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FCN-Zaubermaus Zarate: "Ich bin Nürnberg sehr dankbar"

Der Argentinier wirbelte einst wunderbar für den Club - 06.04.2020 14:52 Uhr

Die "Zaubermaus" aus Argentinien. Sergio Zarate absolvierte sein erstes Spiel gegen Wattenscheid auf Schnee - und erzielte trotz der für ihn ungewohnten Platzverhältnisse gleich ein Tor. Den Club-Fans bleibt er aber vor allem wegen seines Doppelpacks in München in Erinnerung.

© Bongarts


Vor knapp über 28 Jahren, am 28.03.1992 gewann der FCN sein letztes Gastspiel in München. Wie haben Sie den Tag in Erinnerung?

Sergio Zarate: Ich erinnere mich an jedes Detail. Es war ein kalter Tag. Als wir aus dem Hotel gekommen und Richtung Stadion gefahren sind. Uns sind tausende Bayern-Fans entgegengekommen, die uns beleidigt haben. Und dann waren da die ganzen Club-Fans, die ganze Tribüne war voll – 15.000, die dich sehen wollen. Wir haben uns sehr wohl gefühlt. Auch das Frankenstadion war bei Heimspielen immer voll. Der Club hat für mich neben Schalke und Dortmund die besten Fans des Landes.

Auf der Tribüne gab es einen besonderen Gast…

Zarate: Genau. Der Nationaltrainer Argentiniens war gekommen und hat mich nach dem Spiel in die Nationalmannschaft berufen. Das war doppelte Freude. Erst gewinnen wir gegen die Bayern im Olympiastadion, in ihrem Zuhause, ich schieße zwei Tore, und danach werde ich in die Nationalmannschaft nominiert. Es war ein historisches Spiel. Für die ganze Mannschaft war es ein traumhafter Tag, von der Abwehr über das Mittelfeld bis zum Sturm.

Christian Wück und Sergio "Zaubermaus" Zarate feiern am 28. März 1992 im Münchner Olympiastadion den historischen 3:1-Erfolg beim FC Bayern.

© Eckert


Christian Wück wurde in der 18. Minute eingewechselt und leitete kurz danach den Prestigeerfolg des FCN im Olympiastadion ein…

Zarate: Genau. Christian Wück machte den Ausgleich zum 1:1 per Kopf. Kurz danach wurde ich gefoult, es gab Elfmeter. Ich nahm mir den Ball und Hansi Dorfner fragte mich: Bist du sicher Sergio? Schießt du? Ich sagte ihm: Ja, ich mache das. Der Club hatte in den Spielen davor drei oder vier Elfmeter verschossen. Aber in diesem Moment fühlte ich mich selbstbewusst genug. Hansi fragte mich erneut und ich versicherte ihm: Ja, ich schieße. Schon als kleines Kind habe ich mit meinen Freunden immer Elfmeterschießen geübt.

Waren Sie nicht nervös?

Zarate: In Wahrheit war ich sehr nervös, mir haben die Beine gezittert. Ich ging also zum Elfmeterpunkt - und verwandelte. Das war ein unglaubliches Glücksgefühl. Ich habe aus ganzer Seele geschrien. Das dritte Tor habe ich dann auch noch gemacht. Nach dem Spiel habe ich mein Trikot ausgezogen und den Fans geschenkt. In der Kabine haben wir gefeiert und gesungen.

War diese Partie ihr wichtigstes Spiel beim FCN?

Zarate: Dieses Erlebnis werde ich niemals vergessen. Das war einer der glücklichsten Nachmittage, die ich mit dem FCN jemals hatte.

München das "Monster Europas"

Sie kennen sich in Argentinien mit Derbys aus, River Plate gegen Boca Juniors ist das Derby schlechthin. Wussten Sie vor dem Spiel gegen die Bayern um die spezielle Bedeutung?

Zarate: Ja, natürlich. Ich wusste, dass das Derby gegen die Bayern ein Klassiker ist. Der Club war stark und groß in Nürnberg, aber München - das war das Monster Europas. Im Olympiastadion waren wir dann trotzdem nur der kleine Bruder. Wir hatten aber überhaupt keine Angst. Die Verteidiger haben ein tolles Spiel gemacht, Andi Köpke war eine unglaubliche Figur. Das Mittelfeld war das Scharnier der Mannschaft.

Selbstbewusst vom Punkt: Sergio Zarate trifft aus elf Metern und dreht die Partie gegen die Bayern noch vor der Halbzeit zu Gunsten des FCN.


Wie war Ihre Anfangszeit in Nürnberg?

Zarate: Zu Beginn war es sehr schwierig. Ich sprach eigentlich kein Wort Deutsch, nur Spanisch. Ich hatte auch nicht die Möglichkeit, Englisch zu lernen. Ich hatte keine ausreichende Schulbildung, um das alles lernen zu können. Teilweise fühlte ich mich sehr einsam und isoliert, weit weg von der Heimat. Meine Mannschaftskollegen versuchten aber immer, mir ein gutes Gefühl zu geben. Wenn ich in die Garderobe kam, konnte ich nur "Guten Morgen" sagen. Ich hatte großartige Kollegen: Thomas Brunner, Hansi Dorfner, Dieter Eckstein, Uwe Wolf, Marco Kurz, Andi Köpke, um einige davon zu nennen. Sie waren großartige Begleiter, an die ich mich immer erinnern werde.

Erinnern Sie sich an Ihr erstes Spiel?

Zarate: Ja, ich debütierte gegen Wattenscheid in der Saison 91/92. Es war das erste Mal, dass ich im Schnee spielte, das erste Mal, dass ich überhaupt Schnee sah. Ich schoss gleich mein erstes Tor, wir gewannen 4:2. An diesem Tag begann ich, eine kleine Geschichte mit dem Club zu schreiben.

Die Beziehung zu den Journalisten war nicht immer einfach, Sie wurden oft in den Medien kritisiert. Wo lag das Problem?

Zarate: Ich konnte mit ihnen überhaupt nicht kommunizieren, weil ich kein Deutsch konnte. Es gab zu der Zeit auch keine Übersetzer. Nicht so wie heute. Der Fußball ist mittlerweile so globalisiert, die Mannschaften bieten ihren Spielern einen großen Service. Ich hatte damals nie die Möglichkeit, mit den Journalisten zu sprechen. Sie kamen zwar immer, aber sprachen nur auf Deutsch. Deshalb konnte ich die Fragen, die sie mir stellten, zunächst einmal nicht ganz verstehen. Das führte zu vielen Missverständnissen. Ich konnte mich nie so ausdrücken, wie ich es gern getan hätte. Ich bedauere das wirklich, dass ich keinen guten Dialog mit ihnen führen konnte. Ich hätte mir gewünscht, dass die Leute wissen, wie ich mich gefühlt habe.

Sergio Fabian Zarate raste als "Zaubermaus" von 1990 bis 1992 und in der Saison 1993/94 beim 1. FC Nürnberg durchs Frankenstadion.

© Herbert Liedel


Haben Sie noch Kontakt zu Spielern von damals?

Zarate: Ich halte zu einigen noch Kontakt über Facebook. Ein paar spielen immer noch Fußball, einige sind Trainer, andere sind Spielervertreter.

Wer war für Sie der beste Fußballspieler in der Bundesliga in den 90er Jahren?

Zarate: Das ist eine schwierige Frage. Es gab zu dieser Zeit sehr gute Spieler, große Namen. Lothar Matthäus von den Bayern zum Beispiel. Ich erinnere mich an einen großen Torschützen, Anthony Yeboah, der für Frankfurt spielte. Herausragende Figuren wie ein Messi, Neymar, Cristiano, die den Unterschied machen, an so einen Spieler erinnere ich mich nicht. Für mich war einer der besten Spieler zu dieser Zeit Andi Köpke. Ein unglaublicher Torhüter.

Haben Sie heute einen Lieblingsspieler oder Lieblingsklub in der Bundesliga?

Zarate: Meine Lieblingsmannschaft wird immer der Club sein. Mein Herz wird bis zu meinem Tod an dem Verein, der Stadt und den Fans hängen. Sie haben mich sehr glücklich gemacht und mir viel Liebe gegeben. Ich bin dieser Stadt sehr dankbar. Es ist schön, dass sich noch so viele Club-Fans an mich erinnern.

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Spielen Sie noch Fußball?

Zarate: Mittlerweile spiele ich kein Fußball mehr. Ich spiele zum Spaß Tennis, um etwas Sport zu treiben.

Was machen Sie mittlerweile beruflich in Argentinien?

Zarate: Ich bin Spielerberater und habe eine Firma, Onlycracks, die Spieler aus verschiedenen Teilen der Welt vertritt. Wir arbeiten mit vielen jungen Spielern aus der ganzen Welt.

Mit Uwe Wolf spielten Sie zuerst in Nürnberg, dann in Mexiko bei Necaxa. Was war der größte Unterschied zwischen den beiden Ländern?

Zarate: Es war ganz anders. In Deutschland war der Fußball viel körperlicher und professioneller. In Mexiko war die Professionalität nicht so vorhanden. In Deutschland waren die Fans viel fanatischer, der Mannschaft gegenüber loyaler. In Mexiko wechseln die Fans ihre Mannschaften wie ihre Kleidung.

Uwe Wolf, heute ein enger Freund von mir, war auch damals ein großartiger Teamkollege und Spieler. Er war ein sehr harter und starker Verteidiger, Gegner hatten es schwer, an ihm vorbeizukommen. Als ich zu Necaxa wechselte, brauchte die Mannschaft einen Abwehrspieler. Ich sagte meinem Trainer, dass ich jemanden kenne und brachte Uwe nach Mexiko. Im ersten Jahr wurden wir gleich gemeinsam Meister.

Gemeinsam mit Uwe Wolf spielte Sergio Zarate bei Club Necaxa in Mexiko - das Aztekenstadion ist eines der größten Fußballstadien der Welt.


Es waren also erfolgreiche Zeiten in Mexiko?

Zarate: Es war eine absolut erfolgreiche Zeit. Wir waren die Mannschaft des Jahrzehnts, haben fünf Meisterschaften gewonnen. Ich wurde mehrere Jahre lang zum besten Spieler gekürt, war der beste Ausländer. Auch Uwe hatte eine gute Karriere in Mexiko. Bis heute pflegen wir eine große Freundschaft.

Ein weiterer sehr beliebter Argentinier hier in Nürnberg ist Javier Pinola – kennen Sie sich?

Zarate: Ja, wir haben manchmal Kontakt. Wir respektieren uns sehr, wir waren schließlich beide Spieler im gleichen Verein. Er ist immer noch aktiv, ist Teil einer bekannten Mannschaft und spielt für sein Alter immer noch sehr gut.

Reden Sie manchmal über die vergangenen Zeiten in Nürnberg?

Zarate: Ja, natürlich. Immer wenn wir miteinander reden, erinnern wir uns an unsere Zeit in Nürnberg. Er ist der Stadt auch sehr dankbar, er wurde hier sehr gut behandelt.

Die Lockenmähne ist mittlerweile ab - Sergio Zarate, hier mit seiner Lebensgefährtin, ist heute Spielerberater in seiner Heimat Buenos Aires.

© Screenshot Instagram


Sprechen Sie noch ein bisschen deutsch?

Zarate: Ich verstehe noch ein bisschen, Guten Morgen, Danke, das kann ich noch. (lacht)

Gibt es etwas, was Sie den Club-Fans sagen möchten?

Zarate: Ich liebe Nürnberg, es ist eine wunderschöne Stadt. Nürnberg hat mich sehr glücklich gemacht. Die Menschen haben mich geliebt und erinnern sich heute noch an mich. Ich bin dem Verein und seinen Fans sehr dankbar, denn sie haben mir viel Zuneigung entgegengebracht. Auf den Straßen, im Stadion, überall haben sie mir ein gutes Gefühl gegeben.

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