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Vereint gegen Weltstars: Als der Kaiser das Club-Trikot trug

1973 spielten Nürnberger und Münchner gemeinsam gegen Santos und Benfica - 08.12.2018 12:34 Uhr

Historische Co-Produktion: Gegen den FC Santos standen am 27. Februar 1973 Münchner und Nürnberger erstmals in einer Elf. © Archiv Kurt Schmidtpeter


"Pele-Elf besiegt" titelte die Nürnberger Zeitung am 28. Februar 1973 auf Seite 1 kurz und bündig. Dieter Nüssings Erinnerungen an das 3:0 gegen den damals sechsfachen brasilianischen Meister und zweifachen Weltpokalsieger klingen da doch etwas euphorischer: "Das war ein überragendes Erlebnis." Nicht unbedingt wegen des klaren Erfolgs, schließlich waren die auf ihrer Welttournee direkt aus "Arabien" angereisten Südamerikaner mit den deutschen Witterungsbedingungen dezent überfordert. "Die haben vom Kaufhof erst einmal Wintermäntel geschenkt bekommen, weil sie gar keine passende Kleidung dabei hatten", erinnert sich Nüssing schmunzelnd.

Auch der schneebedeckte Boden im Städtischen Stadion stellte die Ballzauberer um Superstar Pele, Weltklasseverteidiger Carlos Alberto oder den zuvor für Inter Mailand spielenden Flügelstürmer Jair vor ein paar Probleme. "Den Pele hat es gscheit gefroren", erzählt Nüssing, der den dreifachen Weltmeister gut im Griff hatte. "Nüssing engte die Kreise der 'schwarzen Perle' weitgehend ein", schrieb Helmut Dirschner im kicker. "Pele war ja schon 32, da konnte ich vieles mit Laufstärke machen", erklärt Nürnbergs Mittelfeldmotor, damals 23 Jahre jung. "Er ist sogar richtig böse geworden, wenn man ihn zu eng gedeckt oder mal dazwischengehauen hat. Aber wir wollten uns ja auch nicht verarschen lassen."

"Bayerische Auswahl" in fränkischen Trikots

Beeindruckt hat den Rheinländer das Zusammenspiel mit den Stars des aufstrebenden FC Bayern. Sepp Maier, Franz Beckenbauer, "Katsche" Schwarzenbeck, Franz "Bulle" Roth, Rainer Zobel, Paul Breitner, Uli Hoeneß, Johnny Hansen, Willi Hoffmann – der Münchner Block in der "bayerischen Auswahl", die übrigens Club-Trikots trug, sparte nicht mit klangvollen Namen. "Für uns junge Spieler war das natürlich eine Riesensache, mit diesen Europameistern zusammenspielen zu können", schwärmt Nüssing, der gegen Santos gemeinsam mit Defensivkraft Dietmar Schabacker, Rechtsaußen Günther Michl sowie den Brüdern Slobodan und Miodrag Petrovic den Club vertrat.

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Eingewechselt wurden zudem Torhüter Herbert Schweers, Rudi Kröner und Manfred Drexler. Und "sie haben alle ihre Sache gut gemacht", wie der "Kaiser" höchstpersönlich gönnerhaft anmerken sollte. Neben Nüssing stach Slobodan Petrovic heraus, der sich "am schnellsten und klügsten in das Bayern-Ensemble einfügte", so die Expertise des kicker. Auch für den eingewechselten Drexler fand das Fachblatt lobende Worte: "Der Club-Mittelstürmer blühte inmitten der Bayern so richtig auf."

"Ein gutes Spiel und ein verdienter Sieg"

Was vielleicht auch daran lag, dass von der angeblichen Arroganz der Münchner Stars nichts zu spüren war. "Wir hatten schon großen Respekt, aber die waren ganz locker. Das war, als wenn wir schon immer zusammenspielen würden", betont Nüssing. Und auch wenn der Club damals nur in der zweitklassigen Regionalliga Süd antrat, war er immerhin noch deutscher Rekordmeister, während die Bayern als bis dato dreimaliger Titelträger gerade erst mit ihrem Aufstieg zur absoluten Weltspitze begonnen hatten.

Auch an der Seitenlinie teilten sich Bayern-Trainer Udo Lattek (links) und Club-Coach Tschik Cajkovski (rechts) gegen den FC Santos die Arbeit. © Archiv Kurt Schmidtpeter


Als Clodoaldo einen Handelfmeter verursachte, ließen Beckenbauer & Co. sogar Nüssing den Vortritt, "obwohl ich da bestimmt nicht als Erster hin bin. Aber sie meinten: Nuss, du bist Club-Kapitän, du bist von hier, also schießt du." Nüssing schoss: 1:0 (55.). Breitner mit einem direkt verwandelten Eckball (67.) und Roth mit einem "Bombenschuss" (75.), wie NZ-Berichterstatter Gerhard Schmid bewundernd schrieb, schraubten das Ergebnis für das von Udo Lattek und Tschik Cajkovski betreute Team noch in die Höhe.

Beide Trainer zeigten sich denn auch zufrieden mit dem Flutlichtkick gegen etwas lustlos wirkende Brasilianer. "Ein gutes Spiel und ein verdienter Sieg. Die Kombination hat vorzüglich zusammengespielt. Gute Fußballer brauchen kein Training, um sich zu verstehen", bilanzierte Lattek und zeigte sich offen für eine Wiederholung. Auch Club-Geschäftsführer Willi Kallert durfte sich die Hände reiben. Das finanzielle Risiko – Santos kassierte immerhin eine Garantiesumme von 100.000 Mark – war aufgegangen, sowohl dem Club als auch dem FCB blieben jeweils 20.000 Mark. "Es hat sich für uns gelohnt", konstatierte Kallert.

Ehrfürchtige Erinnerung an Eusebio

Weshalb die von Lattek gewünschte Wiederholung tatsächlich nur drei Monate später folgte, als eine diesmal eher bayerisch geprägte Fusionself Benfica Lissabon herausforderte. Waren gegen Santos trotz der Minusgrade noch 22.000 Zuschauer ins Stadion gekommen, interessierten sich am 22. Mai nur 13.500 Menschen für das Gastspiel des portugiesischen Meisters, obwohl dessen Mannschaft damals nahezu identisch mit der Nationalelf des Landes war und mit dem legendären Eusébio den besten Torschützen Europas in ihren Reihen hatte. "Ein überragender Spieler, gegen uns besser als zuvor Pele", erinnert sich Nüssing ehrfürchtig.

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Die Partie selbst kam in der zeitgenössischen Bewertung unterschiedlich weg. Während NZ-Redakteur Hartmut Hegner beim 2:2 "ein schönes Spiel mit technischen Feinheiten sowie vier Toren" gesehen hatte und der neue Club-Trainer Hans Tilkowski von einer "hervorragenden ersten Halbzeit" schwärmte, fühlte sich der kicker-Kollege eher gelangweilt. "Zu dürftig, zu hausbacken, in gewissen Abschnitten fast amateurhaft", fand Hans Fiederer die Leistung der Münchner, die für ihren Auftritt immerhin 50.000 Mark einstrichen.

Bittlmayer und Müller glänzten gegen Benfica

Gegen Benfica Lissabon kam die fränkisch-bayerische Auswahl um Franz Beckenbauer (Dritter von rechts) immerhin zu einem 2:2. © Archiv Kurt Schmidtpeter


Nur zwei Spieler fanden beim gestrengen Experten Gnade: Nürnbergs flinker Linksaußen Albert Bittlmayer, der 1977 bereits mit 24 Jahren einer Krebserkrankung erliegen sollte, und Bayern-Bomber Gerd Müller, der die zweimalige Gästeführung durch Eusébio (2.) und Matine (25.) jeweils ausglich (20., 36.). "Müllers Arbeitspensum in Nürnberg nötigt Respekt ab. Er vollbrachte eine echte Profileistung", schrieb Fiederer über den Nationalstürmer, der gegen Santos wegen einer Verletzung gefehlt hatte. Neben Bittlmayer waren aus Nürnberg diesmal nur Nüssing, Schabacker und Kurt Geinzer mit von der Partie.

Enttäuschend war der mäßige Zuschauerzuspruch, dessen Ursache Dieter Bracke in einer vorangegangenen 0:7-Klatsche des kriselnden 1. FCN bei Darmstadt 98 ausmachte: "Nürnbergs Fußballfans sind nachtragend", mutmaßte der NZ-Redakteur. So war der Club als Gastgeber diesmal finanziell "gerade so aus dem Schneider", wie es Präsident Hans Ehrt formulierte – und das nur, weil sich die Bayern angesichts der leeren Kassen generös mit Spesen begnügten. Die vereinbarten 80.000 Mark Antrittsgeld blätterte Kallert den Portugiesen beim Frühstück im Hotel bar auf den Tisch. Auf ein weiteres geplantes Spiel der fränkisch-bayerischen Kombination gegen Europacupsieger Ajax Amsterdam wurde in Nürnberg dann aber lieber dankend verzichtet. 

Uli Digmayer

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