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Spieler, Manager und Präsident: Uli Hoeneß tritt ab

Nach 49 Jahren im Fußball zieht sich der Bayern-Boss zurück - 15.11.2019 12:04 Uhr

Münchener Freiheit: Die Jugendfreunde Uli Hoeneß und Paul Breitner (rechts) posieren 1973 für die Fotografen. © Foto: Istvan Bajzat/dpa


An vermeintlichen Rettern mangelt es nicht in der Vereinsgeschichte des 1.FC Nürnberg. Der Club bedurfte ständig einer Rettung, es fehlt seit einem halben Jahrhundert an Geld und Toren. Aber dieser Retter war ein besonderer, blond gelockt, angriffslustig, ein deutscher Fußball-Held, nicht nur vom Boulevard gefeiert als "Jung-Siegfried" – und jetzt der Schwanenritter, der diesen Club endlich doch erlöst vom Fluch des Auf- und Absteigens.

Zu viel Drama? "Wie eine Bombe", notiert die Chronik, schlug die während der Jahreshauptversammlung am 30. Oktober 1978 bekannt gegebene Nachricht ein, die Mitglieder quittierten sie mit minutenlangem Beifall. Ein leibhaftiger Weltmeister, der erste seit der Vereins-Ikone Max Morlock, würde dem 1.FC Nürnberg im Abstiegskampf helfen – und dabei ging es ausnahmsweise noch nicht einmal um Geld.

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Bayern-Boss und Club-Freund: Uli Hoeneß tritt ab

Spieler, Manager, Präsident - ohne Uli Hoeneß ist der FC Bayern München eigentlich undenkbar. Auch zu Nürnberg hat Hoeneß eine ganz besondere Beziehung. Jetzt tritt der große Patriarch ab. Seine Ausnahme-Karriere in Bildern.


Für ein Brutto-Monatsgehalt von 5000 D-Mark spielte Uli Hoeneß für den Club, leihweise, weil der FC Bayern München keine Verwendung mehr sah für den zuvor am Knie operierten Stürmer. Sie wollten es allen Zweiflern beweisen, Hoeneß und ein 1.FC Nürnberg, der damals noch fast doppelt so viele Meistertitel auf den Vereinswimpeln stehen hatte wie der südliche Nachbar, und schon mit Hoeneß’ erstem Auftritt war dessen Gehalt hereingespielt: Über 56.000 Zuschauer, so viele wie seit Jahren nicht mehr, kamen zum Heimspiel gegen Schalke 04, sie feierten Uli Hoeneß in Sprechchören.

Euphorie trug nicht einmal bis Weihnachten

Wie die romantische Geschichte ausgehen würde, ahnte man da schon. Der Club verlor mit 0:2, die Euphorie trug nicht einmal bis Weihnachten. Uli Hoeneß, Welt- und Europameister, dreimal Gewinner des europäischen Meisterpokals, bestritt nur noch zehn weitere Spiele, alles endete trostlos – und ist weitgehend vergessen, weil der Fußballprofi Hoeneß in einer Zeit spielte, aus der es mehr Schwarzweiß- als Farbfotos gibt. Und weil der Fußballer Hoeneß heute verschwunden ist hinter dem Mann, der als Uli Hoeneß gar keine Amtsbeschreibung mehr brauchte.

Erste Fußball-Manager gab es damals schon, es waren alte, Pfeife rauchende Männer, ehrenwerte Kaufleute wie Helmut Grashoff, den Borussia Mönchengladbachs Präsident Helmut Beyer beim Skatspiel dazu überredete, die Aufgabe zunächst ehrenamtlich zu übernehmen. Beim FC Bayern tat das der Spielausschuss-Vorsitzende Robert Schwan als Mentor von Franz Beckenbauer.

Was Uli Hoeneß tun sollte, war etwas vollkommen anderes, und wer sich viel später mit Michael A. Roth unterhielt, konnte über dessen Frage nachdenken: Was wohl passiert wäre, hätte damals der 1.FC Nürnberg den scheidenden Fußballer Uli Hoeneß zum Manager gemacht? Roth war der Präsident des Clubs, als Hoeneß’ Profikarriere am 20. März 1979 mit einem 1:2 in Bochum endete.

Erste große Ära hinter sich

Hätte der 1.FC Nürnberg seither 24 Meisterschaften gewonnen, 14 DFB-Pokale und zweimal die Champions League? Das ist die Bilanz des Managers und Präsidenten Hoeneß beim FC Bayern, bei dem der abgebrochene Lehramts-Student für Anglistik und Geschichte am 1. Mai 1979 im Alter von 27 Jahren als jüngster Manager der Bundesliga antrat. Millionen-Umsätze machte Hoeneß seither tatsächlich zwar auch in Nürnberg, mit seiner Bratwurstfabrik, beim FC Bayern aber stieß er in ganz andere Dimensionen vor – obwohl die Voraussetzungen in München damals nicht viel besser waren als in Nürnberg.


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Der FC Bayern, 1978 auf Platz zwölf eingetroffen, hatte seine erste große Ära hinter sich, einem Jahresumsatz von zwölf Millionen D-Mark standen Schulden in Höhe von sieben Millionen D-Mark gegenüber, der Steuerberater brachte gegenüber dem Stadtsteueramt die "Auflösung des Vereins" ins Spiel. Beckenbauer war nach New York geflüchtet, das OIympiastadion war meistens nicht einmal zur Hälfte gefüllt.

Zuletzt vermeldete die FC Bayern AG einen Umsatz von 750,4 Millionen Euro, aus dem Giesinger Stadtteil-Klub wurde ein Global Player, seit 49 Jahren begleitet, geprägt und angetrieben von Uli Hoeneß, dem Metzgersohn aus Ulm, der sich 1970, im Alter von 18 Jahren, dem FC Bayern anschloss; die ersten Bilder zeigen ihn in der gemeinsam mit Paul Breitner bezogenen Wohnung in Trudering. An der Wand hing ein großes Poster von Che Guevara.

Absturz eines Privatjets überlebt

Elf Bundesligaspiele, kein Tor: Uli Hoeneß im Trikot des 1.FC Nürnberg. © Foto: Christof Stache/afp


Es war weniger Politik denn Lust an Provokation, aber es waren die Freigeister Hoeneß und Breitner, die den FC Bayern in die Moderne führten. Noch als Schüler bestritten sie ihre erste Bundesliga-Saison, fürs Abitur pendelte Hoeneß nach Ulm und hielt nebenbei die Schülerzeitung am Leben, indem er massenhaft Anzeigenkunden anwarb. Nach der Ära Beckenbauer waren es der Manager Hoeneß und der Kapitän Breitner, die den FC Bayern in seiner heutigen Form aufbauten. Ein von Breitner und seinem fußballerischen Kongenius Karl-Heinz Rummenigge angeführter Aufstand gegen Präsident Wilhelm Neudecker führte zum Rücktritt des autoritären Maurerpoliers, der von Neudecker installierte Zuchtmeister Max Merkel durfte das Traineramt nicht antreten, der feinsinnige Ungar Pal Csernai führte Bayern 1980 zum ersten Meistertitel seit sechs Jahren – nie wieder sollte es nur annähernd so lange dauern.

Mit Hoeneß, Breitner und Rummenigge wuchs der FC Bayern rasant, das Gesicht dazu war das immer wieder zornesrote von Uli Hoeneß, der im Februar 1982 als einziger von drei Insassen den Absturz eines Privatjets nahe Hannover überlebte. Er machte keinen Tag Pause, die Lust an der Provokation sollte er nie ablegen, er brauchte sie für einen Kampf, den er schon deshalb nicht gewinnen konnte, weil er ihn (auch) mit sich selbst führte. Der Mensch Uli rang mit dem Geschäftsmann Hoeneß, es ist wohl der Kampf seines Lebens.


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Mit dem wachsenden wirtschaftlichen Erfolg des FC Bayern wurde er als Scheckbuch-Täter geschmäht und gehasst dafür, dass er die besten Spieler der Liga kaufen konnte. Seine Feinde triumphierten, als 2003 ein Geheimvertrag mit der Kirch-Mediengruppe aufflog – gegen das in München zähneknirschend akzeptierte Solidaritätsprinzip der Bundesliga. Dem von Politik und Wirtschaft als Vordenker hofierten Saubermann Hoeneß, der das auf Pump gebaute Milliardenspiel der europäischen Konkurrenz und ihrer Dunkelmänner aus der Großfinanz so lustvoll geißelt, blieb ein erster schwerer Image-Schaden. Aber es ist sicher kein Zufall, dass man Hoeneß fast nie mit Krawatte sieht. Er trägt Fan-Schals – oder Mützchen, die ihm Nonnen gestrickt haben. Hoeneß verzichtet vollkommen auf die Insignien der Geld-Menschen, er redet nicht im Imponiergehabe der neuen Märkte, bis heute kommuniziert er per Fax.

Den Vips, den Krawatten-Heinis mit ihren Gucci-Weibchen, hat er in einem legendären Anflug heiligen Zorns einmal gesagt, ziehe man doch bloß das Geld aus den Taschen, um auch dem kleinen Mann für ein paar Euro den FC Bayern zu bieten. Beim FC St. Pauli haben sie Hoeneß einst mit Geldmünzen beworfen und zum "Klassenkampf" aufgefordert, das Proletariat gegen die Bonzen. Als die Che Guevaras vom Kiez pleite waren, kam der FC Bayern zur Rettung.

Geschäftemacher und Fußball-Romantiker

Hoeneß ist der einzige Top-Manager, den man öfter öffentlich weinen sah, wie beim Finale der Champions League 2001 in Mailand, als Bayern nach einem Vierteljahrhundert wieder den europäischen Meistercup gewann; er ist auch der einzige Top-Manager, der öffentlich Bratwürste isst. Die Bratwurstfabrik fehlt in keiner Würdigung seiner Vita – als die natürlichste Verbindung der Welt: der Fußball und die Bratwurst, aus jener Zeit vor den Vip-Logen, als der Fußball noch ganz den Menschen mit einem Herz für das Spiel gehörte, nicht den Investoren. Es sind, auch, die Bilder vom Kampf zwischen dem Geschäftemacher und Fußball-Romantiker, der an alten Idealen hängt – in der Ahnung, dass sie bloß mit dem Kommerz, nicht dagegen bestehen können.

Fußball und Bratwurst, die natürlichste Verbindung der (Hoeneß’schen) Welt. © Foto: Christof Stache/afp


Darüber wurde Bayern München der beliebteste Verein im Land – und der unbeliebteste, Uli Hoeneß erging es ähnlich. Wer wollte, konnte den wiederholt für sein meistens geräuschlos gelebtes soziales Engagement ausgezeichneten Hoeneß auch dafür hassen – und das Gönnerhafte herausstreichen, die Zufriedenheit mit dem eigenen Handeln, die vielleicht jeder Mensch empfindet, wenn er etwas Gutes tut.

Als sich am 2. Juni 2014 die Gefängnistore von Landsberg am Lech hinter Uli Hoeneß schlossen, hatte er die Orientierung zwischen dem Menschen Uli und dem Geldmenschen Hoeneß verloren, das Münchner Landgericht hatte Hoeneß der Steuerhinterziehung in Höhe von 28,5 Millionen Euro, Gewinne aus Devisengeschäften, für schuldig befunden und zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und sechs Monaten verurteilt.

Jetzt war es ein Drama, eines Wagner’scher Dimension, Jung-Siegfried, abgestürzt beim gierigen Griff nach dem goldenen Ring des Nibelungen. Hoeneß sprach vom Fehler seines Lebens und verzichtete auf eine Revision. Als Sträfling war er erstmals in seinem Leben Privatmann, er habe in der Zelle "geweint wie ein Kind", erzählte er später. Hoeneß gab sich bußfertig – und selbstgerecht, beleidigt, angriffslustig, oft alles fast gleichzeitig. Vielleicht musste er noch mehr Hoeneß sein, um auch diesen zweiten Flugzeugabsturz zu überleben. "Das war’s noch nicht", rief er den Bayern-Mitgliedern zu, es wird der Satz seines Lebens bleiben.

 "Der Fußball macht gerade vieles, was ihn kaputtmachen müsste"

Der Kampf geht weiter, so konnte das klingen, als Che Guevara, als Dr. Jekyll, als Mr. Hyde, als Siegfried und Hagen, als der ganze Hoeneß. Nach seiner vorzeitigen Haftentlassung zurückgekehrt ins 2009 übernommene Fußball-Präsidentenamt, wirkte es manchmal, als wolle er alle Widersprüche über immer größere Kraftproben auflösen. Mit dem Lebensfreund Paul Breitner überwarf er sich, als sich dieser öffentlich wunderte über jene groteske Pressekonferenz, zu der die Bayern Medien einluden, um sie zu beschimpfen.

Heiliger Furor: Uli Hoeneß in seiner markantesten Pose. © Foto: Christof Stache/afp


Und mit dem jahrzehntelangen Wegbegleiter Karl-Heinz Rummenigge bildete er ein Führungsduo, das für den Zwiespalt in Hoeneß selbst stehen könnte. Hier der Vorstandsvorsitzende der Bayern AG, der sich weltläufig gebärdende Rummenigge, der über die internationalen Märkte spricht und den man noch nie mit einer Bratwurstsemmel gesehen hat. Dort Hoeneß, Präsident des eingetragenen Vereins, der die Bayern-Familie pflegt – wie in all den Jahren, als Fußballer bei ihm, beim Menschen Uli, zu Hause am Tegernsee übernachteten, wenn sie traurig waren.

Uli Hoeneß, 67 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder, vier Enkel, wird am heutigen Freitag als Präsident zurücktreten. "Der Fußball macht gerade vieles, was ihn kaputtmachen müsste", hat er jetzt gesagt, "aber das Interesse ist ungebrochen, das beruhigt mich." Es klingt wie eine Lebensbilanz, zu beiden Entwicklungen hat Hoeneß maßgeblich beigetragen – und dabei oft ausgesehen, als kämpfe er gegen Geister, die er zu rufen half (und die ihn in die Gefängniszelle führten). Ganz zu Ende ist dieser Kampf nicht. Seinen Platz im Aufsichtsrat der FC Bayern AG behält Uli Hoeneß.

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