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Kaufen und wegschmeißen: Ist Fast Fashion die Zukunft?

Junkfood-Mode – wie wir Klamotten verschlingen - 17.12.2020 16:19 Uhr

Fast Fashion vs. Slow Fashion

Laut Greenpeace bleibt fast die Hälfte des Inhalts unseres Kleiderschrankes ungetragen. Wieso kaufen wir das Doppelte von dem, was wir tatsächlich anziehen? Das ist die Falle der Fast-Fashion-Idee. Die Massenware erreicht in immer kürzeren Zyklen die Geschäfte. Marktführer wie Zara und H&M bieten jedes Jahr bis zu 24 neue Kollektionen an. Das Paradoxe: Wir kaufen und schmeißen gleichzeitig weg. In Europa landet 75 Prozent der Kleider auf der Müllkippe oder wird verbrannt, das sind bis zu 5,8 Millionen Tonnen Stoff pro Jahr, so Kirsten Brodde von Greenpeace. Sie legt in einem Video dar, wie Konzerne Unmengen an nicht verkaufter Ware im großen Stil vernichten. Das bedeutet im Umkehrschluss: Fast Fashion ist so wenig wert, dass es billiger ist, Saison-Ware zu vernichten, als sie aufzuarbeiten.

2019 stößt die Bekleidungsindustrie 1.458 Millionen Tonnen Treibhausgase in die Umwelt aus – mit alarmierenden Folgen für unsere Umwelt.

15.12.2020


Unsere Umwelt leidet

Billigmode verkauft sich gut. Doch zu welchem Preis? Die Mode- und Textilindustrie beutet knappe Ressourcen wie Baumwolle, Erdöl und Wasser aus. Für den Anbau von Baumwolle setzen sie große Mengen an umweltschädlichen Pestiziden und Düngern ein. Zudem verbraucht die Herstellung der Stoffe hohe Mengen an Energie und Chemikalien, darunter sind 20 gesundheits- und umweltgefährdend, wie Bleichmittel und Schwermetalle. Diese giftigen Stoffe gelangen in unsere Natur und verschmutzen die Meere. Die produzierten Klamotten werden anschließend in Containerschiffen nach Europa exportiert, so Greenpeace. Ein langer Transportweg, der unserem Ökosystem zusätzlich Schaden zufügt. Das Resultat sieht folgendermaßen aus: 2019 stößt die Bekleidungsindustrie 1.458 Millionen Tonnen Treibhausgase in die Umwelt aus. 522 Millionen Kilogramm Mikrofasern gelangen bei der Herstellung in die Ozeane. Die Folgen für unsere Umwelt sind alarmierend.

Nicht einmal alle TextilarbeiterInnen erhalten den monatlichen Mindestlohn von umgerechnet 79 Euro.

15.12.2020


Der Ursprung unserer Kleidung

Die Kampagne für Saubere Kleidung von der Christlichen Initiative Romero (CIR) enthüllt weitere erschreckende Fakten und kritisiert die Arbeitsbedingungen in Billiglohnländern. Der Deutsche arbeitet in der Woche durchschnittlich 40 Stunden. Kaum vorstellbar, dass in Produktionsländern, wie Sri Lanka, ein/e TextilarbeiterInn im Vergleich doppelt so viel arbeitet. Und das unter teils menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen, wie die Studie der CIR offenlegt. Hinzu kommt die Tatsache, dass nicht einmal alle Angestellten den monatlichen Mindestlohn von umgerechnet 79 Euro erhalten. Laut der "Asia Floor Wage Alliance" in Sri Lanka stünde ein existenzsichernder Lohn bei mindestens 296 Euro. Fast Fashion ist keine wahllose Bezeichnung. Das Ziel: viel und billig produzieren. Das wirkt sich in erster Linie auf die Textilproduktion aus. Der hohe Zeit- und Preisdruck verursacht unwürdige Arbeitsbedingungen. Knapp die Hälfte aller ArbeiterInnen in der Textilbranche in Sri Lanka leiden an arbeitsbedingten Krankheiten. Zwar schafft der globale Modekonsum Arbeitsplätze und Wachstum in Entwicklungsländern, aber hinterlässt dort auch den Großteil an ökologischen und sozialen Kosten, so die CIR-Kampagne. Die Umsätze der großen Marken steigen kontinuierlich, dennoch produzieren Millionen von Menschen weiterhin unter extrem schlechten Bedingungen unsere Kleidung, die – kaum getragen – bereits wieder entsorgt wird.


 T-Shirts für zwei bis drei Euro? Viele hinterfragen die günstigen Preise und setzen stattdessen auf nachhaltig produzierte Mode.

15.12.2020


Slow Fashion und die Konzepte der nachhaltigen Mode

Gerade erst sind Black-Friday und Cyber-Monday vorbei, da stehen schon die nächsten Rabattaktionen vor der Tür. Doch viele machen bei Fast-Fashion nicht mehr mit. Alternative Konzepte wie Minimalismus, Second Hand und nachhaltig hergestellte Mode bilden einen Gegenpol.

Wohingegen es vor einigen Jahren noch weitgehend gesellschaftlich akzeptiert war, in den nächsten Primark oder KiK zu fahren, um T-Shirts für zwei bis drei Euro zu kaufen, gibt es mittlerweile viele Konsumenten, die solche günstigen Preise hinterfragen. Auch viele Influencer, die vor wenigen Jahren noch jede Woche ein Video über ihre neuesten Käufe produziert haben, nutzen aktuell ihre Reichweite und ihren Einfluss, um den Nachhaltigkeitsaspekt in den Vordergrund zu rücken. Unter Hashtags wie #minimalism und #minimalismusimkleiderschrank zeigen Nutzer in der Social-Media-App Instagram, wie eine Garderobe mit wenigen, aber dafür hochwertigen Teilen funktionieren kann.

Doch wie sieht die Alternative zu Fast Fashion überhaupt aus? Es gibt mittlerweile viele minimalistische Konzepte und umweltschonende Lebensentwürfe, doch die Definitionen sind oft unklar oder überschneiden sich. Im Folgenden sind einige Konzepte kurz erklärt.

Capsule Wardrobe

"Capsule Wardrobe" ist ein Konzept, bei dem es darum geht, einen Kleiderschrank zu kreieren, der zum eigenen Stil und den eigenen Lebensumständen passt. Auf dem Weg dorthin ist zu beachten, nicht jedem Trend hinterherzurennen, sondern reflektiert zu konsumieren und sich immer zu fragen: Passt das zu mir und möchte ich das langfristig behalten? Das System "Capsule Wardrobe" limitiert einen nicht auf eine bestimmte Zahl von Kleidungsstücken, sondern lässt die Freiheit, eine individuelle Garderobe zu kreieren, die die eigenen Bedürfnisse stillt. Jemand, der einer Bürotätigkeit nachgeht, hat natürlich auch mehr Businessklamotten. Jemand, der hingegen viel Sport macht, mehr Trainingsbekleidung. Ziel ist es, qualitativ hochwertige Teile zu besitzen, die man über mehrere Jahre hinweg trägt und nur ab und zu etwas hinzuzufügen, auch gerne gebraucht, wenn sich die Lebensumstände oder der eigene Stil verändern.

Das Projekt 333

Das "Projekt 333" ist im Vergleich zur Capsule Wardrobe deutlich strikter. Hierbei geht es darum, in jeder der drei Jahreszeiten Sommer, Winter und Übergang mit jeweils ausschließlich 33 Teilen auszukommen. Die konkrete Zahl soll dabei nützlich sein, einen Maßstab zu haben, nach dem man sich richten kann. Außerdem besteht ein hoher Signalfaktor: Das Projekt soll aufzeigen, dass es durchaus möglich ist, mit so wenigen Klamotten auszukommen.

No shopping

"No shopping" ist eine strikte Form von Verzicht. Hierbei stellt man sich der Herausforderung, für einen selbst gewählten Zeitraum – beispielsweise ein Jahr – keine neuen Klamotten zu kaufen. Dabei ist einem die Wahlmöglichkeit überlassen, ob sich diese Beschränkung lediglich auf neue Klamotten oder auch auf gebrauchte bezieht. Sieht man etwas, das einem gefällt, solle man alternativ im eigenen Kleiderschrank nach einem ähnlichen Teil suchen, statt neu zu kaufen. Auch das neue Kombinieren alter Klamotten kann ein Weg sein, das Shopping-Bedürfnis zu stillen. Alternativ besteht auch die Möglichkeit, mit anderen Anhängern dieses Trends, Klamotten zu tauschen.

Slow Fashion

Ein Kompromiss und vielmehr eine Art langfristig umsetzbare Lebensweise ist das Konzept "Slow Fashion". Es ist in der Definition sehr flexibel und breit gefächert. Der Grundgedanke dahinter ist der, dass man die Klamotten, die man bereits besitzt, so lange wie möglich trägt. Sobald sie Löcher bekommen oder ihre Farbe verlieren, sollte man sie lieber zur Schneiderin bringen oder färben, anstatt sie direkt wegzuwerfen. Wie Anuschka Rees in ihrem Buch "Das Kleiderschrank-Projekt: Systematisch zum eigenen Stil und zu bewusstem Modekonsum" von 2018 erklärt, geht es bei Slow Fashion um das Finden des eigenen Stils und das Ausbremsen impulsiven Kaufes durch weniger, aber qualitativ hochwertigere Teile im eigenen Kleiderschrank.

Wie viel man besitzt und ob man nach einem der oben genannten Konzepte lebt, ist hierbei eine individuelle Entscheidung. Egal in welcher Form, letztendlich ist es entscheidend, ein Bewusstsein für das eigene Kaufverhalten zu entwickeln und infolgedessen reflektierter zu konsumieren.


Fast Fashion ist ein Problem. Besonders für die Umwelt. Vielen fehlt immer noch das Bewusstsein darüber, wie sehr die Umwelt unter den derzeitigen Produktionsmethoden der Textilbranche leidet.

15.12.2020


Von Fast Fashion zu Slow Fashion – Ein weiter Weg hin zu mehr Nachhaltigkeit

Ein Kommentar

Ob schwarz, bunt, schrill, schlicht, gestreift oder gepunktet. Nichts ist so wandelbar wie die Mode. Doch das hat auch seine Schattenseiten. Was heute in ist, kann nächste Woche schon wieder out sein. Oft werden neue Klamotten schnell und gedankenlos gekauft, ohne zu hinterfragen, ob man sie wirklich braucht. Zuhause angekommen versinken sie dann häufig in den Tiefen des Kleiderschranks, wo sie teilweise noch nach Monaten das Preisschild haben. "Doch alles nicht so schlimm – war ja günstig", mag sich der ein oder andere denken. Die neuesten Trendteile des Sommers lassen schließlich schon auf sich warten. Black-Friday-Sales, Rabottcodes, Instagram- und YouTube-Hauls. Dinge, die es vor ein paar Jahren noch gar nicht gab, verleiten viele Menschen heute dazu, noch mehr und noch häufiger shoppen zu gehen – besonders im Internet. Der Online-Handel boomt. Allein in Deutschland hat er laut Bundesverband E-Commerce und Versandhandel Deutschland e.V. (bevh) im Jahr 2019 70 Milliarden Euro Umsatz gemacht. Zum Vergleich: Fünf Jahre zuvor, 2014, waren es lediglich 42 Milliarden. Ein Zuwachs von 66 Prozent.

Egal, ob beim Kauf im Laden oder online – Die Garderobe wird stetig erweitert. Der Deutsche gibt laut Statistischem Bundesamt im Jahr rund 888 € für Klamotten aus. Das entspricht 4,4 Prozent seines Gehalts. Wobei Frauen sogar doppelt soviel in ihre Garderobe investieren wie Männer. Jährlich werden 60 neue Kleidungsstücke gekauft, 40 Prozent davon werden jedoch nie oder nur einmal getragen. Das fand eine Studie in Auftrag von Greenpeace heraus. Die Devise lautet: Hauptsache billig. Darunter leidet die Qualität. Viele Klamotten bekommen schnell Löcher und andere Gebrauchsspuren, was zu neuem Kaufen führt. Jeder Deutsche wirft jährlich 4,7 Kilogramm Kleidung weg. Europaweit steht Deutschland damit an der Spitze. Um das schlechte Gewissen zu beruhigen und die Gewissheit zu haben, dass noch jemand anderes die Kleidung anziehen könnte, wird viel gespendet, zum Beispiel an das rote Kreuz. Doch die Zahlen sind ernüchternd: Nur bis zu 10 Prozent der gespendeten Kleider kommen geschätzt wirklich bei den Bedürftigen an.

Fast Fashion ist ein Problem. Besonders für die Umwelt. Vielen fehlt immer noch das Bewusstsein darüber, wie sehr die Umwelt unter den derzeitigen Produktionsmethoden der Textilbranche leidet. Laut der Wissenschaftssendung Quarks verursacht die Modebranche jährlich rund 1,2 Billionen Tonnen CO2, das ist mehr als Kreuzfahrten und Langstreckenflüge zusammen. Das rührt unter anderem daher, dass 90 Prozent der Bekleidung, die in Deutschland verkauft wird, aus dem fernen Ausland, wie China und Bangladesch stammt. Davon abgesehen stecken viele Chemikalien in den Textilien – von Kupfer bis Arsen. Auch der Wasserverbrauch, der unter anderem für das Färben der Bekleidung anfällt, ist eine Belastung für die Umwelt.

Neben der Klimabewegung trägt auch der Trend des Minimalismus dazu bei, dass viele Menschen umdenken. Der Grundgedanke dahinter: Weniger ist mehr. Die Autorin Marie Kondo hat einen weltweiten Hype ausgelöst mit der nach ihr benannten Marie-Kondo-Methode. Das Prinzip ist einfach. Man sollte jedes Teil seiner Garderobe unter die Lupe nehmen und sich überlegen: Liebe ich dieses Kleidungsstück und löst es ein Glücksgefühl in mir aus? Und wenn nicht, sollte man sich fragen, ist es nützlich, wie zum Beispiel Socken oder Unterwäsche? Wenn auch das verneint wird, sollte es aussortiert werden, damit jemand anderes Gefallen daran finden kann. Der neue Besitzer kann zum Beispiel bei Kleiderkreisel gefunden werden, einer Online-Plattform, wo Kleidungsstücke getauscht oder verkauft werden können. Auch Tauschabende mit Freunden oder ein regionaler Flohmarkt können Abhilfe verschaffen.

Obwohl nachhaltige Modemarken in aller Munde sind und Second-Hand wieder an Zuspruch gewinnt, ist die Wende von Fast Fashion zu Slow Fashion noch immer in weiter Ferne. Fair produzierte Mode hat ihren Preis. Ein Preis, den nicht jeder bereit ist zu zahlen oder auch gar nicht zahlen kann. Weiterhin wird günstig eingekauft in Läden wie Primark, Only und H&M. Viele Fast-Fashion-Marken haben das Potenzial von Nachhaltigkeit erkannt und eigene Kollektionen herausgebracht. Dennoch ist das umweltschonende Produzieren nicht genug. Es muss auch weniger konsumiert werden und die Klamotten, die man bereits besitzt, müssen länger getragen werden. Nur so kann Fast Fashion verlangsamt werden. Der Umwelt und dem Geldbeutel zu liebe.

Bettina Bocskai, Natalie Daitch, Stefanie Unbehauen

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