Als Trainer in Tokio

Peter Müller - der erste Olympionike aus Hausen

28.7.2021, 07:05 Uhr
Seit vergangenen Freitag in Tokio - für Peter Müller ist ein Lebenstraum mit 60 wahr geworden.

Seit vergangenen Freitag in Tokio - für Peter Müller ist ein Lebenstraum mit 60 wahr geworden. © privat, NN

Natürlich musste es bei Peter Müller etwas mit Sport werden – bei den Genen. Sein Vater Willi war der legendäre Vorsitzende der SpVgg Hausen, der 1971 die erfolgreichen Fußballdamenabteilung gründete – zwei Töchter kickten da mit. Peter Müller selbst spielte im Verein Fußball und Tischtennis, stand im Gründungsteam der Basketballer und schockte bei den Stadtmeisterschaften in Forchheim, wo er das Gymnasium besuchte, die dortigen Leichtathletikasse, wenn er ihnen ohne Spikes in den Sprints davon lief.

Nach dem Abitur war dann das Studium zum Diplom-Sportlehrer die logische Konsequenz – dass er dann bei dem Verein, bei dem er als junger Aushilfstrainer seine ersten Erfahrungen sammelte, 32 Jahre bleiben würde, hätte er „niemals gedacht“, wie er zugibt. „Zwei, drei Jahre wollte ich bei der Turnerschaft Herzogenaurach bleiben.“ Das erzählt er beim gemeinsamen Frühstück in einem Erlanger Café, wo der 60-Jährige, dem man sein Alter nicht ansieht (erst unlängst gewann er ohne spezielles Training die Bayerischen Meistertitel über 100 Meter und über die Hürden), auf drei spannende Jahrzehnte zurückblickt – aber nicht ganz ohne Zorn.

Die Vorgeschichte

Während er seine Diplomarbeit schreibt, findet Peter Müller einen Ferienjob bei Adidas. Da entdeckt er einen Aushang, auf dem zu lesen ist, dass die TS Herzogenaurach einen Übungsleiter für orthopädische Gymnastik sucht. Müller bewirbt sich beim damaligen Technischen Leiter Fritz Schwardt, wird genommen. Aus anfangs 20 Leuten in der Halle werden unter dem jungen Trainer bald 70, 80. Der kommt offenbar an, soll auch die Turnabteilung in Schwung bringen. „Das waren fünf Mädchen, denen ich erst einmal erklären musste, dass es Rolle vorwärts und nicht Purzelbaum heißt.“ Aber die seien recht ehrgeizig gewesen.

Anders als die Leichtathleten, die ihm als nächstes angedient wurden: „Sechs Hanseln, die sich einmal in der Woche zum Fußballspielen getroffen haben.“ Auch Tennisunterricht auf den TSH-Plätzen gab er. Dann war die Diplomarbeit fertig, Peter Müller hatte drei Angebote und teilte dem Verein mit, dass er ab 1. Juli 1990 nicht mehr zur Verfügung stünde. Dann folgte offenbar eine eiligst einberufene Vorstandssitzung, in der beschlossen wurde, den frischgebackenen Sportlehrer fest anzustellen.

Die Anfänge bei der TSH

Die Stellenbeschreibung für den neuen Mann lautete grob: Grundlagentraining halten, die Sparte Gesundheitssport ausbauen und neue Ideen einbringen, wie der Verein mehr Mitglieder gewinnen könne. Vorgesehen war auch, dass Peter Müller Konzepte nur anstoßen sollte, die dann von anderen fortgeführt werden sollten. Bei manchen gelang das, wie beim Familiensportfest, das sich zur Knaxiade entwickelte. „Aber einiges ging auch schief, so bald ich mich ausgeklinkt hatte“, erinnert sich Müller: „Die relativ neu gegründete Badmintonabteilung war von heute auf morgen verschwunden, nachdem die Abteilungsleiterin wegzog und schloss sich komplett dem ASV Niederndorf an. Und die Kinder-Skifreizeit schlief kurz nach dem Zeitpunkt ein, als Müller die Aufgaben einem anderen übertragen hatte.

Erste Erfolge

Gut voran ging es mit dem Ausbau des Kursprogramms, obwohl es laut Müller auch immer Kritiker gab, die gerne alles ehrenamtlich angeboten hätten. „Aber ich kann doch ausgebildete Trainer für spezielle Disziplinen nicht für umsonst verpflichten – die müssen doch davon leben“, wundert sich Müller. Aber im Vorstand habe man in der Mehrheit doch die Zeichen der Zeit erkannt. Bei den Wettkampfsportlern ging es auch voran, zuerst holten die Turnerinnen diverse Titel, dann zogen die Leichtathleten nach.

Nach und nach kamen die Fahrten zu Wettkämpfen zur regulären Arbeitszeit hinzu – und wurden immer häufiger. „Als ich das einmal einem Technischen Leiter erzählt habe, war der ganz baff, dass ich für ein durchgearbeitetes Wochenende nicht Montag und Dienstag frei bekommen habe“, erzählt Müller mit einem Schmunzeln.

Dem Trend auf der Spur

Immer neue Sportarten tauchten auf, manche Trends verschwanden schnell wieder in der Versenkung, das jahrelang gehypte Aerobic beispielsweise spielt kaum noch eine Rolle, hingegen ist die „orthopädische“ Gymnastik, die Peter Müller zu Beginn seiner Karriere anbot, immer noch ein Renner. „Allerdings habe ich sie in funktionelle Gymnastik umbenannt.“ Manche Dinge, die der Sportlehrer ins Programm aufnahm, kamen zwar bei den Sportlern gut an, aber waren zu aufwendig. Letzteres galt beispielsweise für die Akrobatik. „Das würde immer noch laufen, aber dafür reicht meine Arbeitszeit nicht, für Choreografien ging da unheimlich viel Zeit drauf“, versichert Müller. Und eine Erfindung wie das Quattro-Rackets-Turnier mit Tennis, Tischtennis, Squash und Badminton kostete nach Ansicht der Vereinsführung zu viel Arbeitszeit. Bleiben durften die Fun-Sport-Woche und der bayernweit beliebte Jedermann-Zehnkampf.

Die tollen Helfer

„Bei den ersten Sportfesten der TSH, da war ich gleichzeitig Organisator, Oberkampfrichter, Stadionsprecher, Coach der ganzen Mannschaft und selbst noch als Aktiver am Start“, erinnert sich Peter Müller amüsiert. Quasi die eierlegende Wollmilchsau. Das war natürlich auf die Dauer auch für den jungen Sportlehrer nicht zu stemmen. Da half ihm seine kommunikative Art: „Ich habe einfach die Eltern angesprochen und angebunden, ob sie nicht mithelfen wollen.“

Das funktionierte so gut, dass in vielen Fällen die „Kinder“ ihre Laufbahn längst beendet haben, Mutter und Vater aber als Wettkampfrichter oder Übungsleiter noch da sind. Bei der Leichtathletik beispielsweise die Familien Bauer und Schmidt, beim Turnen Gunda Schäfer. Kai Bauer, den Peter Müller schon als kleines Kind im Training hatte, und der dann später Rekordsieger im Zehnkampf war, ist inzwischen Abteilungsleiter der Leichtathleten.

Die Neider

So gut es mit den Sportlern und Übungsleitern klappt, wie Müller findet, so viel Frust erlebt der erste hauptberufliche Sportlehrer in einem Sportverein des Landkreises ERH im Verein. „Manchmal habe ich das Gefühl, ich arbeite 24/7 für den Verein, und von der Vereinsführung hört man nicht mal ein Dankeschön“, klagt er. Im Gegenteil: Es habe sogar Leute gegeben, die hinten herum beim Vorstand angefragt hätten, was er denn als Nationaltrainer von Mosambik verdiene. „Gar nichts“, versichert Müller, der den bettelarmen ostafrikanischen Verband seit vielen Jahren immer wieder mit Kursen für einheimische Trainer ehrenamtlich unterstützt. Und er musste sogar Urlaub nehmen, damit er in Tokio dabei sein kann. „Da hätte der Vorstand durchaus auch sagen können: Die beiden vertreten ja auch die Turnerschaft Herzogenaurach bei Olympia“, findet der 60-Jährige. Aber das Erlebnis will er sich nicht durch solche Begleiterscheinungen madig machen lassen.

Das positive Feedback

Freitagabend, wenn er nach dem Duschen nach der letzten Trainingseinheit „völlig erschlagen auf dem Sofa“ liegt, frage er sich schon manchmal, warum er sich diesen Job antue. Der sei nicht besonders gut bezahlt, an einer Schule würde er mehr verdienen und hätte geregelte Arbeitszeiten. Angebote habe es im Laufe der Jahre immer wieder gegeben. Aber dann entschied er sich jedes Mal für „seine“ Sportler: die Seniorin, die nach den Ferien erzählt, wie sehr sie die Gymnastikstunden vermisst hatte, die Turnerin, die sich über eine gelungene Kür freut oder dem ehemaligen Leichtathleten, der Peter Müller mitteilt, dass er ohne ihn im Berufsleben nie so weit gekommen wäre. Beim Sport habe er gelernt, dass man sich auch mal durch schwierige Situationen durchbeißen müsse. „Das sind die Momente, in denen ich weiß, dass ich den richtigen Beruf ergriffen habe“, sagt der Sportlehrer.

Der Glückstreffer

Und jetzt Olympia, als ein Allrounder, der in seinem Verein vor allem Gesundheits- und Breitensport voranbringen soll, der aber einfach nicht nein sagen kann, wenn ihm ein Talent über den Weg läuft. Zahlreiche Sportler der deutschen Spitzenklasse wie Katharina Schreck oder Florian Katzschmann hat er nach oben gebracht, Creve Machava flog ihm aber im wahrsten Sinne des Wortes zu. „Ich habe ihn bei einem Trainerkurs in Mosambik kennengelernt. Ein schneller, talentierter Junge mit einer allerdings katastrophalen Lauf- und Hürdentechnik.“

Als der Hürdenläufer dann ein Stipendium vom IOC bekam und sich eigentlich wider alle Vernunft gegen namhafte US-Colleges und für das bekannte Gesicht von Peter Müller entschied, war der erst gespalten: Es bedeutete viel Arbeit und das in einer Disziplin, die nicht einmal zum Programm von Peter Müllers Steckenpferd Zehnkampf zählt. „Da musste ich mich einlesen, wie damals beim Dreisprung mit Katharina“, gesteht er und fügt an: „Aber inzwischen glaube ich, ich weiß, was zu tun ist.“ Die Erfolge geben ihm recht: Creve qualifizierte sich für die Afrika-Spiele, wo er seine Bestzeit pulverisierte und schaffte die Qualifikation für Tokio.

Das Problem

Die Verletzung von Creve Machava (ein Muskelfaserriss im hinteren Oberschenkel) kam zur Unzeit. „Er kann sich jetzt wieder voll belasten, aber vermutlich kommt es zu spät für ein gutes Ergebnis“, befürchtet Peter Müller. Es wäre für ihn schon eine Sensation, falls sein Schützling den Vorlauf (am Freitag, ab 3.55 Uhr) überstehen würde. In der Corona-Zeit habe sich der 25-Jährige phasenweise etwas gehen lassen, doch nach einem Donnerwetter des Trainers sei er wieder in die Spur gekommen und habe gut trainiert. „Ich habe ihm klar gemacht, dass es um seine Existenz geht“, so Müller. Dann sei leider die Verletzung gekommen, und er sei nicht ansatzweise an seine eigenen Bestmarken herangekommen. Noch sei Machava aber jung genug, um auch Olympia 2024 anzupeilen. Müller. „Das Potential hat er, hoffentlich haben seine Geldgeber auch die Geduld.“

Der Lebenstraum

„Für einen Sportler ist es das Größte, wenn er einmal bei Olympia war – egal ob als Aktiver oder als Trainer“, schwärmt Peter Müller. Da sei es jetzt egal, wie gut Creve Machava abschneide. Einfach die Atmosphäre aufsaugen und genießen. „Ich bin mir sicher, dass mein Vater im Moment sehr stolz auf mich wäre.

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