16°

Mittwoch, 12.08.2020

|

zum Thema

Zehn Jahre, sechs Vorstände, 14 Trainer: Der FCN in der Analyse

Einmal mehr musste der Club bis zur letzten Minute zittern - 14.07.2020 06:00 Uhr

Der 1. FC Nürnberg hat einmal mehr eine unfassbare Saison hinter sich.


Als er für einen Platz im Aufsichtsrat seines Lieblingsvereins kandidierte, hatte der damalige Nürnberger Oberbürgermeister Ulrich Maly, wie alle Kandidaten, drei Minuten Zeit für die Werbung in eigener Sache. Maly brauchte bloß ein paar Sekunden. Er stellte sich namentlich vor und wählte nur einen Nachsatz. Sportliche Qualifikationen: keine, sagte er – und wurde mit überwältigender Mehrheit gewählt.

 

 

Der Aufsichtsrat, das von den Mitgliedern gewählte, ehrenamtlich tätige Gremium, ist die wichtigste Instanz des 1.FC Nürnberg, gerade stehen die Herren sehr in der Kritik – ob zu recht oder nicht, ist Ansichtssache, der Vorwurf indes, dem Gremium fehle es an sportlicher Kompetenz, greift ins Leere. Der Aufsichtsrat ist dafür gar nicht zuständig, auch wenn es in der Praxis nicht selten anders aussieht. "Im Aufsichtsrat finden manchmal Ersatztrainerdebatten statt", sagte Maly einmal im Gespräch mit dieser Zeitung.

Der Aufsichtsrat bewertet nicht das fußballerische Tagesgeschäft, er kontrolliert die Arbeit der von ihm berufenen Vorstände für Sport und Finanzen, die es seit knapp zehn Jahren gibt – seit dem 7. Oktober 2010, da trat die von den Mitgliedern beschlossene Satzungsreform in Kraft, die den Verein, bis dahin geführt von einem Präsidenten, dessen Präsidium und einem später als Sportdirektor bezeichneten Manager, zeitgemäß aufstellen sollte. Die Idee war, das hauptamtliche Kräfte für Sport und Finanzen ein Fußball-Unternehmen besser als ehrenamtliche Funktionäre. Dass es beiden Ressorts einigermaßen gut geht, kam in den vergangenen Jahrzehnten aber selten vor, wenn, dann hielt dieser Zustand nicht lange an.

Bilderstrecke zum Thema

Wiesingers 97 Relegationsminuten: Chaos und Rettung in letzter Sekunde

90 Minuten an der Seitenlinie sind für einen Trainer alles andere als entspannt. Für Interims-Clubtrainer Michael Wiesinger waren die zirka 97 Minuten im zweiten Relegationsspiel seines 1. FC Nürnberg gegen den FC Ingolstadt eine emotionale Achterbahnfahrt, die wirklich in aller letzter Sekunde den nicht mehr für möglich gehaltenen Treffer von Fabian Schleusener und den damit verbundenen Last-Minute-Klassenerhalt beinhalten.


Das war in den vier Jahrzehnten zuvor zwar nicht anders, feststellen lässt sich, dass der zeitgemäße Fußball dabei ist, den 1.FC Nürnberg abzuhängen. Seit die Satzungsreform greift, verbringt der Club mehr Zeit in der 2. Liga (sechs Jahre einschließlich der Saison 2020/21) als in der Bundesliga (vier Jahre). Ob das an der Vereinsstruktur liegt, lässt sich nur überlegen, es könnte auch andere Gründe haben; und am Mitgliederverein und damit am Ehrenamt festzuhalten, scheint ein übergeordneter Wille im Club zu sein. Die vor vier Jahren angedachte Ausgliederung des Profifußballs in eine für Investoren offene Kapitalgesellschaft blieb ein flüchtiges Gedankenspiel, die Begeisterung dafür hielt sich in Grenzen.

Bilderstrecke zum Thema

Abstieg abgewendet: Der Last-Second-Wahnsinn des FCN in Bildern!

Unfassbar, FCN! Eine Sekunde vor dem Abstieg in die dritte Liga stochert Fabian Schleusener den FCN zum 1:3 in Ingolstadt - und erlöst dadurch eine ganze Region. Was in Ingolstadt los war? Bitteschön!


In einer Art Mischform führen ehren- und hauptamtliche Kräfte den Verein, in der Praxis sichern sich die Vorstände auch dann beim Kontrollgremium ab, wenn das die Satzung gar nicht erfordert (Vorgabe ist das zum Beispiel bei Personalien ab einem bestimmten Finanzvolumen). Sportliche und finanzielle Krisen fallen auf beide zurück, häufig wechselten darüber die Vorstände. Niels Rossow ist nach Ralf Woy und Michael Meeske schon der dritte Finanzchef, Robert Palikuca nach Martin Bader und Andreas Bornemann der dritte Sportchef – in nur zehn Jahren (im gleichen Zeitraum brauchte es inklusive Interimslösungen 14 Trainer).

Wie findet man Kompetenz?

Wie man sieht: Mit dem Austausch von Personen ist es nicht getan, die im Aufsichtsrat geführte Diskussion um eine Beurlaubung Palikucas ist eine Oberflächen-Debatte (mit offenem Ausgang). Der in letzter Sekunde verhinderte Absturz in die Drittklassigkeit wird von einem nicht geringen Teil der Fans und Mitglieder Palikuca angelastet – und damit auch dem Aufsichtsrat, der den Sportvorstand berief. Spielte man den Gedanken weiter, wären an der sportlichen Talfahrt der Horror-Saison 2019/20 am Ende auch die Mitglieder schuld, weil sie die Aufsichtsräte kürten (was natürlich eine abwegige Theorie wäre, auch wenn darüber die ganze Struktur klarer wird).

Bilderstrecke zum Thema

Die Club-Noten: Schwache Defensive, schwache Offensive, glückliche Rettung

Mit angezogener Handbremse ging der Club in das Relegationsrückspiel und ruhte sich auf dem Sieg vom Dienstag etwas aus. Nach ihrem kuriosen Führungstreffer drehten die Schanzer dann auf und legten gleich zwei Tore nach. Der FCN war eigentlich schon abgestiegen, bis Fabian Schleusener in der allerletzten Sekunde den Ball irgendwie ins Tor bugsierte. Die enttäuschenden Leistungen der Akteure milderte der Treffer jedoch nicht.


Dass Palikucas Amtszeit vor einem vorzeitigen Ende steht, ist nicht unwahrscheinlich. Bloß: Welche Gewähr sollte es geben, dass es ein Nachfolger besser macht? Und wie sollen Mitglieder nach Drei-Minuten-Bewerbungen während oft turbulenter Versammlungen erahnen können, welche potenziellen Aufsichtsräte besonders geeignete Vorstände auswählen? Haben zum Beispiel ehemalige Fußballer dafür einen besseren Instinkt? Über welche Zeiträume lässt sich Kompetenz bemessen? Das alles sind Fragen, auf die es keine Antworten gibt, aber diskutiert wird derzeit auch über die Struktur – über zu berufende Aufsichtsräte, die, ergänzend zu den gewählten, nach bestimmten Kriterien ausgewählt werden könnten. Laut Satzung ließe sich auch ein weiterer Vorstand installieren, eine andere Überlegung ist es, die vorhandene sportliche Kompetenz besser zu bündeln.

Die Rettung

Thomas Grethlein warnt aus guten Gründen vor "übereilten Kurzschlusshandlungen", in seiner sechsjährigen Amtszeit ist es dem Aufsichtsrat, dem Grethlein vorsitzt, in einem beträchtlichen Kraftakt gelungen, einen Verein, der nah am wirtschaftlichen Kollaps stand, zu sanieren. Der 1.FC Nürnberg erhielt die Lizenz ohne Auflagen, als einer von wenigen Zweitligisten hätte der Club selbst einen pandemie-bedingten Saisonabbruch finanziell überstanden.

Aber der gewaltige sportliche Schiefstand fällt stark ins Gewicht, weshalb die Zeit drängt. Ein Sportvorstand – vielleicht Palikuca, vielleicht ein anderer – muss einen Trainer berufen, möglichst bald, der Aufsichtsrat den Verein so aufstellen, dass dieser Trainer sich auf seine Arbeit konzentrieren kann. Dass dieser Trainer Marek Mintal heißt, ist weiterhin gut möglich. Ulrich Maly würde es freuen, Mintal war ein Lieblingsspieler der Familie Maly. Aber Ersatzdebatten führt der (mittlerweile EX-)OB natürlich nicht.

Bilderstrecke zum Thema

Schleusener und Fast-Schlägerei! So emotional feiert der FCN

Jubel, Trubel, Rudelbildung! In der sechsten Minute der Nachspielzeit spitzelt der eingewechselte Fabian Schleusener den Ball ins FCI-Tor und rettet den Club dadurch vor dem Absturz in die Drittklassigkeit. Noch nie wurde eine Niederlage so schön bejubelt - und hier sind die Bilder dazu!


36

36 Kommentare

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus dem Ressort: Sport