Jubiläum am Samstag

Drei Jahre als Trainer beim Kleeblatt: Stefan Leitl im großen Interview

Michael Fischer, Sportredakteur
Michael Fischer

Nürnberger Nachrichten

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6.2.2022, 06:00 Uhr
Stolzer Aufstiegstrainer: Stefan Leitl im August 2021 bei der Saisoneröffnung des Kleeblatts.

© Sportfoto Zink / Wolfgang Zink, NN Stolzer Aufstiegstrainer: Stefan Leitl im August 2021 bei der Saisoneröffnung des Kleeblatts.

Herr Leitl, haben Sie sich den 19. Juni 2022 schon im Kalender markiert?

Stefan Leitl: Nein. Wieso?

An diesem Tag würden Sie Benno Möhlmann überholen und wären mit 1230 Tagen Rekordtrainer der Spielvereinigung seit dem Zweitliga-Aufstieg 1997.

Leitl: Das ist schön zu hören. Ich kann das nur immer wieder betonen: Es ist in dieser Branche sehr ungewöhnlich, dass man so lange bei einem Verein sein darf. Ich fühle mich sehr wohl in Fürth - und so ein Rekord ist dann natürlich ein Ziel.

Ein solches Jubiläum bedeutet Ihnen also durchaus etwas.

Leitl: Ich bin einfach froh, dass ich schon so lange bei der Spielvereinigung sein darf. Wenn man sich mit Werten auseinandersetzt, diese Werte mit denen des Vereins übereinstimmen und dann noch der sportliche Erfolg dazukommt, dann passiert so etwas, wie wir es in Fürth erleben.

Lassen Sie uns mal ein bisschen zurückschauen. Sie wurden im September 2018 in Ingolstadt entlassen, die „Süddeutsche“ titelte damals: „Der Architekt geht“. Wie ist der Architekt denn mit der Situation umgegangen? Sie hatten ja noch nicht so viel Berufserfahrung.

Leitl: Berufserfahrung ist relativ. Ich bin ja nicht sofort nach meinem Karriereende bei den Profis Trainer geworden, sondern habe eine Ausbildung genossen, über die ich auch sehr froh bin. Als ich dann die Profis übernommen habe, war ich schon vier Jahre Trainer. Es war natürlich eine große Enttäuschung, weil ich sehr lange im Verein war und mit der Neuausrichtung erst begonnen hatte. Der Rest ist ja bekannt.

Das Kleeblatt meldete sich. Wie läuft sowas ab? Sie sitzen daheim auf dem Sofa und dann ruft Rachid Azzouzi an?

Leitl: Ich war gerade ein bisschen kicken und wurde dann zuhause von meiner Agentur informiert, dass sich die Spielvereinigung mit mir und Andre (Mijatovic) treffen möchte, um sich auszutauschen. Dieses Treffen verlief sehr gut, alle Beteiligten kannten sich ja schon. Es war ein sehr konstruktives und homogenes Gespräch und für uns war schon auf dem Nachhauseweg klar, dass wir das machen wollen.

Mussten Sie daheim noch Überzeugungsarbeit leisten? Ihre Frau war ja sicher froh, dass Sie sich auch mal um die Wäsche kümmern konnten...

Leitl: (lacht) Ich glaube, Sie war froh, als ich wieder weg war. Es ist ja schon eine Umstellung für eine Familie, weil man als Profi und später als Trainer nur selten zuhause ist. Insofern war sie glücklich, dass die Reise weiterging.

Und sicher auch, dass die Reise nur knapp 180 Kilometer über die A9 nach Fürth ging und nicht 800 nach Hamburg.

Leitl: Definitiv. Familie ist sehr wichtig für mich. Wenn man dann den Schritt geht, zum ersten Mal getrennt von der Familie zu sein, ist diese kurze Distanz ein Luxus für uns. Sollte zuhause mal etwas sein, bin ich in zwei Stunden da.

Hat dieser Luxus bei der Entscheidung fürs Kleeblatt eine Rolle gespielt?

Leitl: Nein, überhaupt nicht. Ehrlich gesagt hatten Andre und ich uns schon einen Zukunftsplan überlegt, wir wollten hospitieren und wieder mehr in die Stadien gehen. Dann kam der Anruf. Im Gespräch mit Rachid Azzouzi, Martin Meichelbeck und Holger Schwiewagner waren wir uns damals sehr schnell einig, wie wir gewisse Dinge sehen, wir waren uns einig darin, wie wir die Mannschaft beurteilen. Es war insgesamt alles sehr vertrauensvoll.

Wer war danach denn der erste Spieler, mit dem Sie gesprochen haben?

Leitl: Das waren die beiden Kapitäne Marco Caligiuri und Sascha Burchert. Einfach um reinzuhören, wie es in der Mannschaft aussieht, welche Strukturen es gibt.

Identifiziert man als Trainer auf dem Trainingsplatz sofort, welche Spieler die prägenden in einer Gemeinschaft sind?

Leitl: Ich kannte die Mannschaft ja sehr gut. In meiner ersten Saison in Ingolstadt hatten wir drei Spiele gegen Fürth. Daher wusste ich natürlich, wie ein Großteil der Spieler tickt. Deshalb war der Einstieg relativ einfach für mich.

Haben Sie ihre Spieler dahingehend erzogen, dass Sie auch mal den Mund aufmachen? Es kam ja in der Vergangenheit immer wieder vor, dass Spieler in der Kabine das Wort ergriffen haben.

Leitl: Wir haben von Beginn an eingefordert, dass die Spieler selbständig werden und Verantwortung übernehmen. Ich glaube, dass Spieler in solche Rollen aufgrund ihres Alters, ihrer Stärke und der Hierarchie innerhalb der Mannschaft hineinwachsen. Es ist gut, wenn sich aus der Kabine heraus etwas entwickelt und der Trainer nicht immer dabei ist. Wir haben da eine offene und ehrliche Kommunikation.

Diese "ehrliche Kommunikation" haben Sie schon öfter angesprochen. Wann ist Kommunikation denn ehrlich? Wenn man dem Spieler auch direkt sagt, dass er schlecht gespielt hat?

Leitl: Genau das. Es gehört für mich dazu, dass man offen über eine Entwicklung und den Leistungsstand spricht, dass man ehrlich ist, ob jemand gut gespielt hat oder nicht. Ich glaube, dass die Jungs damit im ersten Moment Probleme haben, es auf Dauer aber der richtige Weg ist.

Sie sprechen ja auch über den Fußball hinaus sehr viel mit Ihren Spielern. Branimir Hrgota hat mal erzählt, dass er Sie gefragt hat, was er denn als Vater so alles beachten muss. Wo ziehen Sie da die Grenze? Sie sind ja immer noch deren Vorgesetzter. Oder wollen Sie lieber Freund als Chef sein?

Leitl: Ich glaube, dass beides möglich ist. Es muss eine Vertrauensbasis gegeben sein. Meine Tür ist immer offen für meine Jungs - und wenn das Vertrauen so groß ist, dass man über private Dinge sprechen möchte, stehe ich dafür gerne zur Verfügung. Das wird niemandem negativ ausgelegt. Ich will einfach für meine Jungs da sein. Die Kommunikation und der Umgang haben sich sehr gewandelt. Die Spieler sind offener, sie wollen diese Gespräche führen.

Muss man als moderner Trainer sogar genau so sein wie Sie, weil die neue Spielergeneration das auch erwartet?

Leitl: Ich denke schon. Das ist für mich aber keine große Hürde. Ich bin Familienvater und habe drei Kinder im Teenager-Alter, ich habe im NLZ gearbeitet und weiß daher, wie diese Generation tickt und was sie braucht, was sie vielleicht nicht braucht. Das kann durchaus ein Vorteil in der Kommunikation sein.

Was ist denn der größte Unterschied zwischen Ihrer und der heutigen Spielergeneration?

Leitl: Die Distanz ist deutlich geringer, früher wurde auch viel mit Angst und Druck gearbeitet. Ich hatte als Spieler viele Trainer, die eine große Distanz zur Mannschaft hatten. Das war oft nicht erfolgreich. Dafür hatte ich mit Trainern, die einem auf Augenhöhe begegnet sind, sehr viel Erfolg. Ich habe mir immer vorgenommen, dass ich so als Trainer auch mal sein will.

Sie haben mal vom ehemaligen Mainzer Trainer Wolfgang Frank geschwärmt, unter dem Sie einst in Unterhaching gespielt haben. Auch Benno Möhlmann hat Sie in Ihrer Entwicklung sehr geprägt. Waren das die zwei besten Trainer Ihrer fußballerischen Laufbahn?

Leitl: Ich hatte sehr viele gute Trainer. Es würde nicht jedem gerecht, nur diese zwei Namen hervorzuheben. Die beiden waren aber schon sehr prägend für mich. Ich war immer ein Spieler, der sich die Dinge, die er gut fand, aufgeschrieben hat, gerade Trainingseinheiten und Ansprachen - aber eben auch die Sachen, die ich nicht gut fand. Teilweise noch direkt in der Kabine, damit ich sie nicht vergesse.

Und all diese Dinge stehen jetzt in einem kleinen Büchlein, das auf einem Münchner Dachboden liegt und verstaubt?

Leitl: Die Bücher sind mittlerweile voll digitalisiert. (lacht) Ich schreibe zwar immer noch sehr gerne und benutzte auch gerne Stift und Papier, aber ich habe meinen Laptop, auf dem viele Sachen aus der damaligen Zeit gespeichert sind.


Die Rekordtrainer des Kleeblatts (seit 1997)

  • Platz 1: Benno Möhlmann (17.02.2004 - 30.06.2007 / 1229 Tage)
  • Platz 2: Mike Büskens (28.12.2009 - 20.02.2013 / 1150 Tage)
  • Platz 3: Benno Möhlmann (15.10.1997 - 21.10.2000 / 1102 Tage)
  • Platz 4: Stefan Leitl (05.02.2019 - 05.02.2022 / 1096 Tage)
  • Platz 5: Eugen Hach (30.10.2001 - 05.11.2003 / 736 Tage)

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