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Donnerstag, 23.05.2019

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Erfolgreiche Frauen sind Zicken, Männer willensstark

Bessere Abschlüsse, aber schlechtere Aufstiegschancen: Es hakt mit der Gleichstellung

Kathrin S. Trump ist Diplom-Kulturwirtin. Sie arbeitete in einer Unternehmensberatung, bei einem Automobilzulieferer leitete sie Projekte zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie. 2010 gründete sie das Institut für Diversity Management Nürnberg mit. Verwandt mit dem US-Präsidenten ist sie nicht. © Sibylle Kölmel


Frau Trump, in Diskussionen werden Redebeiträge von Frauen gerne überhört oder ihre Ideen von männlichen Kollegen kassiert. Berufseinsteigerinnen holen sich immer wieder blutige Nasen, weil die subtilen Machtspiele schwer zu durchschauen sind. Warum fängt jede Generation quasi wieder bei null an?

Kathrin S. Trump: Wenn ich Strukturen noch nicht selber erlebt habe, ist es schwer, sich vorzustellen, wie Systeme funktionieren. Erst wenn Frauen in Führungspositionen Anfängerinnen berichten, wie hart der Weg nach oben war und dass es nicht so leicht ist, wie sie denken, weicht bei vielen die Ungläubigkeit. Am Anfang denken Frauen oft: Hey, wir haben die gleichen Chancen wie die Männer. Der Blick hinter die Kulissen zeigt jedoch ein anderes Bild.

Könnten Frauen in gehobenen Positionen ihre Geschlechtsgenossinnen mehr unterstützen?

Trump: Zuweilen findet sich bei erfolgreichen Frauen die Haltung: Ich hatte es so schwer, nach oben zu kommen, warum sollte ich jetzt anderen helfen? Das ist nicht förderlich, Frauen sollten zumindest ein Stück weit ihre Erfahrungen weitergeben und auch als Rollenvorbilder sichtbar werden. Wobei das nicht leicht ist. Denn wenn eine Chefin darüber auspackt, durch welche männlichen Seilschaften ihre Karriere behindert wurde, wird das schnell politisch. Sie betritt karrierestrategisch dünnes Eis und macht sich angreifbar. Frauennetzwerke sind ein guter Ort, um sich über die subtilen Mechanismen auszutauschen.

Frauen haben oft bessere Studienabschlüsse, aber Karriere machen Männer. Gegen welche gläsernen Wände rennen Frauen an?

Trump: In den Unternehmen sind mehr Männer an der Spitze, sie können alleine aufgrund ihrer größeren Anzahl eher andere Männer persönlich fördern, als das die wenigen Frauen in Leitungspostionen mit Geschlechtsgenossinnen tun können. Frauen müssen dafür sorgen, im Unternehmen mit ihrer Leistung sichtbar zu werden, zum Beispiel ihre Projekte gegenüber der nächsthöheren Leitungsebene selber zu präsentieren und dies nicht ihrem Chef zu überlassen. Sie müssen in Netzwerken auftauchen, in denen über Karrieren entschieden wird.

Da reinzukommen, ist aber doch oft schon die Hürde, oder?

Trump: Wir analysieren in Unternehmen anhand von Interviews mit Führungskräften die Aufstiegskultur. Man will manchmal nicht glauben, was Frauen im geschützten Rahmen erzählen. Wenn sich Kollegen regelmäßig zum Fußballgucken im Stadion verabreden und die Kolleginnen dazu erst gar nicht eingeladen werden, die Entscheidungen jedoch dann beim anschließenden Bier ohne die Frauen getroffen werden — was sollen Frauen da machen?

Frauen, die sich durchsetzen, gelten als Zicken, erfolgreiche Männer als willensstark.

Trump: Stimmt. Das Berufsleben ist für Frauen auch deshalb so kräftezehrend, weil es für sie keinen sicheren Hafen gibt. Treten sie zu weiblich auf, wird ihnen Kompetenz abgesprochen. Imitieren sie zu sehr männliches Verhalten, wirken sie unsympathisch. Frauen müssen auf einer Metaebene mitdenken, welcher Bewertung ihr Verhalten unterliegen könnte. Das führt zu einer inneren Anspannung. Es ist kein Wunder, dass Frauen in Verantwortung oft hart wirken oder sich stärker in einer Verteidigungshaltung befinden als Männer, sie sind schließlich oft angegriffen worden.

Die Spielregeln der Arbeitswelt sind subtil. Auch Männern sind sie nicht immer bewusst, weshalb viele überzeugt sind, dass Frauen die gleichen Chancen haben. Dem ist aber nicht so. © Maurizio Gambarini/dpa


Welche kleinen Schritte können zu mehr Gleichberechtigung führen?

Trump: Erst einmal muss auch bei den Frauen ein Bewusstsein dafür da sein, welche Spielregeln und Karrierestrategien es gibt. Bei Stereotypisierungen gilt immer, dass ich zugleich Opfer und Täter bin. Auch Frauen unterliegen den unbewussten Rollenvorstellungen der Gesellschaft. Auch sie sehen in starken Frauen gerne die Zicke. Weshalb es im Übrigen nicht ausreicht, etwa bei Vorstellungsgesprächen Besetzungskomitees paritätisch zu besetzen. Wenn ich aber in meinem Wirkungskreis mit bewusstem Blick unterwegs bin, kann ich eine Frau, die in Konferenzen nicht zu Wort kommt, zur Seite nehmen, um mit ihr darüber zu sprechen.

Muss man die Männer mit ins Boot nehmen, um etwas verändern zu können?

Trump: Unbedingt. Es wird zu wenig kommuniziert, dass es darum geht, gleiche Startchancen für alle zu schaffen. Auch die Frauenquote soll ja nicht dazu führen, schlechte Frauen nach oben zu bringen, sondern endlich einen fairen Wettbewerb zu starten. Für mich ist die Quote daher eher ein notwendiges Übel als die Wunderwaffe in Sachen Chancengleichheit. Wenn Männer das Gefühl haben, dass sich jetzt die Frauen gegen sie verbünden, ist das schlecht. Aber wenn sich alle als Individuen begegnen, führt das vielleicht zu einer anderen Führungskultur. Die bestehende lässt ja auch nur einen bestimmten Typus Mann zu. Es gibt aber immer mehr Männer, die Familie und Karriere vereinbaren möchten und dies aktiv einfordern. Die Zahl der Väternetzwerke in Firmen ist gestiegen.

Viele jüngere Frauen fallen in der Phase der Familiengründung zurück in traditionelle Rollenbilder, sie arbeiten selbstverständlich Teilzeit und ordnen die Karriere der Familie unter. Woran könnte das Ihrer Meinung nach liegen?

Trump: Ich denke, das hat viele Gründe. Diese Frauen sind in den 80er Jahren aufgewachsen und da war das Rollenverständnis konservativer als heute. Das steckt vielleicht noch in ihnen drin. Dann erleben sie eine Gruppendynamik: Andere Frauen bleiben bei den Kindern daheim und stecken beruflich zurück, dann tun sie das eben auch. Und dass Männer oft mehr verdienen, auch weil Frauen schlechter bezahlte Berufe ergreifen, spielt auch eine Rolle. Ich habe den Eindruck, dass es wenig Hinterfragen gibt, ob das, was ich tue, wirklich meine freie Entscheidung ist. Frauen sollten Männern aber auch mehr zutrauen — auch der Papa kann das Kind betreuen, wenn es krank ist.

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Ute Möller E-Mail

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