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Totentanz statt Fußball-Gaudi: Ultras unterstützen Protest

Club-Gruppierung positioniert sich gegen das Profi-Comeback - 14.05.2020 12:35 Uhr

Ausgeschlossen, aber auch kein Interesse: Die Club-Ultras sind gegen die Fortsetzung des Liga-Betriebs in Form von Geisterspielen. © Sportfoto Zink / JüRa


Pappkameraden als Fake-Fans und einsame Banner auf den Tribünen, halbherziger Jubel vor dem Fernseher - richtig Fußball ist das nicht! Für die Anhänger beginnt am Samstag die triste Zeit der Geisterspiele. Eingefleischte Fans können sich mit dem Notbetrieb ohne Zuschauer in der 1. und 2. Bundesliga einfach nicht anfreunden. Sie sehen bestenfalls die wirtschaftliche Notwendigkeit für die Klubs. "Das ist ungefähr so", beschreibt Sig Zelt, Sprecher des Bündnisses "ProFans", den emotionalen Zustand der Szene, "als wäre man zu einer Hochzeit eingeladen, bei der man die Braut am liebsten selbst heiraten würde."

+++ Krankes Business: Ultras kritisieren DFL scharf +++

Am Mittwoch veröffentlichten die "United supporters of Europe" einen Aufruf von hunderten Gruppierungen, unterzeichnet auch von 20 Ultra-Klubs aus Deutschland: "Nein zum Fußball ohne Fans!" Weiter heißt es: "Wir bitten die UEFA und die nationalen Verbände ausdrücklich darum, den Stopp der Fußball-Wettbewerbe aufrechtzuerhalten, bis volle Stadien wieder ungefährlich für die öffentliche Gesundheit sind." Man verstehe nicht, wie wirtschaftliche Interessen über die Gesundheit der Menschen gestellt werden. Und wie sieht's bei den Anhängern des 1. FC Nürnberg aus? 

Die Club-Ultras, die das in der Nacht vom Mittwoch auf den Donnerstag auf ihrem Facebook-Kanal "Faszination Nordkurve" auch deutlich machen, sehen das ähnlich. Beziehungsweise ganz genauso. Folglich positioniert sich die Gruppierung Ultras Nürnberg 1994 nach einer nonchallanten Begrüßung ("Servus Glubbfamilie") ensprechend klar gegen die Wiederaufnahme des Spielbetriebs in Form von Geisterspielen. Was übrigens - wie die Club-Anhänger betonen - auch für für die Fan-Freunde der Curva Nord Brescia gilt.    

+++ 15.669,90 Euro! Die Club-Ultras unterstützen Brescia +++

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Würzburger Fan-Forscher: "Der Imageschaden ist enorm" 

Fan-Experte Harald Lange von der Julius-Maximilians-Universität Würzburg findet es spannend zu sehen, was mit der Bundesliga ohne Fans passiert. "Auf jeden Fall ist der Fußball in Deutschland in einer schwierigen Situation. Die Stimmung ist in den letzten Wochen spürbar gekippt", sagte der Sportwissenschaftler der Heilbronner Stimme. "Der Imageschaden ist nach der Diskussion der letzten Tage enorm, und es besteht tatsächlich die Gefahr, dass dem Fußball die Fanbasis wegbricht." Fan-Organisationen drängen vehement auf einen Wertewandel im Profigeschäft und fordern einen «neuen Fußball». Rund um den Rasen kundtun können sie das in der Corona-Krise nicht.

 

Polizei und Politiker beschäftigt seit Wochen die Sorge, dass es vor den Stadien oder in den Städten zu Fan-Aufläufen kommt, wo die Abstandsregeln nicht eingehalten werden. Öffentliche Ankündigungen in diese Richtung gibt es allerdings nicht.

Seifert will nicht spekulieren   

Massive Verstöße könnten sogar ein Spiel verhindern oder zum Abbruch bringen, auch wenn das der Worst Case wäre. "Das würde im konkreten Fall auf die Umstände ankommen, aber so weit will ich ehrlicherweise gar nicht gehen", sagte Christian Seifert, der Boss der Deutschen Fußball Liga (DFL), im ZDF-Sportstudio. "Wenn Sie heute sagen würden, es bewegen sich plötzlich 3000 Menschen ganz gezielt aufs Stadion zu (...), dann kann es sein, dass man gegen die Auflagen verstößt. Ich will da nicht spekulieren." Er habe, und das betonte Seifert ausdrücklich, aus all den Gesprächen mit Fan-Kreisen "nicht den Eindruck, dass das tatsächlich eine Gefahr ist".

BVB-Anhänger: "Wir werden uns NICHT versammeln" 

Das Bündnis "Südtribüne Dortmund" hat bereits zu Beginn der Pandemie für das Derby gegen den FC Schalke 04 angekündigt: "Auch wenn bei uns natürlich der Wunsch besteht, der Mannschaft beispielsweise durch einen Busempfang die größtmögliche Motivation für ein Derby vor leeren Rängen mit auf den Weg zu geben, werden wir uns NICHT vor dem Westfalenstadion versammeln." Ähnliche Stellungnahmen gab es auch von Fangruppen anderer Vereine.

Folge 31: Fußball - oder soll man es lassen?

Die gelockerten Corona-Bestimmungen könnten "unter 'ausgehungerten' Fußballfans zu einer unbedarften Leichtsinnigkeit führen". So warnte der stellvertretende Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Jörg Radek, im kicker. Er hoffe aber, dass dem nicht so sein wird, fügte er hinzu. "Natürlich wird die Polizei die Situation um die Stadien im Auge haben."

Verantwortlich für die Sicherheit auf dem Stadiongelände sind die Heimklubs, das gilt auch für die Abläufe bei den Spielen ohne Zuschauer. Im "Organisations-Rundschreiben Sonderspielbetrieb" der DFL ist genau festgelegt: Eine akustische Simulation von Stadionatmosphäre während des Spiels, zum Beispiel in Form eines Klangteppichs oder von Fan-Jubel bei Toren, ist untersagt. Genehmigt ist nur das Einspielen von Tor- und Einlaufmusik - und mit der Fanszene besprochene Aktionen wie Pappkameraden oder Fanbanner, die unter Einhaltung des Hygienekonzepts aufgestellt oder ausgelegt werden.

Mönchengladbach hat im Rahmen seiner Aktion «Sei dabei. Trotzdem!» bisher über 12.000 Pappfiguren mit dem Konterfei von Fans zu einem guten Zweck verkauft. Diese werden im Borussia-Park stehen. "ProFans"-Vertreter Zelt findet so etwas "furchtbar: Damit wird dem Fußball der letzte Rest an Authentizität genommen." Eine Münchner IT-GmbH sammelt über eine App das Klatschen und den Jubel der Fans digital ein. Dass diese Geräuschkulisse über die Stadionlautsprecher übertragen wird - nicht erlaubt!

"Das wird eine ziemlich traurige Angelegenheit" 

"Es wird viele Leute geben, die die Spiele nur am Rande verfolgen, weil ihnen das Wesentliche fehlt", sagte Markus Sotirianos, der zweite Vorsitzende von "Unsere Kurve". Er meint damit nicht nur das laute und bunte Treiben auf den Tribünen, sondern vor allem die sozialen Kontakte, die ein Fan vor, bei und nach den Spielen hat. Der Darmstädter prophezeit für den Wiederanpfiff: "Das wird ein ziemlicher Totentanz und eine ziemlich traurige Angelegenheit."

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dpa / apö

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