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Sonntag, 05.07.2020

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Nach Messer-Attacke: Nürnberger Opfer schildert Leidensweg

Youcef Zouraghi wurde 2013 niedergestochen

Im September 2013 wird Youcef Zouraghi am hellichten Tag in Nürnberg niedergestochen. Bis heute leidet er unter dem Angriff. Er ist auf Medikamente angewiesen und schläft schlecht. © Michael Matejka


Mit den Fingern zupft Youcef Zouraghi Tabak aus einer Tüte. Auf dem Tisch der kleinen Küche steht die Stopfmaschine bereit. Seit er nicht mehr arbeiten kann und von Hartz IV lebt, muss er sparen. Das Rauchen aber kann er nicht aufgeben. Das Nikotin und das Freisetzen weißer Schwaden beruhigen ihn und seine Gedanken.

Zouraghi fingert ein Zigarettenpapier mit einem angeklebten Filter aus einer Plastikbox und versucht, es in die Stopfmaschine zu stecken. Doch die Öffnung ist winzig. Eigentlich braucht es dafür eine ruhige Hand. Er müht sich mehrere Male ohne Erfolg. Noch ein Versuch. Zouraghi zieht die Zigarettenhülle zurück, streift das zerknitterte Papier mit den Fingerspitzen glatt und drückt es wieder an die Maschine. Seine Hand zittert. Im nächsten Augenblick fliegt das Papier zurück in die Box. Diese verdammte Hand. "Das nervt mich", murmelt er.

Um Geld zu sparen, stellt Zouraghi seine Zigaretten selbst her mit einer Stopfmaschine. Dafür braucht es eine ruhige Hand. Doch Zouraghis linke Hand zittert manchmal, so dass das Stopfen nicht klappt. © Christiane Krodel


Die Messerattacke habe ihn sehr verändert, erzählen jene, die Zouraghi schon länger kennen. Er sei trauriger geworden. Das Lächeln, mit dem er sonst durch die Straßen Nürnbergs streifte, verschwunden. Ängstlicher und depressiv sei sein Vater heute, sagt Rafik Zouraghi, 21. Die Zeiten, in denen der Vater beim Umzug allein einen Kühlschrank wuchten konnte, sind vorbei. Sie werden nicht mehr wiederkommen.

Wer Opfer einer Gewalttat wird, muss erleben, wie Fäuste seine Knochen brechen, sich ein Messer in sein Fleisch bohrt, wie Worte, Hass und Demütigung erbarmungslos wüten. Beißender Schmerz, Todesangst und Hilflosigkeit fluten die Nerven. Der Angriff spaltet das Leben in zwei Teile: in jene Jahre vor der Tat und in eine Zeit danach, in der Angst und Leid das Leben lähmen werden.

Obwohl er von Hartz IV leben muss, kann Zouraghi das Rauchen nicht aufgeben. Es beruhigt ihn. © Christiane Krodel


Youcef Zouraghi ist heute 57 Jahre alt und geschieden. Auf seinem Kopf locken sich dicke dunkle Haare. An einigen Stellen sind sie weiß als hätte sich feiner Kreidestaub an sie geheftet. Unter seinen Augen hängen schwarze Ringe. Er trägt Jeans und einen weiten Pullover. Er redet nicht sehr viel. Zouraghi ist in Algerien geboren. Als Mitte der 90er Jahre der Bürgerkrieg tobt und er um sein Leben fürchtet, verlässt er seine Heimat. In Deutschland, so seine Hoffnung, muss er keine Angst mehr haben. Er hat sich geirrt.

Es ist der 27. September 2013, ein Freitag, kurz nach 11 Uhr. Der Schlag trifft Youcef Zouraghi unvorbereitet. Am Hinterkopf. Er steht vor dem Eingang seines Lieblingscafès im Nürnberger Stadtteil Bärenschanze. Mit einem Freund unterhält er sich gerade über die deutsche Fußballnationalmannschaft. Youcef Zouraghi liebt Fußball. Jeden Sonntag kickt er mit seinen Freunden auf der Wöhrder Wiese. Fußball lässt ihn die Welt um sich herum vergessen.

Zouraghi hat keine Chance, die nächste Attacke abzuwehren. Der Angreifer zieht ein Messer aus dem Hosenbund und rammt es ihm in den Bauch. Zouraghi versucht zu fliehen. Weit kommt er nicht. Die Klinge schneidet durch seine Kleidung in seinen Rücken. Sein Körper fällt auf die Pflastersteine des Gehwegs. Wieder und wieder sticht der Angreifer zu. Fünfmal dringt das 15,5 Zentimeter lange und scharfe Metall in Zouraghis rechtes Bein, dreimal in sein linkes. Es durchsticht das Fleisch des linken Oberarms bis es auf der Rückseite des Arms heraustritt.

Zouraghis Körper ist mit Narben übersäht. Der Angreifer verletzte ihn mit dem Messer unter anderem am Arm, am Bein, am Rücken. Die längste Narbe hat Zouraghi am Bauch. Ins Schwimmbad geht er nicht mehr. © Christiane Krodel


Der Angreifer ist Zouraghis ehemaliger Nachbar. Wie Zouraghi kam dieser einst aus Algerien nach Deutschland. Er habe ihm früher viel geholfen, ihn auf Ämter begleitet, für ihn übersetzt, beim Streit mit dem Vermieter vermittelt, erzählt Zouraghi. Als der Mann das Messer in Zouraghis Bauch rammt und in Richtung Brustbein zieht, hält Zouraghi auf einmal seinen Magen und Darm in den Händen. Überall ist Blut.

Youcef Zouraghi steht in seiner Küche. Er bricht in Tränen aus, schluchzt. Mit einer Hand bedeckt er seine Augen. Noch immer fällt es ihm schwer, über den Angriff zu reden. Er öffnet die Tür zum Flur. Er braucht eine kurze Pause.

Wären damals nicht zufällig Sanitäter in der Nähe gewesen, wäre er gestorben, bevor der Krankenwagen die Klinik überhaupt erreicht hätte. Die Ärzte operieren ihn stundenlang und versetzen ihn ins künstliche Koma. Als er Tage später seine Augen öffnet, meint einer der Ärzte: Sie sind ein Wunder.

Einen Monat liegt Zouraghi im Krankenhaus. Langsam heilen die zerschnittenen Gefäße, das Zwerchfell, die Wunden an Haut und Unterhaut, das Brustbein, das beim Angriff gebrochen ist. Lange Narben – stille Zeugen – bleiben. Als er die Klinik verlässt, gestützt auf eine Gehhilfe, wiegt er nur noch 58 Kilogramm. Vorher waren es 80 gewesen. Es folgen vier Wochen Reha. Obwohl die durchtrennte Muskulatur wieder zusammenwächst, die Kraft, wie er sie einst besaß, kommt nicht zurück. Fußball kann er nicht mehr spielen. Das rechte Bein ist teilweise taub. Um schwere Einkäufe nach Hause zu tragen, muss er seinen Sohn Rafik um Hilfe bitten.

Manchmal steht Youcef Zouraghi starr in seiner Küche, ist da und zugleich auch nicht. Rafik berührt ihn dann sanft am Arm und redet beruhigend auf ihn ein: Papa, wir sind in der Wohnung. Es geht dir gut. Ein Arzt diagnostiziert eine schwere psychosomatische Störung.

Nach dem Angriff konnte er keine Messer in die Hand nehmen. Um Brot und Brötchen zu schmieren, benutzte er einen Löffel. © Christiane Krodel


Nach dem Angriff kann Youcef Zouraghi lange Zeit keine Messer berühren. Seine Brote schmiert er mit dem Löffel. Tag und Nacht brennt das Licht, er fühlt sich dann sicherer. Der Arzt hat ihm ein Antidepressivum verschrieben. Neulich hat er die Dosis verdoppelt. Oft liegt Zouraghi nachts wach und schaut Fernsehen. Bei Gewaltszenen schaltet er sofort um.

Um Schlaf zu finden, schluckt er eine Tablette, die ihm sein Arzt verschrieben hat. Er schläft dann zwölf Stunden am Stück. Manchmal wacht er erst nachmittags wieder auf oder am späten Abend. Doch das Medikament hat einen Nachteil: Auch nach dem Schlaf ist der Körper müde und schwer. Ein Tag-Nacht-Rhythmus, ein Stück Normalität, fehlt.

Sein Psychiater hat ihm empfohlen, es noch einmal mit einer Psychotherapie zu versuchen. Eine hat Zouraghi schon hinter sich. Die letzte, eine Gruppentherapie, gefiel ihm nicht. Gegen eine stationäre Behandlung, in der Psychiatrischen Abteilung einer Klinik, sträubt er sich. Die Umgebung sei ihm zu klinisch, sagt er.

Polizist Dahms: Youcef Zouraghi "war fix und fertig"

Arno Dahms (rechts im Bild) arbeitet ehrenamtlich beim Weißen Ring Nürnberg. Der Verein hilft Menschen, die Opfer eines Verbrechens wurden. Auch Youcef Zouraghi suchte sich Hilfe beim Verein - Arno Dahms unterstützt Zouraghi wo er nur kann. © Michael Matejka


Nürnberg, Pfannenschmiedsgasse 24. In dem historischen Gebäude aus Sandsteinquadern befindet sich das Zeughaus der Nürnberger Polizei. In einem Büro im Erdgeschoss sitzt Arno Dahms. Dahms, 67 Jahre alt, trägt einen weißen Bart und dunkle Motorradkluft. Er sieht aus wie ein zwielichtiger Biker. Er ist das Gegenteil. 40 Jahre hat er als Polizist gearbeitet, lange war er beim Spezialeinsatzkommando in Nordbayern. Seit seiner Pensionierung engagiert er sich beim Weißen Ring Nürnberg. Der Verein für Opferhilfe ist bundesweit tätig. Einmal in der Woche beraten Mitglieder des Vereins im Zeughaus Menschen, die ausgeraubt, verprügelt, vergewaltigt wurden.

Arno Dahms erinnert sich noch gut daran, wie er Youcef Zouraghi das erste Mal getroffen hat. "Er war fix und fertig." Dahms versucht, Zouraghi eine neue Wohnung zu besorgen. In der alten schaut dieser auf das Gerichtsgebäude, in dem er bei der Verhandlung auf den Täter traf. Doch die Suche ist mühsam. Zouraghis Arbeitgeber hat ihm kurz vor dem Angriff gekündigt, er lebt daher von Hartz IV. Ein Wohnungswechsel bei einem Sozialhilfeempfänger ist nicht einfach, weiß Dahms. Es muss einen triftigen Grund geben. Es dauert drei Jahre, dann kann Zouraghi umziehen.

Opfer haben Rechte. Darüber und über seine Arbeit informiert der Verein in diversen Brochüren. © Michael Matejka


Dahms telefoniert, füllt mit Zouraghi wichtige Anträge aus, räumt Probleme aus dem Weg. Er ist einer, der mal laut wird, wenn das Amt wichtige Unterlagen verlegt hat.

Früher hat Zouraghi als Hausmeister gearbeitet. Im Saunabereich eines Spaßbades wechselte er defekte Glühbirnen und reparierte kaputte Umkleidekabinen. Eigentlich verbietet ihm sein muslimischer Glaube, sich in der Nähe fremder nackter Frauen aufzuhalten. Doch Zouraghi war es wichtiger, eine Arbeit zu haben.

Er würde gern wieder einer Tätigkeit nachgehen. Laut ärztlichem Attest kann er aber nicht einmal drei Stunden pro Tag arbeiten. Der Antrag auf eine frühzeitige Rente wurde abgelehnt – bereits zum zweiten Mal. Youcef Zouraghi würde gern wieder nach vorne schauen. Doch jedes Mal wenn er duscht, das Wasser über die Narben an seinem Arm und den Beinen rinnt, ist die Vergangenheit wieder präsent.

Vor Gericht gilt der Angreifer als schuldunfähig. Der vorbestrafte Mann ist seit Jahren an einer schizophrenen Psychose erkrankt. Er leidet unter akustischen Halluzinationen. Laut Gerichtsunterlagen ist der Mann beim Angriff überzeugt, dass eine Art "Genie" Zouraghi bewohnen und beeinflussen würde. Der Angreifer wird in einer Psychiatrie untergebracht. Youcef Zouraghi will bei der Staatsanwaltschaft beantragen, dass er informiert wird, wenn sein Peiniger entlassen wird. Er will vorbereitet sein.

Dort stach der Täter immer wieder auf Youcef Zouraghi ein. Er wäre an dieser Stelle fast gestorben. © Christiane Krodel


Die Frage, was heute wäre, wenn er sich an jenem Tag rechtzeitig umgedreht hätte, stellt sich Zouraghi nicht. Sie führt zu nichts. Seit der Gerichtsverhandlung weiß er, dass der Angreifer eine Todesliste mit fünf Namen bei sich trug. Einer lautete: Youcef Zouraghi. Hätte er ihn nicht am Café angegriffen, wäre es ein anderes Mal passiert, ist sich der 57-Jährige sicher.

Vor dem Küchenfenster hat die Dunkelheit mittlerweile die Bäume und Häuser verschluckt. Eigentlich geht Youcef Zouraghi jetzt ungern vor die Tür. Er fühlt sich unwohl, wenn jemand hinter ihm läuft. Doch heute Abend spielt der FC Bayern München, sein Lieblingsverein. Er will sich das Spiel in einem Café ansehen.

Nachts geht Zouraghi ungern raus. Er mag es nicht, wenn Menschen hinter ihm laufen. © Christiane Krodel


Er schließt die Haustür hinter sich zu und nimmt eine Treppenstufe nach der anderen. Das rechte Bein zieht er leicht nach. Draußen zerrt ein eisiger Wind an Gesicht und Kleidung. Wenn es kalt ist, fällt Zouraghi das Gehen besonders schwer. Das Blut zirkuliert dann nicht richtig in seinem Bein. Es wird steif. Fühlt sich an wie ein Muskelkater, sagt Zouraghi. Die Pause an der roten Ampel nutzt er und knetet kurz mit seinen Händen die harte Stelle.

Die Ampel springt auf Grün. Er überquert die Straße, läuft den Gehweg entlang und steht dann vor der Tür des Cafés. Dort drüben auf den grauen Pflastersteinen wäre er fast gestorben. Es sind nur ein paar hundert Meter von seiner Wohnung bis hierher. Er hat für diesen Weg Monate gebraucht.

Christiane Krodel

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