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Wie sich der Club seiner Vergangenheit stellt

Aufsichtsrat Günther Koch nimmt Interessierte mit auf eine Führung - 27.08.2019 15:52 Uhr

Gegen das Vergessen: "Vom Märzfeld zum Stadion" heißt die Führung, die der 1. FC Nürnberg seinen Fans anbietet und die auch die Club-Geschichte im Dritten Reich erläutert. In der Mitte Club-Aufsichtsrat Günther Koch. © Roland Fengler


Die Aufgänge zu den Bahnsteigen sind vermauert und vergittert, und der Tunnel unter den Gleisen ist ein unerquicklicher Ort. Nur die Gleise sind in einem guten Zustand. Über sie donnern täglich Dutzende von Güterzügen. Der Zeuge einer düsteren Vergangenheit, der Deportationsbahnhof Märzfeld im Nürnberger Stadtteil Langwasser, ist dem Verfall preisgegeben. Selbst die Informationsstelen am nordwestlichen Tunneleingang, die an die Opfer erinnern, sind mutwillig beschädigt. Hier startet „Gegen das Vergessen: Vom Märzfeld zum Stadion“, eine der 1. FC Nürnberg Club-Führungen, die in verschiedenen Stadtteilen den Fans die Historie des Vereins näherbringt.

Als der Bahnhof Märzfeld 1938 in Betrieb genommen worden war, kamen hier die Teilnehmer der Reichsparteitage an. Sie logierten in den von den NS-Organisationen in unmittelbarer Nähe errichteten Barackenlagern. Neben dem Bahnhof stand der „Hilfszug Bayern“ mit 60 Fahrzeugen und 50 Kesseln, der 250.000 Menschen verköstigen konnte. Rund um das Lager mit Platz für 110.000 Menschen in 440 Zelten fanden 1938/39 Motorradrennen statt.

Angeblich umgesiedelt

Zwischen 1941 und 1942 wurden vom Bahnhof Märzfeld aus zirka 2.000 jüdische Mitbürger in mehreren Transporten in Arbeits- und Vernichtungslager gebracht. „Man hat ihnen gesagt, dass sie umgesiedelt würden, um in Zuckerfabriken zu arbeiten“, berichtet der ehemalige Leiter des Nürnberger Bildungszentrums, Siegfried Kett, der zusammen mit dem 1. FCN Aufsichtsratsmitglied Günther Koch durch das Reichsparteigelände führt.

Bereits ab 1939 und bis 1945 kamen viele der zwischen 100.000 und 200.000 Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter - genaue Zahlen sind nicht bekannt - auf dem Bahnhof Märzfeld an. „Keiner weiß heutzutage, was hier passiert ist“, bedauern Kett und Koch. „Aber eine Gedenkstätte an diesem Ort würde Millionen kosten.“

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Das Reichsparteigelände im Südosten der Stadt erstreckte sich über 16,5 Quadratkilometer. Während des Dritten Reiches fanden hier die Versammlungen der NSDAP statt. Mit der riesigen Anlage wollten die Nazis vor allem eines: Absolute Macht demonstrieren. Treffpunkt der Hitlerjugend während der Reichsparteitage war das Städtische Stadion. Hier propagierte Hitler seine Vorstellung von deutscher Jugend: „Flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl. Heute dient die Anlage den Kickern des 1. FCN als Spielstätte. Der Silbersee war Baugrube des Deutschen Stadions. Es sollte das „größte Sportstadion der Welt“ werden, mit Platz für 400.000 Zuschauer nach dem Vorbild des Stadions von Olympia.

Geplant war es als Austragungsort der „Nationalistischen Kampfspiele“ - als Vorbereitung und Einstimmung des Volkes auf den Krieg. Die Große Straße sollte nach des Hitlers Lieblingsarchitekten Albert Speer zwei Kilometer lang und 60 Meter breit werden und als zentrale Achse Kongresshalle und Märzfeld verbinden - gewissermaßen als Symbol für die mittelalterlichen Reichstage und die Reichsparteitage. Heute dient sie unter anderem als Parkplatz für die benachbarte Messe.

Wohnungsbau und Schulen

„Wir gehen jetzt zur Pergola“, kündigt Koch an. Das ist die Stelle, von der aus der „Führer“ bis zur Burg blicken sollte. Heute ist der „Schönlebenpark“ mit einer schicken Eigentumswohnungsanlage bebaut. Der Sportreporter und Journalist führt vor Augen, wie die Orte des braunen Größenwahnsinns in Langwasser in Vergessenheit geraten, weil, wie beispielsweise auf dem Märzfeld, längst Gewerbegebiete, Wohnsiedlungen und Schulen hier Platz gefunden haben.

Der 1. FCN stelle sich seiner Vergangenheit. So kommt bei der Führung beispielsweise zur Sprache, wie der Verein seine jüdischen Spieler und Mitglieder fallen ließ als es für sie gefährlich wurde, anders als der FC Bayern, der zu seinem jüdischen Präsidenten Kurt Landauer gestanden hat.

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Uschi Assfalg

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