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Was der neue Vorstand Robert Palikuca mit dem Club vorhat

Im Interview mit den Nürnberger Nachrichten spricht er über seine Ziele - 10.05.2019 06:00 Uhr

"Man kann im Fußball die schönsten Geschichten erleben": Robert Palikuca will das mit dem 1.FC Nürnberg erfahren. © Sportfoto Zink / DaMa


Robert Palikuca kommt zwei Minuten zu spät – aus einer Sitzung, später hat er Termine in Stuttgart. Für das Interview hat der Sportvorstand zum 1.FC Nürnberg eingeladen – und nimmt sich viel Zeit dafür. Das Handy meldet sich ständig, Palikuca ignoriert es. Er schätzt das persönliche Gespräch. "Sie können das Ding haben für den restlichen Tag", sagt er, "nur rangehen dürfen Sie nicht". Ein Gespräch über Fußball, Romantik und die Zukunft des Clubs.

Herr Palikuca, warum schauen Sie eigentlich immer so böse?

Robert Palikuca: Böse? Das würde ich nicht sagen. Meine Kinder nehmen mich jedenfalls nicht ernst. Ich bin vielleicht nicht so fotogen.

Schön. Dann lassen Sie uns mit einer einfachen Frage beginnen: Wer ist denn im nächsten Spieljahr der Trainer des 1.FC Nürnberg?

Palikuca: Ein Fußballlehrer. Ich möchte aber nicht, dass diese Diskussion öffentlich geführt wird. Der Fokus liegt jetzt auf den letzten Pflichtspielen.

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Es hat Sie geärgert, dass Trainer Boris Schommers seine Wünsche im Blick auf die Zukunft öffentlich geäußert hat?

Palikuca: Geärgert - nein, jeder darf seine Meinung sagen. Ich wünsche mir nur, dass solche Dinge anders diskutiert werden, intern. Aber ich bin ihm nicht böse, um Gottes Willen. Er ist ein junger Trainer, ich bin ein junger Vorstand.

Aber die Frage nach dem Trainer beschäftigt Sie mit Sicherheit.

Palikuca: Ich will sie zu diesem Zeitpunkt auch mit Ihnen nicht diskutieren. Aber ja, es ist eine Schlüsselposition, deshalb ist es nicht nur eine sportliche, sondern eine strategische Entscheidung. Es geht um mehr als die Trainingsarbeit auf dem Platz. Der Anspruch an einen Cheftrainer im Profifußball ist hoch geworden. Aber jetzt stecken wir unsere ganze Energie in den Saison-Endspurt.

Dabei haben Sie in kurzer Zeit schon viel erlebt, Emotionen, Leidenschaft. Gefällt Ihnen der Charakter der Mannschaft?

Palikuca: Sehr. Der Glaube, die Einstellung, das Miteinander. Ich sehe sehr gute Dinge im Blick auf die kommende Saison, wir werden ein Gerüst haben.

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Besonders das 1:1 gegen den FC Bayern hat, das glaubte man zu sehen, auch Sie beeindruckt?

Palikuca: Ja. Man entwickelt in drei Wochen noch keine innige Bindung zu einem Verein, also: Ich schlafe noch nicht in Club-Bettwäsche. Aber ich atme den Fußball, und so ein Spiel lebt man mit – da hätte ich auch als Außenstehender mitgefiebert.

Wie ist denn insgesamt Ihr erster Eindruck vom 1.FC Nürnberg?

Palikuca: Sehr intensiv. Man stürzt sich in die Arbeit, vergisst die Zeit. Was ist der Club? Es sind die Menschen, mit denen man zu tun hat, sie leben ein intensives Fußball-Gefühl, den Stolz, Cluberer zu sein – obwohl wir am Tor zur zweiten Liga stehen, herrscht keine Untergangsstimmung. Hier lebt man Werte, und im Verein sind alle bis in die Haarspitzen motiviert.

Deshalb ist, sollte es jetzt in die zweite Liga gehen, der Wiederaufstieg ein Ziel, das Sie schon formuliert haben. Das war mutig.

Palikuca: Ich habe gesagt, was ich möchte. Es ist mein Ziel, alles Menschenmögliche zu tun, um die Voraussetzungen für einen Aufstieg zu schaffen. Dass wir das sofort müssen, sage ich damit nicht. Andere Vereine haben auch Ziele. Ich habe einen Anspruch an mich selbst, den ich gerne übertrage an meine Mitarbeiter. Wenn man alles gegeben hat und am Ende Vierter ist, muss man daraus die Lehren ziehen. Es geht natürlich immer auch um Realität und Anspruch.

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Ein schönes Stichwort: Daran ist dieser Verein immer wieder gescheitert – im Grunde ein halbes Jahrhundert lang seit dem legendären ersten Abstieg von 1969. Der Fußball wurde immer professioneller, dem Club gelang es nie, sich mit einer nachhaltigen Entwicklung in der Liga zu etablieren. Und jetzt spielen immer mehr Konzerne mit, VW, Red Bull. Wird es nicht immer schwieriger?

Palikuca: Puh ... Jetzt kommen Sie mit einem Datum, zu dem sich meine Eltern noch nicht einmal kennengelernt hatten. Gegenfrage: Hätten Sie letztes Jahr erwartet, dass sich Huddersfield mit einem Mini-Etat in der Premier League hält?

Natürlich nicht.

Palikuca: Oder hätten Sie die Meisterschaft von Leicester City 2016 erwartet? Oder dass Kroatien Vizeweltmeister 2018 wird?

Kroatien? Natürlich!

Palikuca: Gut (lacht) ... für mich war Platz zwei auch eine Enttäuschung, ich hatte mit dem Titel gerechnet. Im Ernst: Man kann im Fußball die schönsten Geschichten erleben.

Bloß passieren die halt sehr selten.

Palikuca: Aber es sind keine Zufälle. Wenn viele Menschen das Gleiche wollen und alles dafür tun, darf man Hoffnung haben.

Der 1.FC Nürnberg hat vor allem Tradition. Ist das hilfreich?

Palikuca: Tradition muss man respektieren, die Menschen dahinter und die Werte. So, wie wir jetzt hier sitzen, sind wir alle auch Fußball-Romantiker. Aber man darf nicht nur nach hinten schauen, sondern auf die Situation, wie sie sich darstellt – ohne, dass man jeden Trend mitgehen muss.

 

Ihr Vorgänger, der sehr geschätzte Andreas Bornemann, hat immer wieder auf die begrenzten Mittel verwiesen. Das haben viele Fans verstanden, manche nicht – die haben sich dann mehr Risikofreude bei der Personalplanung gewünscht, zum Beispiel Transfers im vergangenen Winter.

Palikuca: Es gibt immer ein Wunschdenken, aber keine hundertprozentige Trefferquote bei Transfers. Wenn man aus geringen Mitteln das beste machen will, muss man Kompromisse eingehen – zum Beispiel, dass man Spieler ausleiht, und gerade Wintertransfers sind nicht immer einfach. Ich kann Andreas Bornemanns Aussage jedenfalls zu hundert Prozent nachvollziehen.

Wenn Sie jetzt auf potenzielle Neuzugänge zugehen: Womit werben Sie dann für den Club? Auch mit dem großen Namen?

Palikuca: Glauben Sie, dass irgendein Spieler wegen der Tradition kommt? Oder wegen des Geldes?

Naja. Aber anders als das Geld gibt es ja die Tradition. Zählt das wirklich überhaupt nicht mehr?

Palikuca: Rede ich mit einem Berater, sagt der: Der Club, stark, großartiger Verein, fantastisch, super. Ein 19 Jahre alter Spieler schaut im Smartphone nach und sagt mir: Ihr seid Vorletzter. Warum soll ich kommen?

Und: Was sagen Sie dem dann?

Palikuca: ... (überlegt). Ich kann mit Ihnen nicht so reden, wie ich mit den Jungs rede. Man muss sie emotionalisieren – und zeigen, dass sie bei einem sehr guten Verein einen großen Schritt in ihrer Karriere tun können.

Beispiel Ilkay Gündogan, Marvin Plattenhardt, viele andere, jetzt Eduard Löwen. Nutzen Sie diese Namen?

Palikuca: Ja. Man sieht, was der Verein schon geleistet hat und noch leisten will. Wir sind in vielen Bereichen gut, wollen aber besser werden – im Scouting, in der Kaderplanung, im Nachwuchsleistungszentrum. Es gibt viele gute Argumente für den Club.

Dann könnte die kleine Emma, Ihre jüngste Tochter, doch einmal Club-Bettwäsche vom Papa geschenkt bekommen.

Palikuca: Ohh ... das ist schwierig, sie ist ein glühender Fan der kroatischen Nationalmannschaft – und hält es mit allen Vereinen, in denen ein kroatischer Nationalspieler spielt.

Das wäre ein klarer Auftrag für Sie!

Palikuca: Einen kroatischen Nationalspieler zu holen? So weit sind wir noch nicht. Jetzt kommt erst einmal das alles entscheidende Spiel am Samstag gegen Borussia Mönchengladbach, jetzt liegt es nur noch an uns – wir brauchen nicht mehr auf andere zu schauen.


Robert Palikuca, 40 Jahre alt, war Fußballprofi beim FC St. Pauli und Fortuna Düsseldorf. Bei der Fortuna stieg er 2010 ins Management ein und trug zuletzt als Manager der Lizenzspielermannschaft zum Aufstieg und zum Klassenverbleib bei. Am 15. April trat der im niedersächsischen Bückeburg geborene Kroate als Sportvorstand beim 1.FC Nürnberg an. Palikuca ist verheiratet und hat drei Kinder. 

Interview: Hans Böller und Wolfgang Laaß

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