Schattenseiten des Leistungssports

Paul Burger vom Ruderverein Erlangen holt Bronze bei der U23 EM

15.9.2021, 13:05 Uhr
Paul Burger (ganz links) mit seinen Kollegen aus dem U23-Achter nach dem Medaillen-Erfolg bei den Europameisterschaften.

Paul Burger (ganz links) mit seinen Kollegen aus dem U23-Achter nach dem Medaillen-Erfolg bei den Europameisterschaften. © Paul Burger, NN

Paul Burger wirkt am Telefon tiefenentspannt. Im Hintergrund zwitschern die Vögel, ansonsten herrscht eine geruhsame Stille durch den Hörer. Der erste Eindruck täuscht nicht. "Ich bin aktuell bei meinen Eltern in Tübingen, etwas den Kopf freibekommen und feste durchschnaufen". Der 22-Jährige hat erst vor kurzem mit dem U23 Achter einen großen Erfolg gefeiert. Auch wenn es für ihn mehr nach Pflichtprogramm klingt: "Die Bronzemedaille war schon das Minimalziel für mich".

Als Ersatzmann schon bei der WM dabei

Was zuerst völlig abgehoben herüber kommt, ist in Wahrheit nur das Ergebnis monatelanger Arbeit. Denn Burger war bereits kurz davor, einen noch größeren Erfolg zu feiern. Die Teilnahme als Starter bei den U23 Weltmeisterschaften. "Doch ich wurde leider als Ersatzmann nominiert", sagt er. Was durchaus ein wichtiger Posten ist, denn: "Sich Verletzten oder krank werden, kann immer mal jemand, dann muss ich sofort in die Bresche springen." Er nahm an den Trainingseinheiten vor Ort Teil und war Teil des Teams. "Doch der Fokus von den Trainern, den Mannschaftsärzten oder den Betreuern liegt natürlich auf den Startern", sagt Burger.

Rudern als Neuentdeckung

Burger war nicht immer ein Ruderer. Erst im Alter von 15 Jahren kam die Initialzündung durch den Onkel. "Willst du es nicht auch mal probieren, hat er mich damals aus Spaß gefragt", sagt Burger. Am Anfang war es eher ein Hobby für Burger, ohne große Ziele und Pläne.

Der gebürtige Tübinger machte 2017 sein Abitur, danach blieb er noch ein Jahr in der Heimat, um den Trainerschein im Rudern abzulegen. Aus dem Hobby wurde eine Leidenschaft. Doch Burger wollte unbedingt Informatik studieren, dafür zog er extra in die Fremde nach Erlangen, wo er bis heute lebt.

Der Spagat zwischen Leistungssport und Privatem

Burgers letztes Jahr in der U23 Klasse neigt sich dem Ende entgegen. Danach ist die sportliche Zukunft ungewiss. Denn bald stehen für ihn die wohl wichtigsten Entscheidungen in seiner Karriere an. Nach Alles oder Nichts, klingt Burger, wenn er über seine Ziele im Sport redet. "Realistisch betrachtet gibt es für mich im Elite-Bereich nur ein Ziel. Paris 2024." Damit zielt Burger auf die Olympischen Spiele ab. Eine Teilnahme dort schließt er nicht aus. Doch die Opfer, die er erbringen muss, sind gewaltig.

Die Schattenseiten des Leistungssports

Ein Fußballer verdient bei manchen Vereinen bereits ab der Landesliga mehrere Hundert Euro. Der zeitliche Aufwand dort steht in keiner Relation zu dem, was Burger leistet. "Zwischen 15 und 20 Stunden Training sollten es schon sein", sagt er. Auch sein Trainer, Ingo Euler, sieht das ähnlich. "Rudern ist sehr intuitiv, bewusst geht da gar nichts. Dazu ist es durch die Ganzkörperbewegung sehr anstrengend. Daher muss viel, viel und nochmal viel im Wasser trainiert werden", sagt Euler.

Die Ruhe vor dem Sturm: Burger während einer Verschnaufpause im Training, bevor es wieder Anstrengend wird.

Die Ruhe vor dem Sturm: Burger während einer Verschnaufpause im Training, bevor es wieder Anstrengend wird. © Paul Burger, NN

Diese Ungleichheit zwischen Aufwand und Ertrag, gepaart mit der Ungewissheit, ob er den Sprung in den Elite-Achter der Deutschen Nationalmannschaft überhaupt schafft, lässt Burger mit Zweifeln an seiner sportlichen Zukunft zurück. "Unter 20 Prozent", sagt er und meint damit seine Chancen, überhaupt einen der hart umkämpften Plätze im Deutschland-Achter zu ergattern.

Zukunft bleibt Zukunft

Burger ist ein sehr reflektierter Sportler. Das wird bei der Unterhaltung mit ihm klar. Auch wenn Wehmut in seiner Stimme mitschwingt. Seine sportliche Zukunft lässt er nicht durch unüberlegte und hektische Entscheidungen beeinflussen. "Ich denke immer nur von Saison zu Saison. Die Planungen für 2022 laufen aktuell nicht, dafür ist der Urlaub nicht da", sagt er. Obwohl der Trainingsstart bald wieder ansteht, will er einfach etwas Distanz zwischen sich und den Sport bringen. "Für den Sprung in den Achter müsste ich auch zwingend an den Stützpunkt nach Dortmund ziehen. Dafür müsste ich wieder Erlangen aufgeben und mein Studium hintenanstellen", sagt er.

Hart erarbeitet oder Talent?

Ingo Euler ist verantwortlich für die Ausbildung der Ruderer in Erlangen. Als dreimaliger Olympiateilnehmer ist er durchaus in der Lage zu beurteilen, ob ein Athlet den Sprung bis an die Spitze schafft, oder eben nicht. Doch diese Prognose will er bei Burger nicht anstellen, "dafür ist Paul ein zu gutmütiger und netter Mensch, um ihm durch die Blume Druck zu machen", sagt Euler. Selbst entscheiden müsse Burger alles, was seine sportliche Zukunft angeht.

Rudern wird am dem Zweierboot zum Mannschaftssport. Im Achter kommt es auf Teamwork und Koordination an - der Steuermann im Bug hat alles im Blick. Burger (Dritter von links) sitzt im

Rudern wird am dem Zweierboot zum Mannschaftssport. Im Achter kommt es auf Teamwork und Koordination an - der Steuermann im Bug hat alles im Blick. Burger (Dritter von links) sitzt im "Maschinenraum" des Bootes und ist Hauptantriebskraft. © Paul Burger, NN

"Das Talent ist da. Aber Paul arbeitet dafür auch extrem akribisch und motiviert daran, dass sich sein Talent entfaltet", sagt Euler. Denn physiologisch ist Burger ein echter Schmaus für die Elite. "Der Bundestrainer hat schon angeklopft", meint Euler.

Zwei Meter Körpergröße, gepaart mit höchstens 95 Kilogramm, gute Hebel und eine athletische Figur. Alles optimale Voraussetzungen. Doch die Ausdauer ist der aktuell limitierende Faktor. "Daran arbeitet Paul seit zwei Jahren intensiv", sagt Euler und schreibt seinem Schützling dafür extra Ausdauerfahrten am Rennrad oder kleine Laufrunden in den Trainingsplan.

Erlangen als Standortvorteil

Aktuell genießt Burger das Hier und Jetzt. In Erlangen hat er sehr gute Trainingsbedingungen, der Main-Donau Kanal ist ein klarer Standortvorteil. "Hier können wir viele lange Einheiten von etwa 20 bis 22 Kilometern durchführen", sagt Burger. Auch Trainer Ingo Euler liebt Erlangen als Ruder-Mekka. Zwischen den beiden Schleusen sind es ungefähr sechs Kilometer, dafür brauchen die Athleten grob 30 Minuten. Eine Wende dauert fünf Minuten, dass ist aber aus trainingstechnischer Sicht ideal", sagt Euler.

Andere Sportler müssen auf einem See rudern, wo Wind und Wellen ganz anders existieren als am geschützten Kanal, auch die Orientierung gestaltet sich schwieriger. Oder auf der Regatta wie in München, wo aber auch deutlich häufiger gewendet wird. "Freilich, am Kanal wird es nebeneinander kuschelig, dafür ist er einfach zu schmal. Der Schiffsverkehr stört auch ab und an den Trainingsfluss. Doch grundsätzlich spreche ich mich immer wieder dafür aus, einen Stützpunkt in Erlangen zu überlegen", sagt Euler, für den die Vorteile klar überwiegen.

Dem Rudern erhalten bleiben

Unabhängig davon, was die sportliche Zukunft für Burger bereit hält, die Trainer-Lizenz im Rudern hat er natürlich nicht ohne Hintergedanken gemacht. Eine Alternative zur Leistungs-Karriere, die Trainer Euler freuen würde: "Paul wäre sicherlich als herzensguter Mensch ein hervorragender Trainer", sagt er. Auch Burger selbst könnte sich mit einem Trainerdasein identifizieren. Doch auch hier gilt für ihn: "Alles zu seiner Zeit".

Plötzlich bricht die Verbindung ab, als sich Burger wieder meldet, lacht er nur. "Tut mir leid, ich habe einen Prepaid-Vertrag und mein Guthaben ist scheinbar leer." Prepaid - in der heutigen Zeit eigentlich ein Relikt aus den Anfängen der Mobilfunkära. Das er sein Guthaben am Telefon vergisst, unterstreicht noch einmal den Eindruck, der aus dem Gespräch mit ihm klar wird: Bodenständigkeit und Gelassenheit. Beides Dinge, die Burger wohl niemals ablegen wird.

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