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Bienen-Volksbegehren: Das sagt eine Imkerin dazu

Christine Kretschmer hält seit 28 Jahren Bienen - Auch Vögel machen sich rar - 31.01.2019 11:36 Uhr

Christine Kretschmer in ihrem Reich: den Stöcken in ihrem Garten. Seit 28 Jahren ist sie Imkerin. © Roland Fengler


Es ist alles wie immer. Ordentliche Zäune, ordentliche Vorgärten, Bäume, Sträucher, Müllcontainer. Nichts Auffälliges in Großgründlach, diesem in die Breite gegangenen Wohndorf im flachen Nürnberger Norden. Gar nichts ist wie immer, sagt eine Frau mit blondem Pagenkopf, die schon lange hier lebt, mit Zaun, Vorgarten und allem Drum und Dran.

Sie sieht massive Veränderungen, und sie fürchtet sie. Das große Verstummen der Natur quält die Imkerin. Ihr Blick sei geschärft, sagt sie, geschult von den Bienen.

Wo sind die Meisen hin? 

Da! Christine Kretschmer zeigt auf den Meisenknödel, der an einer dünnen Schnur im Wind baumelt. Er hängt dort schon lange und ist doch unberührt. Schon im Sommer seien die Meisen weggeblieben, sagt die 67-Jährige. Sie vermisst auch den Zaunkönig und das Rotkehlchen seit einer Weile, von den Schmetterlingen gar nicht zu reden.


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Die Stille im Garten sei beklemmend, sagt die 67-jährige Imkerin. Klimawandel, intensive Landwirtschaft, Pestizide, die Folgen seien zu sehen — und zu hören. Ohne Insekten keine Vögel.

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Drunten im Keller des Einfamilienhauses riecht es intensiv nach Honigwachs. In einer hellblauen Kleiderschürze steht Christine Kretschmer hier an der Wasserkühlpresse, öffnet sie und gießt flüssiges Wachs auf die Unterlage mit dem Wabenmuster. Daneben stapeln sich schon quittengelbe Wachsplatten, die sie mit einem Teppichmesser in Form schneidet. Sie werden an den Holzrahmen befestigt, die Bienen bauen darauf ihre Waben. Wenn es Frühjahr wird, ziehen sie sozusagen in eine teilmöblierte Wohnung ein.

200 Kilo Honig haben ihre zwölf Völker letztes Jahr geliefert. Ein gutes Jahr, auch für die Nachbarn, sagt sie schnell. Viele Bienen bescheren ihnen viel mehr Obst an den Bäumen. "In China", Kretschmer erzählt es kopfschüttelnd, "bestäuben sie schon jahrelang von Hand."

Auch im Winter gibt es viel zu tun. Christine Kretschmer formt aus Bienenwachs dünne Platten. © Roland Fengler


Zur Imkerei ist sie vor 28 Jahren gekommen wie die Jungfrau zum Kind. Sie kaufte Honig ein, hörte dabei von einem Einführungskurs, ging hin — und stand am Ende mit drei eigenen Bienenvölkern und viel Zubehör da. Von der ersten Minute an habe sie es faszinierend gefunden, auch wenn es schwer war: "Die ersten fünf Jahre verstehen Sie gar nichts."

Kretschmer hofft auf viele Unterschriften

Dass die Menschen immer sensibler werden für die bedrohte Natur, liest sie an ihren Reaktionen ab. Als sie anfing mit der Bienenzucht, hat sie das tunlichst verschwiegen, aus Angst, für verrückt erklärt zu werden. "Heute fragen mir die Leute Löcher in den Bauch." Dass dieses Interesse die Menschen jetzt zur Unterschrift beim Bienen-Volksbegehren trägt, hofft sie inständig.


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Die Imkerei ist nichts für Frauen, dieses Vorurteil halte sich bis heute, auch wenn die Zunft spürbar weiblicher werde. Kretschmer, zweifache Mutter erwachsener Söhne und Großmutter dazu, lacht darüber. Bienen seien wie Kinder, ihnen solle es gut gehen, "auch wenn sie uns Menschen gar nicht brauchen". Dass manche Imker den Königinnen die Flügel abschneiden, um sie am Ausschwärmen zu hindern, findet sie gruselig.

200 Kilogramm Honig haben Kretschmers zwölf Völker im vergangenen Jahr geliefert. © Roland Fengler


Immer wieder springt sie jetzt im Wohnzimmer vom Kaffeetisch auf, zieht Broschüren und Flugblätter aus Schubladen. "Glyphosat — Monsantos gefährlicher Kassenschlager" oder "Stummer Frühling — wie wir das Bienensterben verhindern können" steht darauf. Die Imkerin verteilt sie überall.

Nach der Kinderpause hat die gebürtige Rostockerin auf die Altenpflege umgesattelt, mit 59 ist sie wieder ausgestiegen. Der Zeitdruck sei unerträglich gewesen, außerdem brauchte die demente Schwiegermutter Pflege. Christine Kretschmer ist eine Kümmerin.

Wenn bei ihren Imker-Kursen wenigstens hängenbleibe, dass Bienen blühende Gärten brauchen, und niemand mehr sein Grün mit Baumarkt-Kieseln zuschütte, sei schon viel erreicht. Beim Abschied an der Haustüre fällt ihr ein, wen sie noch vermisst seit Jahren: "Früher sind die Fasane bis in meinen Garten gekommen." Es ist nicht mehr alles wie immer in Großgründlach. 

Claudine Stauber Lokalredakteurin Nürnberg E-Mail

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