Montag, 11.11.2019

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Die Würde des Menschen ist unantastbar

Der erste und wichtigste Artikel der Grundrechte: Debatten um Leben und Tod - 17.05.2019 16:36 Uhr

Die Würde des Menschen ist unantastbar. © Jens Roth


Wann beginnt das Leben? Und haben Menschen das Recht zu entscheiden, wann es enden soll? Sollen Wissenschaftler menschliches Erbgut verändern dürfen, wenn sie dadurch Leid ersparen? Auf diese Fragen gibt es keine richtigen oder falschen Antworten. Es gibt nur viele Meinungen – und eine Konstante: Wer darüber diskutiert, nimmt früher oder später ein Wort in den Mund: Würde.

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das weiß fast jeder. Doch kaum jemand weiß, was der erste und wichtigste Artikel der Grundrechte bedeutet.

Das zeigen die Debatten um den Anfang und das Ende des Lebens. Der medizinische Fortschritt hat Menschen ein Mitspracherecht gegeben. Naturwissenschaftler müssen sich mit Ethik und Moral beschäftigen. Ultraschalluntersuchungen offenbaren irreparable Gendefekte bei ungeborenen Kindern. Ärzte können Hirntote am Leben erhalten. Für viele Menschen sind diese Errungenschaften ein Segen – sie werfen aber auch neue Fragen auf: Wo greift man ein, wo lässt man der Natur ihren Lauf? Wann hat ein Leben keinen Sinn mehr? Wenn ein Embryo behindert ist, oder ein todkranker Mensch unerträgliche Schmerzen leidet? Endet die Sinnhaftigkeit des Lebens überhaupt? Und wenn ja, wer darf darüber entscheiden?

Statt gemeinsam Antworten zu suchen, werfen sich beide Seiten ein Wort an den Kopf, unter dem jeder etwas anderes versteht: Würde. So verkommt ein großer Begriff zu einem Totschlagargument.

Sollen Menschen sich helfen lassen dürfen, ihr Leben zu beenden? Ja, sagen die einen: Jeder Mensch muss selbst entscheiden dürfen, wann er sterben will. Der Staat muss diese Entscheidung unterstützen und ermöglichen. Denn Selbstbestimmung ist ein Teil der Würde. Nein, sagen die anderen: Jedes Leben ist würdevoll und schützenswert. Kein Leben darf, auch nicht aus freiem Willen, beendet werden. Ein krankes und leidvolles Leben zu beenden unterstellt, dass es würdelos sei.

Sollen schwangere Frauen selbst entscheiden dürfen, ob sie ein Kind zur Welt bringen? Ja, sagen die einen: Jede Frau muss selbst entscheiden dürfen, ob sie eine bestehende Schwangerschaft beenden will oder nicht. Denn Selbstbestimmung ist ein Teil der Würde. Nein, sagen die anderen:

Jeder Mensch besitzt Würde. Jeder Embryo hat das Potenzial, ein Mensch zu werden. Daher beginnt die MenschenWürde bereits im Mutterleib. Eine Schwangerschaft darf also nicht beendet werden, weil man die Würde der Frau nicht gegen die Würde des Embryos aufwiegen darf.

Diese Argumentationen zeigen zwei Dinge: Würde ist in unserer Gesellschaft Auslegungssache. Und Würde ist ein Füllwort, das konstruktive Debatten verhindert. Argumente mit dem Argument Würde zu beenden, führt lediglich dazu, dass man sich über die Auslegung dieses Begriffes streitet. Und das bringt den praktischen Fragen einer ethischen Debatte nichts.

Versucht man es dennoch, endet das so: Was ist Würde? Würde ist, wenn ein Mensch seinen Tod selbstbestimmt wählen darf. Aber was heißt Selbstbestimmung? Selbstbestimmung heißt: Ein Mensch darf seinen freien Willen umsetzen. Auch wenn die Existenz eines anderen betroffen ist, wie beim Schwangerschaftsabbruch? Oder nur wenn es niemand anderen betrifft, wie beim Freitod? Aber unterstellt man damit nicht, ein Leben sei nicht lebenswert? Und spricht ihm damit die Würde ab? Und dann ist man wieder am Anfang: Was ist Würde? Würde ist, wenn ein Mensch seinen Tod...

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Sieben Aufreger: Wann und warum die Grundrechte geändert wurden

Die Verfassung im Jahr 2019 sieht anders aus als 1949 – genau wie die Gesellschaft, für die sie geschrieben wurde. In 70 Jahren Grundgesetz gab es über 60 Änderungen. Zwei Drittel der Abgeordneten des Bundestags und der Bundesrat müssen einer Verfassungsreform zustimmen. Die ersten 19 Artikel sind dabei besonders geschützt. Sie bilden das Fundament der Gesellschaft. Keine Änderung darf den Wesensgehalt des jeweiligen Grundrechts antasten. Dennoch kam es in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland insgesamt siebenmal zu einer Änderung – und fast jede hatte heftige Auseinandersetzungen zur Folge. Denn wer die Grundrechte verändert, verändert auch die Gesellschaft.


Vermischt man die Diskussion um die Interpretation von Würde mit den eigentlichen Grundsatzfragen, führt das nur zu Stagnation. Man kann einen abstrakten Begriff wie Würde nicht einfach an Beispielen jedes Mal neu verhandeln. Und gleichzeitig kann die praktische Debatte um Sterbehilfe oder Schwangerschaftsabbruch nicht mit einem abstrakten Begriff gelöst werden. Schon gar nicht mit einem Begriff, über dessen Bedeutung man sich nicht einig ist. Würde ist kein unantastbares Argument, das man immer dann vorbringen kann, wenn es an besseren Argumenten fehlt. Wenn der Begriff der Würde wahllos verwendet wird, wird er bedeutungslos.

Dass Würde im ersten Artikel unseres Grundgesetzes steht, hat Sinn. Nagelt man diesen Begriff jedoch auf eine Definition fest, verhindert er konstruktive Debatten. Vor allem dann, wenn für dieselbe Frage die Argumente dafür und dagegen mit Würde begründet werden. Noch dazu ist es so: Denkt man Würde in der Praxis zu Ende, so hat eine Regelung, die mit ihr argumentiert, oft ungeahnte Konsequenzen.

Helga ist 85 Jahre alt und todkrank. Auf einer Skala von 1-10 hat sie Schmerzen der Stärke 10. Jeden Tag. Sie will sterben. Würde beinhaltet Selbstbestimmung, also erlaubt man Helga zu sterben. Ein Arzt unterstützt sie beim Suizid.

Emma ist 8 Jahre alt und todkrank. Auf einer Skala von 1-10 hat sie Schmerzen der Stärke 10. Jeden Tag. Sie will sterben. Auch ihre Würde beinhaltet Selbstbestimmung.

Und jetzt?

Dies ist ein Projekt der Deutschen Journalistenschule in München. Redaktion: Christopher Bonnen, Fabian Herriger, Maxim Landau, Magdalena Latz, Sara della Malva, Cornelia Neumeyer, Henrik Oerding, Magdalena Pulz, Anton Rainer, Sophie Spelsberg, Felix Wellisch, Jonas Weyrosta.

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