Montag, 09.12.2019

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Als Kunstfreiheit "zum Schutze der Jugend" eingeschränkt wurde

Porno, Krieg, Drogen: Was heißt hier unsittlich - 21.05.2019 05:33 Uhr

Track: ...bei Gisela, 1960 © Alles oder Nix Records


Es ist das Jahr 1951. In den deutschen Kinos läuft die "Die Sünderin" an. Der Film erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die sich prostituiert, um ihrem Geliebten eine Operation zu finanzieren. In einer Szene liegt die Frau, gespielt von Hildegard Knef, nackt im Garten ihres Geliebten. Für ein paar Sekunden flackert ihr nackter Körper über die Leinwand.

Damals reichte die entblößte Knef, um einen Skandal auszulösen: Wenige Tage nach der Erstausstrahlung rief die katholische Kirche auf, den Film zu boykottieren. Selbsternannte Sittenwächter warfen Stinkbomben durch Kinosäle und prügelten sich mit der Polizei. Dabei stand auch 1951 schon im Grundgesetz: "Eine Zensur findet nicht statt." Keine Kunst sollte mehr als "entartet" verboten und vernichtet werden, so wie es während der NS-Zeit geschehen war.

Kunst darf in Deutschland also alles. Eigentlich. Denn das Grundgesetz sagt auch, dass die Kunstfreiheit "zum Schutze der Jugend" eingeschränkt werden kann. Das gilt bis heute. Wenn Musik, Computerspiele oder Filme als "jugendgefährdend" auf dem Index landen, dürfen sie für 25 Jahre nicht beworben, verbreitet und nur "unter der Ladentheke" – auf Nachfrage – verkauft werden.

Was auf dem sogenannten Index landet, entscheidet seit 1954 die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BfjM) in Bonn. Für eine Indizierung gibt es viele Gründe. Dazu zählen etwa Verherrlichung von Gewalt, des Nationalsozialismus oder des Drogenkonsums, auch Rassismus, Antisemitismus und der Aufruf zur Selbstjustiz können zur Zensur führen. Immer wieder wird auch der schwammige Begriff der "Unsittlichkeit" angeführt, worunter Medien fallen, die laut BfjM "in sexueller Hinsicht das Scham- und Sittlichkeitsgefühl gröblich verletzen."

Am Beispiel der Kunstfreiheit zeigt sich, wie sich die Auslegung des Grundgesetzes ändern kann. Der Wortlaut des Artikels ist zwar derselbe geblieben, wird heute aber völlig anders interpretiert. Was von der Gesellschaft als "unsittlich" und "jugendgefährdend" empfunden wird, hat sich über die Jahrzehnte stark gewandelt. So weitet sich die Kunstfreiheit aus.

Auf dem Index wegen: "Unsittlichkeit"

Track: Mein Geständnis, 2018 © Alles oder Nix Records


1960 landete die Single ...bei Gisela der Sängerin Dialer-Jones als erste Schallplatte auf dem Index. In der Begründung hieß es damals, die Liedtexte seien "in geschlechtlicher Hinsicht ordinär" und "schamverletzend". Ein Richter nannte Gisela "eine gebildete Dame mit stark unzüchtigem Charakter". Vor allem das Lied "Morgengrauen", in dem Gisela über das Leben einer Berliner Prostituierten sang, kollidierte mit den Vorstellungen von Sittlichkeit und Ordnung in der jungen Bundesrepublik. Um die Jugend "vor dem Verderben" zu schützen, wurden die Exemplare der Schallplatte beschlagnahmt. Heute stört es den Staat nicht mehr, wenn die Rapperin Schwesta Ewa mit ihrer Laufbahn als Prostituierte die Teenie-Zimmer beschallt.

Josefine Mutzenbacher oder Die Geschichte einer wienerischen Dirne von ihr selbst erzählt, 1982 © Mutzenbacher Public Domain


Auf dem Index wegen: "Pornografie"

Das bekannteste Werk des österreichischen Schriftstellers Felix Salten ist das Kinderbuch Bambi. Doch LiteraturwissenschaftlerInnen gehen davon aus, dass Salten auch den 1906 erschienenen Roman "Josefine Mutzenbacher oder Die Geschichte einer wienerischen Dirne" von ihr selbst erzählt verfasst hat. Er soll die Memoiren Mutzenbachers niedergeschrieben haben.

Fifty Shades of Grey, 2011 © UNO Werbeagentur, München/Andrew Unangst/Corbis


Das Buch wurde in Deutschland erst in den 70er-Jahren populär. 1982 setzte ihn die Bundesprüfstelle auf den Index, weil der Roman nichts weiter sei als eine "pornographische Stellensammlung" und "Strichliste" über die der Aktivität Mutzenbachers.

Acht Jahre später hob das Bundesverfassungsgericht mit der sogenannten "Mutzenbacher-Entscheidung" die Indizierung auf. Auch pornografische Bücher könnten literarische Werke sein und seien damit von der Kunstfreiheit geschützt. Ein Urteil, das E. L. James, Autorin der Roman-Serie Fifty Shades of Grey, sicher unterschreiben würde. 

Auf dem Index wegen: "Kriegsverherrlichung" 

Legalize it, 1980 © Alles oder Nix Records


Wer heute Spielszenen aus River Raid sieht, fragt sich womöglich, was dieses Spiel jemals auf dem Index verloren hatte. Aber als in den 80er-Jahren die ersten "Ballerspiele" den Markt kamen, wirkten die Pixel auf die Bundesprüfstelle extrem bedrohlich. Bei River Raid musste der Spieler mit einem Kampfflugzeug feindliche Helikopter und Schiffe versenken. 1984 landete River Raid als erstes Computerspiel auf dem Index, weil sich Jugendliche "in die Rolle eines kompromisslosen Kämpfers und Vernichters hineindenken" würden und so schon "im Kindesalter eine paramilitärische Ausbildung" stattfinde. Außerdem sah die Bundesprüfstelle die Gesundheit der Jugendlichen gefährdet: Das Spielen führe zu "physischer Verkrampfung, Ärger, Aggressivität und Kopfschmerzen", heißt es in der Begründung.

High Life, 2017 © 187 Strassenbande Screenshot Youtube


Mehr als 30 Jahre später hat sich die Technik deutlich weiterentwickelt: Das Kriegssimulation Call of Duty WWII versetzt die SpielerInnen tatsächlich auf täuschend echte Schlachtfelder des Zweiten Weltkriegs. Deshalb gilt ein Mindestalter von 18 Jahren, indiziert wurde das Spiel aber nicht. River Raid ist längst vom Index gestrichen und "freigegeben ohne Altersbeschränkung". 

Auf dem Index wegen: "Drogenverherrlichung"

River Raid, 1984 © River Raid Screenshot Youtube


Peter Tosh, Mitbegründer des Reggae, forderte schon in den 70er-Jahren das, was heute auch PolitikerInnen in Deutschland diskutieren: die Legalisierung von Cannabis. Sein Song Legalize it landete 1980 auf dem Index. Man befürchtete, dass Jugendliche durch die Musik zum Kiffen animiert werden könnten. In der Begründung der Bundesprüfstelle heißt es, dass "der Genuss von Marihuana die Sozialisationsprozesse der jugendlichen Konsumenten erheblich stören kann." Bei Alkohol bestand diese Sorge lange nicht. Erst 2008 wurde die "Verherrlichung des exzessiven Alkoholkonsums" als jugendgefährdend eingestuft.

Call Of Duty WWII, 2018 © Call of Duty WWII Screenshot Youtube


Trotzdem können MusikerInnen heute offener über ihren Drogenkonsum reden. Die Strassenbande 187 rappt in High Life darüber, wie schön und aufregend ihre Konzerttouren – auch, oder gerade wegen, Weed, Whiskey und Hustensaft.

Auf dem Index wegen: "Homosexualität"

Fotoband Jünglinge in der Fotografie, Symboldbild (Original unauffindbar), 1955 © Jünglinge in der Fotografie Public Domain


Früher von der Bundesprüfstelle verfolgt, heute nicht nur durch die Kunstfreiheit geschützt: die Darstellung von Homosexualität. Der Fotoband Jünglinge in der Fotografie landete 1955 als erstes auf dem Index. In der Begründung schrieb die Bundesprüfstelle: "Abbildungen dieser Art sind geeignet, die jugendliche Phantasie im homosexuellen Sinne zu beeinflussen, das natürliche Schamgefühl zu zerstören und Sinnen- und Triebleben Belastungen auszusetzen, denen die noch nicht genügend gefestigte, moralische Widerstandskraft der Jugend nicht gewachsen ist."

Call Me By Your Name, 2017 © Call Me by your Name Screenshot Youtube


2017 erschienen der Film Call Me by Your Name, der die Beziehung eines 17-jährigen Italieners zu einem 24-jährigen US-Amerikaners erzählt. Zwei Männer, die sich lieben, sind längst kein Grund zur Zensur mehr: Jugendliche ab 12 Jahren konnten sich den Film im Kino ansehen.

Dies ist ein Projekt der Deutschen Journalistenschule in München. Redaktion: Christopher Bonnen, Fabian Herriger, Maxim Landau, Magdalena Latz, Sara della Malva, Cornelia Neumeyer, Henrik Oerding, Magdalena Pulz, Anton Rainer, Sophie Spelsberg, Felix Wellisch, Jonas Weyrosta.

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Sieben Aufreger: Wann und warum die Grundrechte geändert wurden

Die Verfassung im Jahr 2019 sieht anders aus als 1949 – genau wie die Gesellschaft, für die sie geschrieben wurde. In 70 Jahren Grundgesetz gab es über 60 Änderungen. Zwei Drittel der Abgeordneten des Bundestags und der Bundesrat müssen einer Verfassungsreform zustimmen. Die ersten 19 Artikel sind dabei besonders geschützt. Sie bilden das Fundament der Gesellschaft. Keine Änderung darf den Wesensgehalt des jeweiligen Grundrechts antasten. Dennoch kam es in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland insgesamt siebenmal zu einer Änderung – und fast jede hatte heftige Auseinandersetzungen zur Folge. Denn wer die Grundrechte verändert, verändert auch die Gesellschaft.


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