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Olympische Spiele statt Fels und Natur: Megos Chancen in Tokio

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2.8.2021, 15:04 Uhr
Klettert lieber am Fels als an der Kunstwand: Alexander Megos.

© Eibner-Pressefoto/EXPA/Spiess via www.imago-images.de, NN Klettert lieber am Fels als an der Kunstwand: Alexander Megos.

Auf einfache Fragen gibt Alexander Megos gern einfache Antworten. Was der Unterschied zwischen Fels- und Wettkampfklettern ist, wollen momentan viele von ihm wissen. "Das eine ist am Fels und das andere an der Kunstwand." Megos sagt das mit einem trockenen Unterton, dann lacht er, als wäre das ein guter Witz. Eines von beiden hält er auch genau dafür: einen Witz.

Alexander Megos von der DAV Sektion Erlangen gehört zu den besten Felskletterern überhaupt. In der Szene hat er bereits als 19-Jähriger mit einer Route der Kategorie 9a onsight in Katalonien Weltruhm erreicht, vor einem Jahr hat er als Erster die "Bibliographie" am Ceüse in Frankreich bewältigt, eine von nur zwei Felsabschnitten weltweit mit dem Schwierigkeitsgrad 9c. Beides sind absolute Weltklasse-Leistungen am Fels.

Sein Leben lang hat der Erlanger akribisch auf diese Erfolge hingearbeitet. Megos war immer überall unterwegs, in den USA, in ganz Europa. Es gab Zeiten, da campte er mehr als zu Hause zu sein. Klettern ist für den Outdoor-Fan eine Lebenseinstellung, eine Verbindung zur Natur, es bietet immer neue Herausforderungen und seinem Freigeist alle Möglichkeiten, sich auszuleben. Ein Felskletterer muss immer neue kreative Lösungen finden - und nimmt sich dafür im Bestfall alle Zeit der Welt.

"Am Anfang war ich von der Idee Olympia überhaupt nicht überzeugt"

Ein Felskletterer muss sich also sehr gefangen fühlen, wenn es plötzlich nur noch um schneller, höher, weiter geht. Doch nichts anderes ist Sportklettern bei Olympia. Die Athleten müssen sich in drei Disziplinen beweisen, die sportlich wenig miteinander zu tun haben: Speed - 15 Meter geradeaus die Wand hoch, so schnell wie möglich. Bouldern - eine Art Hindernisparcours ohne Absicherung, für den man maximal vier Minuten Zeit hat. Und Lead - das klassische Seilklettern, sechs Minuten lang an einer 15 Meter hohen Wand.

Für jemanden, der sich Jahre auf eine Route vorbereitet, ist Klettern im Minutentakt eigentlich keine Option. Umso erstaunlicher, dass sich Alexander Megos im Herbst vor drei Jahren dennoch dafür entschieden hat. "Am Anfang war ich von der Idee Olympia überhaupt nicht überzeugt", gibt der 27-Jährige zwar zu. Mit seinen Trainern Dicki Korb und Patrick Matros hat er dann noch beschlossen, es zu versuchen. Bei den Weltmeisterschaften 2019 hat er im Lead Megos Silber geholt und ist in der Olympischen Kombination nur wegen einer Fingerverletzung gescheitert. Nun ist er in Tokio gemeinsam mit Jan Hojer die Medaillen-Hoffnung des Deutschen Alpenvereins.

"Mit Speed kann ich immer noch nichts anfangen"

Die Qualifikation mit den 20 besten Kletterern der Welt beginnt am Dienstag um 10 Uhr mit der bei allen so ungeliebten Disziplin Speed, Megos ist an Position sechs dran. Danach folgen Bouldern und Lead, die besten Acht erreichen das Finale am Donnerstag.

"Mit Speed kann ich immer noch nichts anfangen", sagt Megos. "Meine Strategie ist, in den anderen beiden Disziplinen etwas herauszuholen. Selbst wenn ich am Ende im Speed Letzter werde, ist das kein Problem. Ich habe meinen Weg gefunden, damit umzugehen: Speed ist ein gutes Aufwärmen fürs Bouldern." Wieder dieser trockene Unterton. Richtig ernst nehmen kann er diesen Sprint in der Vertikalen immer noch nicht.

"Ich traue dem Alex einfach alles zu."

"Dass Alex im Speed keine Weltklasse-Zeit holt, da sind wir uns einig", meint auch sein Trainer Dicki Korb. "Doch auch andere machen Fehler, und plötzlich ist er nicht mehr ganz hinten, das kann sich im Endresultat auszahlen. Denn Alex kann im Lead und Boulder gewinnen." Als ZDF-Experte wird Korb die Leistung seines Athleten live im Fernsehen kommentieren, wegen der Corona-Regeln durfte er nicht mit nach Tokio reisen. Korb verspricht: "Es wird bis zum Ende absolut spannend sein, ich traue dem Alex einfach alles zu."

Klettern aber ist manchmal auch einfach nur Glück. "Im Boulder und Lead hängt viel vom Routenschrauber ab", sagt Megos. Die Sportler wissen im Vorfeld nicht, welche Aufgabe an der Wand auf sie wartet. "Mein persönliches Ziel ist, keinen groben Mist zu bauen und zufrieden zu sein. Man wird nicht in allen Disziplinen top sein, doch ich hoffe, dass ich an mein Limit herankomme." Zumindest an das an den Plastikgriffen. Am Fels gibt es kein Limit. Kaum jemand kennt diesen Unterschied besser als Alexander Megos.

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