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Andreas Engert aus Franken ist 92 - und pflegt noch immer seinen Sohn

Seit fünf Jahrzehnten kümmert er sich um den 60-Jährigen - 17.01.2020 18:47 Uhr

Andreas (links) und Joachim Engert verbringen den ganzen Tag miteinander.

© Anand Anders


Sie sind ein Männer-Haushalt, ein ganz besonderer. Nicht nur weil mit Großvater, Sohn und Enkel drei Generationen unter einem Dach leben. Das Besondere an der Wohngemeinschaft im Dittelbrunner Ortsteil Hambach (Lkr. Schweinfurt), das sogar Bayerns Ministerpräsident Markus Söder "Respekt" abverlangt, ist vielmehr die Tatsache, dass in dieser Männer-WG der 92-jährige Großvater seinen 60-jährigen behinderten Sohn betreut – und das schon seit fünf Jahrzehnten. Dafür erhielt Andreas Engert das Ehrenzeichen des Bayerischen Ministerpräsidenten.

"Was der Opa macht, ist schon ziemlich stark", sagt Enkel Michel Engert. Er kann es beurteilen: Der 20-Jährige ist ausgebildeter Pfleger und betreut beruflich selbst behinderte Menschen bei der Diakonie Schweinfurt. "Wenn ich nach acht Stunden Arbeit nach Hause komme, bin ich kaputt. Und Opa macht das 24 Stunden", sagt Michel Engert.

Damit nicht genug. Der 92-Jährige ist auch Vorsitzender des Versehrtensportvereins Dittelbrunnn, den er mitbegründet hat und den er seit 30 Jahren leitet. "Dieser Einsatz ist von zentraler Bedeutung für unser Land. Er erfüllt unsere Werte mit Leben und sorgt für Mitmenschlichkeit und Zusammenhalt in unserer Gesellschaft", heißt es in der Würdigung von Ministerpräsident Söder. 

Betreuung, 24 Stunden am Tag

"Ich war total überrascht", sagt Andreas Engert über den Brief des Ministerpräsidenten, der im vergangenen September in seinem Briefkasten lag. Und er habe gar nicht gewusst, welche herausragende Ehrung ihm da zuteil wurde. Bis die vielen Gratulationsschreiben eintrafen: vom Bayerischen Landtag, vom Kultusministerium, von Innenstaatssekretär Gerhard Eck, von Digitalministerin Dorothee Bär, von Landrat Florian Töpper und, und, und. Von der Gemeinde Dittelbrunn hat Engert bereits die Bürgermedaille erhalten. Bürgermeister Willi Warmuth war selbstverständlich bei der Verleihung des Ehrenzeichens im Landratsamt dabei. Und natürlich Stiefsohn Joachim. Andreas Engert nimmt ihn immer und überall hin mit, denn "er gehört dazu". 

Häufig sind es die Kinder, die ihre Eltern pflegen. Bei Familie Engert ist es umgekehrt.

© Fred Froese/istockphotos


Joachim Engert war zehn Jahre alt, als ihn die zweite Ehefrau von Andreas Engert mit in die Ehe brachte. Aufgrund von Sauerstoffmangel bei der Geburt hat der 60-Jährige eine geistige Behinderung, sein Entwicklungsniveau ist das eines Kindes. Mit 28 Jahren kam eine Diabetes hinzu. Und seit einer Herzoperation vor zwölf Jahren braucht Joachim eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung. Tagsüber arbeitet er in der Werkstatt der Lebenshilfe, die Versorgung zuhause übernimmt Andreas Engert alleine.

"Es ist schon eine Belastung", gibt der 92-Jährige zu, "aber eine, die auch Freude macht". Denn Joachim wird bei allen Tätigkeiten eingebunden. Montags ist Saunatag, freitags geht's zum Schwimmen und jeden Abend spazieren. Im Haushalt erledigt der 92-Jährige nahezu alles alleine. Sohn Joachim hilft beim Spülen und Aufräumen. Täglich wird das Essen frisch zubereitet, jeden Tag gibt es Salat. "Opa kocht sehr gut", lobt Enkel Michel vor allem die Schinkennudeln mit gebratenen Paprika. Sohn Joachim mag am liebsten "Kräpfli" mit Apfelbrei.

Die Familie hat Ausgrenzung erlebt

Das Kochen hat Engert von seiner Mutter gelernt. Sie war Hauswirtschaftslehrerin. Er schlug beruflich einen anderen Weg ein, war als technischer Oberamtsrat bis Anfang der 1990er Jahre Leiter der Hochbauabteilung am Landratsamt Bad Kissingen. Unter Engerts Regie entstanden Großprojekte wie das Schulzentrum im Bad Brückenau, die Fachakademie in Münnerstadt oder das Berufsschulzentrum und die Realschule in Bad Kissingen.

Auch privat hat Engert Häuser gebaut, für sich und seine Kinder. Aus erster Ehe hat der 92-Jährige einen Sohn und eine Tochter, aus zweiter Ehe einen weiteren Sohn, der gemeinsam mit Joachim aufgewachsen ist. Zur Familie gehören inzwischen sechs Enkel und zwei Urenkel. Ehefrau Friedhilde ist 2003 gestorben. Seitdem kümmert sich Andreas Engert alleine um den Stiefsohn. 

Für den gebürtigen Handthaler war es eine Selbstverständlichkeit, Joachim in seine Familie aufzunehmen. Obwohl man damals, in den 70er Jahren, mit einem behinderten Kind mitunter schief angeguckt worden sei. So erinnert sich der 92-Jährige an einen Vorfall in der Kirche, als der Banknachbar dem Jungen wegen der Behinderung den Friedensgruß verweigert habe. Engert ließ das kalt. "Wir haben uns das nächste Mal beim Gottesdienst halt dann woanders hingesetzt." Heute ist Joachim im Dorf kein Außenseiter mehr. "Er ist sehr leutselig, und die Leute mögen ihn", freut sich der Vater.

"Solange ich kann, bleibt er bei mir"  

Durch Joachim kam Engert zum Versehrtensportverein. Seit 30 Jahren ist er der Vorsitzende, führte Turnen, Schwimmen, Wassergymnastik und Kegeln ein und organisierte viele Busausflüge. Heute zählt der Verein noch 30 Mitglieder. Weil sich kein Nachfolger findet, macht Engert auch mit 92 Jahren noch weiter.

In ein Pflegeheim will Andreas Engert seinen Sohn erst bringen, wenn es gar nicht mehr anders geht.

© Frank Rumpenhorst


In jungen Jahren hat Andreas Engert Fußball gespielt und Leichtathletik gemacht. Heute hält er sich mit Schwimmen, langen Spaziergängen und gesunder Ernährung fit. Alkohol meidet er. Nur sonntags zum Essen "bei Gerda", in der Stammgaststätte in Hundelshausen, genehmigt er sich mit Joachim einen Schoppen. "Und am Freitagabend trinken wir zusammen ein Bier", ergänzt der Sohn.

Einmal im Jahr gönnen sich die beiden einen Urlaub. Bislang ging die Reise immer ins Allgäuer Bergdorf Oberjoch. Weil ihr Hotel im vergangenen Jahr saniert wurde, wagten sie sich erstmals auf eine Flugreise nach Mallorca. Und wenn man Joachim nun fragt, wo der Urlaub heuer hingehen soll, gibt es nur eine Antwort: "Ich will wieder fliegen." 

Auch wenn Andreas Engert nach zwei Operationen und aufgrund einer Thrombose mittlerweile mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hat, so bleibt für ihn die Betreuung des behinderten Sohnes seine "lebenslange" Aufgabe. "Solange ich kann, bleibt er bei mir", sagt der 92-Jährige. "Das habe ich meiner Frau versprochen." 

Irene Spiegel (Main-Post)

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