie so viele andere Menschen in Deutschland. 

Ralph Junge war zuletzt vor allem Basketballfan - wie so viele andere Menschen in Deutschland.  © Sportfoto Zink / Daniel Marr, NN

Team - soll das nach zwei schwierigen Corona-Jahren die Identität der Falcons sein?
Wir haben den Kader nach dem Aufstieg einigermaßen zusammenhalten können, Corona hat uns danach sehr geprägt. Bei uns ging es zunächst einmal darum, dass die ganze Mannschaft wieder gesund wird. Letztes Jahr hatten wir einen großen Umbruch, meiner Ansicht nach hatten wir leider doch ein paar Individualisten zu viel. Nach den Eindrücken der Vorbereitung haben wir jetzt wieder ein Fundament, auf dem wir die nächsten Jahre aufbauen können.

Was haben Sie denn bisher gesehen?
Wir werden nicht den einzelnen Superstar haben. Die Verantwortung wird sich auf mehrere Schultern verteilen, so wie zuletzt bei unserem Sieg gegen Jena, einen der Aufstiegsfavoriten, als Tim Köpple, einer unserer jungen Spieler, vier Körbe in der Verlängerung erzielt hat.

Nun sind Prognosen in der ProA traditionell schwierig. Trotzdem: Wo sehen Sie denn die Falcons im Liga-Vergleich?
Du hast einen Pool an deutschen Spielern, das ist in vielen Ligen so, der ist mehr oder weniger fest. Das verschiebt sich immer so ein bisschen. Die Variablen sind die Ausländerpositionen, da braucht man ein bisschen Glück, da separiert sich auch die eine oder andere Mannschaft, und das Thema Team: Welche Mannschaft findet im Lauf der Saison zueinander? Bei welchem Team funktioniert es intern nicht 100-prozentig. Natürlich gibt es den Namen nach Topfavoriten, die den Aufstieg auch als Ziel ausgegeben haben. Vechta, Jena, Gießen als Absteiger. Dahinter wird es schon interessant, auch weil die Aufsteiger spannend sind. Münster, die mit Andreas Seiferth einen Nationalspieler verpflichten können. Und Dresden und Düsseldorf, die Hallen und Budget haben. Die werden sich nicht automatisch unten ansiedeln.

Sehr clever, wie Sie vermieden haben, da Nürnberg einzuordnen.
Unser Ziel sind die Playoffs. Wenn Du mehr Spiele gewinnst als verlierst, bist du normalerweise in den Playoffs. Gut, letztes Jahr hatten 18 Siege und 14 Niederlagen und es hat trotzdem nicht gereicht. Aber normalerweise reicht das. Und wenn dann alles super läuft, ist auch ein bisschen mehr drin.

In den letzten Jahren hatten die Falcons immer wieder Spieler, für die alleine es sich gelohnt hat, sich ein Ticket zu kaufen. Wer sind die Ishmail Wainrigths, Jackson Kents oder Brayden Hobbs' in dieser Saison?
Ich glaube schon, dass da der ein oder andere dabei ist, der sich in die Herzen der Zuschauer spielen kann. Ob das unsere beiden Amerikaner sind, Thomas Wilder, der schon in Ludwigsburg gespielt hat, oder Rocky Kreuser, von dem ich viel halte, den wir nur verpflichten konnten, weil er verletzt war. Der hat jetzt erst wieder Vollkontakterlaubnis, der wird nur vielleicht noch ein paar Wochen brauchen, bis er topfit ist. Dann Tim Köpple, Moritz Krimmer, der als junger Spieler schon Erstligaminuten hat. Da wird schon der ein oder andere unsere Zuschauer begeistern – und überraschen.

Nürnberger haben die Falcons auch im Aufgebot, junge Nürnberger, die Sie gar nicht erwähnt haben.
Dabei ist mir das ganz wichtig. Der FC Bayern ist eine globale Marke, jeder andere Sportverein in Deutschland ist ein regionaler Verein. Wir sind ein Verein aus Nürnberg und dem Nürnberger Umland, deshalb sind uns Spieler aus der Region unheimlich wichtig, oder einer wie der Jonathan Maier, der seit sechs Jahren hier und auch ein Nürnberger ist. Mit Chris Feneberg kommt ein Jugendnationalspieler nach, der sich immer besser entwickelt. Die Tornados Franken haben sich wieder in die U19-Bundesliga gespielt. In dieser Nachwuchsarbeit, da liegt schon auch unsere Aufgabe. Es muss immer unser Ziel sein, Nürnberger in die Bundesliga zu bringen, auch um da Heimat widerzuspiegeln und nicht nur darüber zu reden.

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