Ein Grund für 77 Gegentore?

17 Abwehrreihen in 32 Spielen: In Fürth ist die größte Konstanz die Inkonstanz

Michael Fischer, Sportredakteur
Michael Fischer

Nürnberger Nachrichten

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4.5.2022, 09:17 Uhr
Sebastian Griesbeck (Mitte) wurde erst durch die vielen Ausfälle zum Innenverteidiger und ist auf dieser Position einer der besten und konstantesten Fürther Spieler.
 

© Sportfoto Zink / Melanie Zink, Sportfoto Zink / Melanie Zink Sebastian Griesbeck (Mitte) wurde erst durch die vielen Ausfälle zum Innenverteidiger und ist auf dieser Position einer der besten und konstantesten Fürther Spieler.  

Vor der malerischen Bergkulisse konnte man erahnen, was das Kleeblatt vorhat. Während die Sonne über dem Wildkogel strahlte, sah man unten im Tal einen künftigen Bundesligisten trainieren. Immer wieder übte Co-Trainer Andre Mijatovic während des Trainingslagers in Österreich mit seinen Defensivspielern das Verschieben in und Herausrücken aus einer Fünferkette - warum, sah man einige Wochen später beim ersten Auswärtsspiel der Saison in Stuttgart.

Dort stellte das Trainerteam, das im Aufstiegsjahr fast immer auf vier Verteidiger gesetzt hatte, fünf auf - die aber die 1:5-Niederlage einer insgesamt sehr überforderten Mannschaft auch nicht verhindern konnten. Dennoch sollte die Fünferkette in dieser Saison helfen, die Abstände innerhalb des Abwehrverbunds zu verringern und eine Alternative zum 4-4-2 mit Mittelfeldraute sein.

Wie gut auch ein abgeschlagener Tabellenletzter mit dieser defensiven Anordnung verteidigen kann, zeigt die Schlussphase dieser Saison. In drei der letzten sechs Spiele hat das Kleeblatt kein Gegentor kassiert und sich hinten insgesamt sehr stabilisiert. Wie gut ihm das Verteidigen seiner Mannschaft gefällt, hat der scheidende Trainer Stefan Leitl zuletzt immer wieder betont - und durchblicken lassen, dass er gerne häufiger mit Fünferkette gespielt hätte.

Das war allerdings über weite Strecken der Saison nicht möglich, weil ihm dafür schlichtweg das Personal fehlte. Vor dem ersten Heimspiel gegen Bielefeld verletzte sich Gideon Jung schwer am Knie und konnte bis jetzt keine wirkliche Hilfe sein. Also probierte es Leitl zwei Spiele lang mit einer Viererkette aus Marco Meyerhöfer, Maximilian Bauer, Justin Hoogma und Luca Itter, wechselte Itter nach einer schwachen ersten Hälfte beim 0:3 in Mainz allerdings zur Pause aus - und setzte Hoogma nach einem bitteren Nachmittag erstmal ein paar Wochen zum Nachdenken auf die Tribüne.

Jung verletzt, Hoogma überfordert: Schon nach drei Spielen waren dem Kleeblatt zwei vermeintliche Stützen für die Defensive weggebrochen. Auf den letzten Drücker verpflichtete Geschäftsführer Rachid Azzouzi mit Nick Viergever einen erfahrenen Abwehrchef und mit Jetro Willems einen linken Verteidiger, die am vierten Spieltag gegen Wolfsburg auch direkt starten durften.

Vier Spiele lang verteidigte immer dieselbe Kette, ehe das Pech wieder zurückkam. Erst musste Maximilian Bauer ein Spiel aussetzen, dann infizierte er sich mit dem Coronavirus - und dann verletzte sich der zuvor so solide Viergever in Freiburg schwerer als zunächst angenommen. Von fünf Innenverteidigern war im Oktober 2021 mit Abdourahmane Barry nur noch einer übrig, dem man aber offenbar nicht zutraute, in der Bundesliga zu spielen.

Also verteidigten mit Hans Sarpei und Sebastian Griesbeck mal zwei Mittelfeldspieler in der Mitte, dann wieder ein Sechser gemeinsam mit Bauer und auch auf rechts probierte Leitl immer wieder Dinge aus. Konstanz war in diesen Tagen ein Fremdwort, was zu entsprechenden Ergebnissen führte: 0:4. 3:6. 1:7.

Erst nach der Winterpause kam personelle Stabilität in die Abwehr, die auch für spielerische Stabilität sorgte. Mehr als vier Spiele lang verteidigte aber nie dieselbe Viererkette, ehe das Trainerteam nach dem 1:6 gegen Leipzig doch wieder auf die Fünferkette setzte. Diese hat in sechs Spielen nur sieben Gegentore zugelassen - auch wenn die Besetzung fast immer wechselte und nur in den letzten beiden Partien dieselben fünf Spieler aufliefen.

In 32 Spielen hat das Kleeblatt mit insgesamt 17 unterschiedlichen Abwehrreihen (in der Startelf) gespielt - und wird auch am Samstag, beim ausverkauften Spiel gegen Dortmund, wegen Willems' Gelbsperre wieder umbauen müssen. Die einzige Konstanz in dieser Saison war und ist also die Inkonstanz.

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