Sexueller Missbrauch im Sport: Wie lässt er sich verhindern?

Dominik Mayer
Dominik Mayer

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28.3.2021, 08:05 Uhr
Bohrende Blicke in der Kabine? Sportvereine können auch zu Tatorten für sexuellen Missbrauch werden.

Bohrende Blicke in der Kabine? Sportvereine können auch zu Tatorten für sexuellen Missbrauch werden. © Foto: Michael Matejka

Oft sind es die, von denen man es am wenigsten glaubt. Sie sind beliebt, anerkannt, engagiert. Aber sie sind auch Täter. Immer wieder kommt es in Sportvereinen zu Fällen sexualisierter Gewalt. Ein Phänomen, das ganz verschiedene Handlungen und Tatbestände umfasst. Anzügliche Bemerkungen in der Kabine, zum Beispiel, oder zweideutige Textnachrichten über Whatsapp. Manchmal aber auch unangebrachte Berührungen am Po, im Schritt oder an den Brüsten. Bis hin zur vollendeten Vergewaltigung reicht das Spektrum.


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In der Regel haben die Täter vorher einen stabilen, engen Kontakt zu ihrem Opfer aufgebaut. Sie machen sich um die sportliche Entwicklung "ihres" Athleten verdient, organisieren Ausflüge, ernten für ihr Engagement in der Kinder- und Jugendarbeit lobende Worte von der Vereinsführung. Markus Hoga spricht in diesem Zusammenhang von einem "System doppelter Buchführung" seitens der Täter. Hoga ist Polizist, Psychologe und Experte für operative Fallanalyse bei der bayerischen Polizei in München.

Er war auch an der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle beim Yacht-Club Ansbach-Gunzenhausen beteiligt. "Nach außen gibt sich der Täter fürsorglich und engagiert, macht sich durch langjährige Tätigkeit unverzichtbar", erklärt er das typische Muster. Die Kinder und Jugendlichen lockt er derweil mit Belohnungen, schafft Vertrauen und eine verschworene Gemeinschaft.

Missbrauch ist kein Einzelfall

Wie häufig Fälle sexualisierter Gewalt im Freizeit- und Breitensport sind, lässt sich nicht präzise sagen. Entsprechende Untersuchungen fehlen. Doch eine Umfrage, die der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) im Jahr 2016 im Rahmen eines Forschungsprojekts unter 1799 Kaderathleten durchführen ließ, macht deutlich, dass es sich nicht nur um Einzelfälle handelt. Ein Drittel der Befragten erklärte, im Laufe ihres Sportlerlebens eine Form sexualisierter Gewalt erfahren zu haben. Mehr als zwei Drittel der Betroffenen waren bei ihrer ersten Gewalterfahrung jünger als 18 Jahre alt.

Nach dem Bekanntwerden von Missbrauchsfällen stellt sich regelmäßig die Frage, wie die Taten so lange im Verborgenen bleiben konnten. Den Fachmann überrascht das allerdings nicht. "Die Kontrolle der Opfer ist eigentlich ein Feld, das für den Täter sehr effektiv zu steuern ist", sagt Fallanalytiker Hoga. Mit dem oben beschriebenen System aus Vertrauen, Belohnungen und vorbildlicher Außendarstellung "klappt das leider Gottes sehr, sehr gut". Gerade bei Jugendlichen handele es sich um eine leicht manipulierbare Opfergruppe. Sie wollen dazugehören und streben nach Selbstständigkeit.


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Gleichzeitig ist es selbst für Eltern und enge Vertraute oft kaum zu erkennen, wenn Pubertierende sexuell missbraucht werden. Weil Stimmungsschwankungen und schwer erklärbares Verhalten eben ganz normaler Bestandteil des Heranwachsens sind. Eltern empfiehlt Hoga daher, ihr Kind schon früh zu einem selbstbewussten Menschen zu erziehen. "Das Kind soll wissen, dass es nein sagen darf und dass sein Körper ihm gehört". Außerdem gehe es darum, mit den eigenen Kindern eine offene und angenehme Gesprächsatmosphäre zu pflegen. Damit diese nicht aus Scham schweigen, sollten sie einmal Opfer werden.

Prävention durch Transparenz

Für Vereine ist es aus Sicht Hogas unterdessen wichtig, für möglichst viel Transparenz zu sorgen: "Statt die Jugendarbeit in die Hände nur eines Verantwortlichen zu legen, ist es sinnvoll ein Vier-Augen-Prinzip einzuführen." So entsteht wechselseitige Kontrolle und potenzielle Täter haben es schwerer.


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Wenn personell möglich, rät der Psychologe außerdem dazu, immer wieder neue Personen in die Jugendarbeit einzubinden. Das verhindert jahrelange Abhängigkeitsverhältnisse, etwa zwischen jungen Sportlern und einem Trainer. Um sich zu vergewissern, dass Personen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten sollen, nicht bereits einschlägig vorbestraft sind, können Vereine sich ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen lassen. Ansonsten gilt: Je mehr Transparenz herrscht, desto schwieriger wird es für den Täter. Dabei helfen manchmal schon kleine Maßnahmen. Wie etwa, die Türe bei einem vertraulichen Gespräch zwischen Trainer und jugendlichem Sportler offen zu lassen.


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Als sinnvoll erachtet es Hoga auch, einen Präventionsbeauftragten innerhalb des Vereins zu benennen, der als Anlaufstelle dient. Denn je mehr Sensibilität es für das Thema gibt, je mehr Menschen einen kritischen Blick auf die Jugendarbeit werfen, desto kleiner wird der Raum für die Täter und ihre Machenschaften.

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