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Falsch-positive Corona-Tests? So selten sind Laborfehler wirklich

Wirbel um mehrere Bundesliga-Spieler - Virologe kontert Verunsicherung - 30.10.2020 05:49 Uhr

Auch am Nürnberger Nordklinikum werden PCR-Tests ausgewertet.

27.10.2020 © Roland Fengler, NNZ


Die Ostsee sollte es sein. Keine Flugreise, nur ein kleiner Trip innerhalb Deutschlands kurz vor dem Ende der Sommerferien. Für Carla Krämer, die eigentlich anders heißt, endete der Urlaub im hohen Norden aber mit häuslicher Isolation. Nach einem freiwilligen Test in Ansbach wurde die Fränkin positiv auf das Coronavirus getestet. "Ich glaube aber nicht, dass ich infiziert war", sagt sie. "Auf dem Ergebnis stand 'BayernAirportsTesting', doch dort war ich nie." Stattdessen wurde der Abstrich Anfang September im Gemeindeteil Schalkhausen genommen, gut 50 Kilometer vom nächsten Flughafen entfernt. "Ich glaube, die Proben wurden einfach verwechselt. Auch zwei weitere Abstriche und ein Antikörper-Test schlugen im Nachhinein nicht bei mir an."


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Dutzender skeptischer Nachfragen erreichen unsere Redaktion, Tag für Tag. Manche prangern offensiv eine vermeintliche Verschwörung an, die Pandemie finde wegen zu vieler fehlerhafter Ergebnisse nur in überforderten Laboren statt. Andere sind einfach nur verunsichert. Vorfälle, wie in Augsburg, wo gleich 58 von 60 Tests falsch-positiv waren, sorgen für Unruhe. Dort reagierten ungeeignete Nachweismittel mit einer eigentlich coronafreien Probe. Ein Materialfehler, der massenhaft falsche Diagnosen produzierte.

Ein Nährboden für den Arzt, dem die Corona-Leugner vertrauen. Bodo Schiffmann ließ kürzlich Millionen Flyer in deutschen Briefkästen einwerfen. "Wenn man zu viel testet, bekommt man zu viele Fehler", heißt es dort. Die Fehlerquote liege bei einem bis zwei Prozent - und genau deshalb gebe es den Anstieg der Fallzahlen gar nicht.

Experten widersprechen vehement, allein schon der Begriff "falsch-positiv" führt viele Laien in die Irre. "Positive Proben kann man auch bei Infizierten bekommen, die inzwischen genesen sind", sagt Klaus Korn vom Virologischen Institut der Uniklinik Erlangen. "Das Virus kann auch nach der Genesung noch über einige Tage, manchmal sogar Wochen, nachweisbar sein." Heißt: Der Betroffene war infiziert, ist jetzt aber nicht mehr ansteckend.

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In den vergangenen Tagen sorgte vor allem die Fußball-Bundesliga mit womöglich falsch-positiven Tests für Schlagzeilen. Etwa bei den Würzburger Kickers, wo drei vermeintlich Infizierte in Quarantäne mussten. Nach Angaben des Vereins habe das zuständige Labor bestätigt, dass es sich um fehlerhafte - also eigentlich negative - Tests handle. In Heidenheim geht es um gleich vier Spieler, der Zweitligist erwägt rechtliche Schritte. "Die Prüfung (...) gegen das zuständige Labor ist unsere Pflicht, da die Vorbereitung der Mannschaft auf unser Spiel gegen den VfL Osnabrück empfindlich gestört wurde und uns in den vergangenen Tagen im Zuge der Testungen ein finanzieller Mehraufwand sowie Imageschaden entstanden ist", sagt ein Vereinssprecher auf Nachfrage der Nürnberger Nachrichten. Und auch der Champions-League-Sieger FC Bayern München vermutet mit Serge Gnabry einen irrtümlich aus dem Verkehr gezogenen Spieler. Dessen Quarantäne wurde mittlerweile vom zuständigen Gesundheitsamt aufgehoben.

Was dort schief lief, bleibt zunächst unklar. Die Vereine und die Deutsche Fußball-Liga wollen aufklären, die sogenannte Task-Force "Sonderspielbetrieb" durchleuchtet die Vorfälle. Über die Häufigkeit der womöglich falsch-positiven Proben wundern sich aber auch die Verantwortlichen.

Ministerium: "Höchst zuverlässige Ergebnisse"

Auch Klaus Korn kann nur spekulieren, wie es zu den Ergebnissen kam. "Was genau die Ursache für ein falsch-positives Testergebnis ist, lässt sich nicht sagen." Der Mediziner spricht von Störfaktoren, die ein Fluoreszenzsignal auslösen können, das dem von echten positiven Proben ähnelt, die eine geringe Viruskonzentration enthalten.


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Sars-CoV-2 wird mit dem sogenannten PCR-Verfahren diagnostiziert, die Abkürzung steht für Polymerase-Ketten-Reaktion. Dabei werden bestimmte Sequenzen des Virus-Erbgutes vervielfältigt, um sie nachweisen zu können. Entscheidend sind dabei zwei Parameter. Die Spezifität zeigt, wie häufig ein Test bei Nicht-Infizierten ein korrekt-negatives Ergebnis liefert. Die Sensitivität gibt an, wie häufig ein Test anschlägt, wenn jemand tatsächlich corona-positiv ist. "Derzeit kommen RT-PCR-Verfahren zum Einsatz, bei denen sowohl eine sehr hohe Spezifität als auch Sensitivität gegeben ist", heißt es aus dem bayerischen Gesundheitsministerium. "Unserer Erfahrung nach liefert die Diagnostik höchst zuverlässige Ergebnisse." Auch das Robert-Koch-Institut geht in einer Analyse von einer quasi Null-Prozent-Fehlerquote aus – zumindest dann, wenn Abstriche ordnungsgemäß vorgenommen werden.

"Da landen wir dann vielleicht bei einem auf einer Million"

Insgesamt 76 Labore werten allein in Bayern jeden Tag Tausende Coronavirus-Abstriche aus. Eine einheitliche Praxis gibt es dabei nicht. "Labore arbeiten mit unterschiedlichen Testsystemen und beziehen eigenverantwortlich die dafür benötigten Materialien", teilt das Gesundheitsministerium mit. Der absolute Großteil sucht dabei nach mehreren Zielgenen, also unterschiedlichen Sequenzen des Erregers. Das erhöht die Zuverlässigkeit der Tests massiv.

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Doch wie hoch ist nun die Zahl der tatsächlich Falsch-Positiven? Daten dazu kann das Gesundheitsministerium nicht nennen. "Eine recht gute Spezifität in der Praxis kann man vielleicht aus den Testungen in unserem Virologischen Institut in den Sommermonaten bekommen", sagt Klaus Korn von der Erlanger Uniklinik. In einem Zeitraum von sechs Wochen wurden dort exakt 9553 Proben ausgewertet, zwei davon waren positiv. "Wenn man davon ausgeht, dass beides falsch-positive waren, ergibt das eine Spezifität von 99,98 Prozent." Weil die beiden Betroffenen aber im Verlauf ihrer Erkrankung immer wieder positiv getestet wurden, müsse man von einer tatsächlichen Infektion ausgehen. "Dass ein wirklich hoch-positives Testergebnis falsch-positiv ist, tritt vermutlich nochmal um den Faktor 100 seltener ein, da landen wir dann bei vielleicht bei einem auf einer Million."

Wurden in der Bundesliga Proben vertauscht?

"Dass immer mal wieder Fußballprofis falsch positive Testergebnisse haben, hat nicht unbedingt etwas damit zu tun, dass Labors hier schlecht oder schlampig arbeiten", sagt Korn. "Das liegt in der Natur der Sache, wenn man sehr viele Tests in Gruppen mit einem sehr niedrigen Infektionsrisiko macht."

Echte Fehler, sagt Korn, könne es aber trotzdem geben. Woche für Woche werden derzeit weit über eine Million Proben in Deutschland ausgewertet. Ein gewaltiger Kraftakt für die Beschäftigten. "Wenn sie unter hohem Zeitdruck und mit zu wenig Personal arbeiten, steigt die Wahrscheinlichkeit sicherlich an", sagt der Virologe. "Das ist im Labor nicht anders als überall sonst auf der Welt."

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Wurden etwa in der Bundesliga einfach Proben vertauscht? Korn hält das für unwahrscheinlich - aber eben auch nicht unmöglich. "Also könnte zum Beispiel bei der Entnahme am Dienstag die Probe von Serge Gnabry falsch etikettiert worden sein und eigentlich ist jemand anderes positiv?" Dann läge das Problem nicht im Labor, sondern bereits davor. Womöglich wurden Abstriche auch nicht so genommen, wie es "korrekterweise sein sollte", sagt der Virologe. "Etwas provokant könnte man sagen, wenn ich unbedingt ein negatives Testergebnis haben will, gehe ich halt mit dem Tupfer nicht weiter als bis zur Zungenspitze." Unterstellen will der Experte den Verantwortlichen aber nichts.

"Die Arbeitsbelastung in unseren Teams ist brutal"

Klar ist: Der Mensch kann im Labor zum Faktor werden. "Die Arbeitsbelastung in unseren Teams ist brutal", sagt Wolf Frederic Kupatt. Er ist Vorstandsmitglied der Akkreditierten medizinischen Labore in Deutschland (ALM). "Wir haben Mitte Februar angefangen und sind in einem anspruchsvollen Marathon." Es gibt krankheitsbedingte Ausfälle, Mitarbeiter müssen bei Corona-Verdacht in Quarantäne - teils werden dann ganze Labore stillgelegt. "Dort werden Tausende Proben pro Tag ausgewertet."

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Ein großer Teil der täglichen Arbeit des Personals ist das sogenannte Ausschütteln, also das Extrahieren der Proben. "Sie sitzen da eine Zeit lang", sagt Michael Müller, Vorstandsvorsitzender der ALM. "Von links und rechts kommen immer mehr Proben." Dabei könne das Gefühl entstehen, gegen ein Berg anzuarbeiten, "der einfach nicht kleiner wird". Solch eine emotionale Belastung dürfe nicht unterschätzt werden, warnen Experten. Den Mitarbeitern ist es bewusst, dass an ihrem Job das Schicksal von Menschen hängt - häusliche Isolation, Lohnausfälle, Familien, die in ihren eigenen vier Wänden eingesperrt werden.


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Gerade bei der Auswertung der Bundesliga-Proben sei der Zeitdruck oft hoch. Nachtestungen seien bei fraglichen Befunden üblich, bei Zweifeln halten Labore Rücksprache mit den behandelnden Ärzten, klären Symptome ab. So sollen Fehler minimiert werden. "Wenn man die Zeit hat, ist das prima"; sagt ALM-Vorstand Evangelos Kotsopoulos. "Wenn man das aber unter Zeitdruck macht, weil die Mannschaft schon im Bus sitzt, kann das problematisch sein." Grundsätzlich laufen die Testungen im Profisport aber "sehr routiniert, rund und unaufgeregt".

Nürnberger Schulklasse wegen falsch-positivem Test in Quarantäne

Die Folgen, die ein falsch-positiver Test haben kann, sind immens. Nicht nur im Profifußball, auch im Alltag und für Jedermann. An einem Nürnberger Gymnasium mussten eine komplette Klasse und mehrere Lehrer in Quarantäne geschickt werden - eine Schülerin war zuvor positiv getestet worden. "Das Ergebnis wurde zwei Tage später korrigiert", sagt der Schulleiter, die Isolation wurde aufgehoben. "Das ist natürlich ärgerlich", erklärt der Rektor. "Aber lieber einmal zu vorsichtig sein als andersherum."

Das Problem ist aber womöglich ein anderes. Die Verunsicherung, gerade nach den Schlagzeilen aus der Bundesliga, hat das Potenzial, die Gesellschaft tief zu durchdringen. Verschwörungstheoretiker wittern das. "Nie wieder werde ich freiwillig einen solchen Test machen, solange man mich nicht dazu zwingt", sagt Carla Krämer, die Fränkin, die bei sich von einer falsch-positiven Diagnose ausgeht. 20 Tage war die Mutter in Quarantäne, gemeinsam mit ihren Kindern. Eine extreme Belastung für die Familie. "Das ist eine sehr lange Zeit, vor allem, wenn man grübelt, ob man denn nicht die ganze Zeit negativ gewesen ist", sagt Krämer. Für sie ist klar: So etwas wie die häusliche Isolation will sie möglicherweise grundlos nicht noch einmal erleben.

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